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Fazit | Beitrag vom 24.04.2021

Literaturfestival "Stimmen Afrikas"Die Suche nach sich selbst

Von Gerd Brendel

Die ugandische Schriftstellerin Jennifer N. Makumbi. (picture alliance / Ger Harley / Edinburgh Elitemedia)
Die ugandische Schriftstellerin Jennifer N. Makumbi lebt seit 20 Jahren in Manchester. Sie sagt: "Ich bin durch und durch Afrikanerin." (picture alliance / Ger Harley / Edinburgh Elitemedia)

Die Geschichte Afrikas wird oft von Weißen erzählt. Das Kölner Literaturfestival „Stimmen Afrikas“ setzt ein Zeichen dagegen und lässt afrikanische Autorinnen über die nie einfache Frage nach der Herkunft erzählen.

Die Stimmen Afrikas, die seit gestern im Stream auf der Plattform dringeblieben.de zu hören sind, gehören Schriftstellerinnen, die überall zuhause sind: Jo Güstin, geboren in Kamerun, lebt zur Zeit in Kanada, Nafissatou Dia Diouf lebt in Frankreich und die Uganderin Jennifer N. Makumbi seit 20 Jahren in Manchester.

Trotzdem sagt Makumbi: "Ich mag seit 20 Jahren in Großbritannien leben, aber ich bin durch und durch Afrikanerin. Ich brauche mein Essen, ich brauche Sonne, ich brauche Leute, die so aussehen wie ich, die so reden wie ich, die sich so aufführen wie ich, nur um mich an mein eigenes Menschsein zu erinnern."

Jennifer Makumbi: "She is our stupid"

Die Geschichte von Jennifer Makumbi mit dem Titel "She is our stupid" – in der deutschen Übersetzung: "Sie ist eine von uns" – erzählt von Tante Nakimuli, die nach elf Jahren Abwesenheit überraschend aus England zurückkehrt.

Im Text heißt es: "Eines Abends, dann im Jahr 1972, parkte ein Sondertaxi vom Flughafen im Hof meines Großvaters. Und wer springt fröhlich aus dem Auto? Nakimuli! Als wäre sie nur kurz in der Stadt gewesen."

Nur dass Tante Nakimuli ab jetzt nur noch Tante Flower genannt werden will. Die Jahre in England haben sie nicht nur ihren eigenen Namen vergessen lassen, sondern auch ihren Verstand. Sie kehrt zurück als gebrochene Frau: "Jahr um Jahr läuft Tante Flower durchs Dorf, lacht, redet und raucht. Wenn du Tante Flower wirklich wahnsinnig sehen willst, musst du nur ihren Zigaretten zu nahe kommen."

Makumbis Geschichte spielt in Uganda in den 1970er-Jahren, in einer Zeit, die vor allem in der Erinnerung der "Anderen" fortlebt. "Wenn man herausfinden will, was in den 70ern in Uganda passierte, findet man das in den Büchern, die hauptsächlich von Engländern geschrieben wurden", erklärt die Autorin.

Jo Güstin: "Coucou und das verhasste Schwarz"

Das gilt nicht nur für Uganda, sondern für fast alle ehemaligen Kolonien: Vor allem Sachbücher über ihre Geschichte, Religion und Gesellschaft wurden von Wissenschaftlern aus Europa geschrieben. Deren rassistische Vorstellungen prägten wiederum die Wahrnehmung derer, deren Kultur beschrieben wurde, manchmal von Kindesbeinen an, wie in der Kurzgeschichte "Coucou und das verhasste Schwarz" von Jo Güstin:

Coucou ist ein kleines Mädchen, das wohlbehütet bei ihren beiden lesbischen Müttern aufwächst. All das ist kein Problem, wenn es nicht diese eine Sache gäbe. In der Geschichte heißt es: "Coucou kann Sonntage nicht leiden. Sonntags kommt Niango, um ihr die Haare für die Schulwoche zu flechten. In den Ferien bekommt sie raffinierte Zöpfe oder überhaupt keine, das mag Coucou am liebsten. Wenn sie könnte, würde sie ihr Haar jeden Tag offen im Wind wehen lassen wie die Mädchen im Disney Channel", denn: "Coucou kann Schwarz nicht leiden. Dabei denkt sie immer an die Farbe ihrer Haut, ihre Verzweiflung, niemals der wahren Barbie ähneln zu können."

Als europäischer weißer Leser überrascht der selbstverständliche Alltag eines lesbischen Paares in Kamerun genauso wie die kindliche Wut auf die eigene Hautfarbe. Jo Güstin erzählt, wie sie selbst als kleines Kind zu ihrer schwarzen Lieblingspuppe gekommen ist. Der Junge, dem sie ursprünglich gehörte, wollte sie nicht. "Er fing an, zu weinen, und fürchtete sich vor der schwarzen Puppe."

Nafissatou Dia Diouf: "J'irai à Dakar"

Die Suche nach der eigenen Identität, der eigenen Herkunft, ist auch das Thema der dritten Kurzgeschichte an diesem Wochenende von Nafissatou Dia Diouf: "J'irai à Dakar – Ich fahre nach Dakar". Dia Diouf begleitet ihre Protagonistin auf ihrer Fahrt durch den Senegal, die mit einer Taxifahrt beginnt. Sie schreibt:

"Der Fahrer ist gereizt – kurz vor Schichtende. Es berührt mich nicht. Ich habe keine Lust, ihm sympathisch zu erscheinen, so wenig, wie er meine Lebensgeschichte kennenlernen will. Meine Lebensgeschichte, die kenne ich ja selbst nicht mal." Denn sie ist adoptiert worden und jetzt unterwegs zu ihrem leiblichen Vater.

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Dinge, die wir übersehen, die wir unter den Teppich kehren – darum geht es in den Erzählungen von Dia Diouf, Güstin und Makumbi. Letztere bringt es auf den Punkt:

"Ich habe als Jugendliche Shakespeare gelesen, der über Winter spricht. Dabei bin ich am Äquator aufgewachsen, wo es nur Trocken- und Regenzeit gibt. Trotzdem habe ich ihn verstanden und all die anderen Bücher aus Europa. Ich habe sie gemocht. Und es war überhaupt nicht schlimm, dass ich darin mit meiner Lebenswelt nicht vorkam. Alles, was ich mache, ist, die Lebens- und Erfahrungswelt Afrikas ins Zentrum zu rücken. Die restliche Welt kann sich dem aussetzen, wie ich europäischer Literatur ausgesetzt wurde, und sie kann mich genauso verstehen."

Denn das, was Nafissatou Dia Diouf, Jo Güstin und Jennifer Makumbi beschreiben, sind universelle Erfahrungen. Die Suche nach sich selbst in einer Welt, in der die Frage nach der Herkunft nie einfach ist, egal ob in Afrika, Europa oder sonst wo.

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