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Lesart | Beitrag vom 12.08.2020

Literatur zum FeminismusErfolgsgeschichten im Kampf um Gleichberechtigung

Eva Hepper im Gespräch mit Andrea Gerk

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Eine Frau zeigt ihr Selbstbewusstsein. (imago images / Westend61)
Die feministische Literatur feiert selbstbewusst die Erfolge der Frauen im Kampf um Gleichberechtigung. (imago images / Westend61)

Ein Blick auf die Neuerscheinungen 2020 zeigt: Das Interesse an feministischen Themen ist groß. Das Werk zweier Journalistinnen sticht besonders hervor, die mit ihren Enthüllungen #MeToo ausgelösten. "Spannend wie ein Krimi", sagt Kritikerin Eva Hepper.

Zurück an den Herd und in die Rollenmuster der 50er-Jahre: Durch das Coronavirus wurden Frauen abrupt und unfreiwillig in alte Zeiten zurückversetzt. Über diesen Backlash, der vieles, was im Argen liegt, überdeutlich gezeigt hat, wurde und wird aktuell viel diskutiert.

Auf dem Buchmarkt ist vom Backlash aber noch wenig zu spüren. Dafür gibt es viele Neuerscheinungen, die Verdienste von Frauen hervorheben, und die Frauen ermutigen, aus den tradierten Geschlechterrollen auszubrechen.

Doch auch in den Büchern, die die Erfolge des Feminismus hervorheben, gebe es fast immer ein Aber, sagt Literaturkritikerin Eva Hepper. "Es wird zwar gefeiert, und es gibt auch etwas zu feiern." Trotzdem hätten die Bücher oft ein Kapitel, in dem beschrieben werde, an welchen Stellen es in im Kampf um Geschlechtergerechtigkeit noch hapere. "Der Backlash ist auch immer ein Thema. Immer nach dem Motto: Erkämpfte Rechte können auch wieder zurückgenommen werden."

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Die Verhaltensweisen in der Pandemie zeigten auch, wie über Jahrhunderte gewachsene Strukturen und fest tradierte Rollenmodelle sich eingeschliffen hätten und wie schnell man wieder in den alten Gleisen fahre.

Rückblick auf den #MeToo-Auslöser

Besonders hervorzuheben bei den Neuerscheinungen zum Thema Feminismus ist das Buch der beiden Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey, die gemeinsam mit Ronan Farrow vom "New Yorker" mit ihren Enthüllungen bezüglich des Filmproduzenten Harvey Weinstein ganz wesentlich die #MeToo-Bewegung ausgelöst haben. Die beiden schildern in "#MeToo" ihre Recherchen und die Auswirkungen der Debatte bis heute. "Das ist ein Krimi. Das liest sich ungeheuer spannend", urteilt Hepper.

Die beiden Investigativjournalistinnen der "New York Times" berichten darin, ihnen sei immer mal wieder gesteckt worden, dass es ein Problem gebe. Aber keine der betroffenen Frauen habe ihren Namen in der Öffentlichkeit sehen wollen. Je mehr Kantor und Twohey recherchierten, desto deutlicher wurde für sie: Es handelt sich um ein systemisches Phänomen.

Megan Twohey, links, Jodi Kantor und Ronan Farrow, rechts, stellen sich den Fotografen, nachdem sie mit 2018 den Pulitzer Preis für einen Dienst an der Allgemeinheit erhalten haben. (AP)Megan Twohey, Jodi Kantor und Ronan Farrow wurden für ihre Enthüllungen mit dem Pulitzer-Preis geehrt. (AP)

Interessant, so Hepper, sei auch, mit welchem Aufgebot an Anwälten dann versucht worden sei, die Veröffentlichung zu verhindern. "Man braucht wirklich Mut. Wieviel Mut das braucht, das zu machen, davon erzählen die beiden hier."

Darüber hinaus reflektiere das Buch auch die Zeit nach den Enthüllungen – es gehe schließlich um ein System, nicht nur um Harvey Weinstein allein. In einem beeindruckenden Kapitel, so Hepper, schildern die Autorinnen, wie sie zwölf betroffene Frauen an einen Tisch zusammenbringen und diese dann erzählen lassen, wieviel Mut es brauchte, das Schweigen zu brechen. "Die erzählen, dass sie Hassmails bekommen, dass sie Morddrohungen bekommen. Alle sagen, es war richtig, dass ich das gemacht habe, ich fühle mich ungeheuer befreit. Aber es ist auch ein Preis, den man zahlt."

Das Wissen der Vergangenheit aneignen

Hepper empfiehlt zwei neue Grundlagenwerke zur Geschichte des Feminismus: Sowohl "Big Ideas. Das Feminismus-Buch" und das von Janes Gerhard und Dan Tucker herausgegebene Werk "Feminismus. Die illustrierte Geschichte der weltweiten Frauenbewegung" seien hervorragend. 

Beide schildern die drei Wellen des Feminismus: Den historischen Kampf um das Wahlrecht, die Frauenbewegung der 60er- und 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts und den sehr diversen Feminismus heute. Das Buch "Big Ideas" gehe in seiner Schilderung der feministischen Bewegung sogar bis ins Jahr 1734 zurück, als in Schweden Männern verboten wurde, den Besitz ihrer Frauen ohne deren Einwilligung zu verkaufen.

"How to be a Feminist" von der Norwegerin Marta Breen wiederum habe den Charakter eines Ratgeberbuch. Alle drei Bücher heben hervor, wie viel im Kampf um Geschlechtergerechtigkeit schon erreicht wurde. Gleichzeitig betonen alle drei, das Erreichte sei stets der Gefahr ausgesetzt, wieder in Vergessenheit geraten, stellt Hepper heraus.

Leserinnen und Leser würden also dringlich aufgefordert, sich mit der Geschichte des Feminismus zu befassen. "Leute, Ihr müsst das wissen! Fangt nicht immer wieder bei Null an", fasst Hepper den Appell der neuen feministischen Werke zusammen. Argumente und Gegenargumenten wiederholten sich in der Geschichte: "Eignet Euch dieses Wissen an, dann habt Ihr gleich Argumente, die ihr losfeuern könnt."

Dem Schönheitswahn die kalte Schulter zeigen

Für Mädchen empfiehlt Hepper das Buch "Girl Guide. Wie Du lernst, Deinen Körper zu lieben wie er ist". In dem Ratgeber geht es um den Schönheitswahn. Vollkommen "unverkrampft" beleuchte das Buch das Phänomen, sagt Hepper. "Es wäre wirklich toll, wenn es gelingen würde, dass junge Mädchen irgendwie da rauskämen aus dem ganzen Krampf, wie sie aussehen müssen, in welche Kleidergröße sie passen müssen, wie man eine Handtasche zu tragen hat, und ob es Rosa oder Blau sein muss."

(mfu)

#MeToo

Jodi Kantor/Megan Twohey: "#Me Too. Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung"
Übersetzt von Judith Elze und Katrin Harlaß
Tropen Verlag, Stuttgart 2020
352 Seiten, 18 Euro

Historie und Grundlagen des Feminismus

Georgie Carroll u.a.: "Big Ideas. Das Feminismus-Buch"
Übersetzt von Ute Mareik und Anke Wellner-Kempf
Dorling Kindersley, München 2020
352 Seiten, 24,95 Euro

Mona Chollet: "Hexen. Die unbesiegte Macht der Frauen"
Übersetzt von Birgit Althaler
Edition Nautilus, Hamburg 2020
288 Seiten, 20 Euro

Janes Gerhard/Dan Tucker (Hrsg.): "Feminismus. Die illustrierte Geschichte der weltweiten Frauenbewegung"
Prestel, München 2020
256 Seiten, 32 Euro

Marta Breen: "How to be a Feminist. Die Power skandinavischer Frauen und was wir von ihnen lernen können"
Übersetzt von Nora Pröfrock
Elisabeth Sandmann, München 2020
160 Seiten, 15 Euro

Caroline Criado-Perez: "Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert"
Übersetzt von Stephanie Singh
btb, München 2020,
496 Seiten, 15,- Euro

Mineke Schipper: "Mythos Geschlecht. Eine Weltgeschichte weiblicher Macht und Ohnmacht
Übersetzt von Bärbel Jänicke
Klett-Cotta, Stuttgart 2020
362 Seiten, 24 Euro

Das besondere feministische Buch

Yann Arthus-Bertrand/Anastasia Mikova: "Woman. Was wir erleben, träumen, hoffen"
Übersetzt von Kristin Lohmann und Jutta Schiborr Knesebeck, München 2020

Libby Jones: "Striptease daheim"
Matthes & Seitz, Berlin 2020 (September)
144 Seiten, 15 Euro

Feministisches Jugendbuch

Marawa Ibrahim/Sinem Erkas (Illustration): "Girl Guide. Wie du lernst, deinen Körper so zu lieben, wie er ist" 
Übersetzt von Katharina Meyer
Carlsen Hamburg 2020
224 Seiten, 14 Euro

Kim Liggett: "The Grace Year" 
Übersetzt von Birgit Salzmann
Oettinger, Hamburg 2020
416 Seiten, 22 Euro

Reshma Saujani: "Mutig, nicht perfekt. Warum Jungen scheitern dürfen und Mädchen alles richtig machen müssen"
Aus dem Englischen von Susanne Rudloff
Dumont, Köln 2020 (erscheint am 18. August)
224 Seiten, 20 Euro 

Lesart

Bob Woodward: "Wut"Ein Präsident redet sich in Rage
Cover des Buchs "Wut": darauf ein sehr nahes Porträt von Donald Trump, nur die eine Gesichtshälfte ist zu sehen, darauf in roten Buchstaben der Titel "Wut".  (Carl Hanser Verlag / Deutschlandradio)

Insgesamt 17 Interviews hat die US-amerikanische Reporterlegende Bob Woodward mit US-Präsident Donald Trump geführt. In seinem jetzt auf Deutsch erscheinenden Buch "Wut" kommt Woodward zu dem Schluss: Trump sei "der falsche Mann für den Job".Mehr

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