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Literatur | Beitrag vom 25.12.2020

Literatur und WissenschaftVom Leben der Häuser

Kooperation mit dem Literaturhaus Berlin

Andreas Schäfer und Dieter Nägelke im Gespräch mit Dorothea Westphal

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Die Villa Riehl in der Spitzweggasse in Potsdam-Babelsberg wurde 1907 von dem Architekten Ludwig Mies erbaut, der sich später Mies van der Rohe nannte. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Die Villa Riehl in der Spitzweggasse in Potsdam-Babelsberg wurde 1907 von dem Architekten Ludwig Mies erbaut, der sich später Mies van der Rohe nannte. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Können Häuser ein Eigenleben entwickeln, womöglich dem Leben seiner Bewohner schaden? In dem neuen Roman "Das Gartenzimmer“ von Andreas Schäfer geht es um eine 1909 gebaute Villa, um den Architekten, die Bewohner und um ein dunkles Geheimnis.

Das Haus, sagt Andreas Schäfer, sei eigentlich erst als zweites da gewesen. Er hatte eine Geschichte erzählen wollen, die im Berliner Stadtteil Dahlem spielt. Ihn habe die Mischung aus Reichtum und Wissenschaft interessiert, denn Dahlem wurde Anfang des 20. Jahrhunderts als Villenkolonie und als Ort des Geistes und der Forschung gleichermaßen gegründet, indem dort die Kaiser-Wilhelm-Institute entstanden. Er sagt: "Diese Zweigesichtigkeit von Dahlem hat mich fasziniert und ich wollte das über ein Jahrhundert erzählen." Die Form habe noch gefehlt, doch dann sei er auf das Haus gekommen: "Und als ich das hatte, kam das Haus nach Dahlem und ins Buch hinein."

Dieter Nägelke leitet das Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin, das älteste Architekturmuseum in Deutschland – eine große Sammlung überwiegend an Architekturzeichnungen, die auch digital zugänglich ist. Zweimal monatlich bespricht Nägelke in der Reihe "Sehstücke" außerdem ein besonderes Stück dieser Sammlung.

Die Kunst, Bestehendes zu transformieren

Hatte er bei der Lektüre ein bestimmtes Haus vor Augen? Die Villa Riehl in Potsdam Babelsberg von Mies van der Rohe, erzählt er, das sei unvermeidlich, wenn man sich in der Zeit auskenne, und andererseits nicht wichtig. "Es geht ja, so habe ich den Roman verstanden, prototypisch um ein Reformwerk dieser Jahre, um diese Zwischenzeit um 1910 herum, die ja in der Rückschau sehr spannend geworden ist. Und dass es darum ging, das, was am Historismus problematisch geworden war, zu überwinden und dabei aber die Tradition nicht gänzlich über Bord zu werfen. Und das ist ja ein bisschen das Thema dieses Hauses."

Buchcover zu Andreas Schäfer: "Das Gartenzimmer" (Dumont/Deutschlandradio)In seinem Roman "Das Gartenzimmer" erzählt Autor Andreas Schäfer von der Villa Rosen in Berlin. (Dumont/Deutschlandradio)

Überzeugend findet Nägelke das fiktive Haus als Scharnier zwischen alt und neu durchaus: "Leider habe ich es ja nicht gesehen, aber so, wie ich es mir zusammenimaginiere, ist es überzeugend. Und es gibt ja dieses hübsche Motiv, wo der Architekt dieses Hauses, Max Taubert, auf seinen ehemaligen Chef, Herrn Wagner, trifft und Herr Wagner ein bisschen angefressen ist und sagt, Max Taubert habe bei ihm geklaut und bestimmte Motive verwendet, und Taubert dann ganz souverän den Wagner in die Ecke stellt, indem er sagt: "Ja, aber ich habe diese Motive zu etwas ganz anderem zusammengebunden" und bringt damit zum Ausdruck, dass eine künstlerische Leistung auch darin bestehen kann, Bestehendes zu transformieren."

Mit drei Komponenten jonglieren

Max Taubert, mit Anfang 20 noch sehr jung, stand vor der schwierigen Aufgabe, die unterschiedlichen Wünsche des Ehepaars Rosen unter einen Hut zu bringen. Das gelang ihm erst, als er seine eigene Vision des Hauses umsetzte oder, wie es im Roman heißt: "seine eigenen Wünsche im Haus versteckt."
"Architekt*innen haben viele Konflikte auszuhalten", sagt Nägelke. "Schon der antike Architekturtheoretiker Vitruv hat die Bedingungen von Architekten in drei Worten beschrieben. Das ist die Schönheit, aber ebenso die Nützlichkeit und die Dauerhaftigkeit oder die Gebrauchsfähigkeit von etwas, also das Technische, das Funktionale und das Ästhetische." Zwischen diesen drei Komponenten müsse man jonglieren. Das sei die ganze Kunst der Architektur." Und das macht er eben und dieses Bild, das Andreas Schäfer entwickelt, dass Taubert seine eigene Vision entwickelt, um die Anziehungskraft dieser drei Kugeln in den Griff zu bekommen, das finde ich sehr schön."

Eine Figur mit berühmten Vorbildern

Max Taubert ist eine fiktive Figur – eine Mischung aus berühmten Architekten dieser Zeit wie Mies van der Rohe, die Brüder Bruno und Max Taut oder Walter Gropius. Eine historische Figur habe er nicht genommen, weil er dann unfrei gewesen wäre, sagt Schäfer. "Dann hätte ich vielleicht auf Anhieb mehr Aufmerksamkeit bekommen, weil der Name einfach so groß ist, aber ich hätte mich dann an dieser Biografie und an den bekannten Stationen und Konflikten abarbeiten müssen und das hat mir nicht behagt."

Kunst und Selbstvermarktung

Taubert startet eine große Karriere, wie viele Architekten aus dieser Zeit. Schäfer hat ihn mit einem soliden Selbstbewusstsein ausgestattet, eine Eigenschaft, die Architekten einfach haben müssten, sagt Nägelke:

"Ich finde ihn gelungen und zwar in den Anklängen an reale Personen und in dem, was hinzugekommen ist. Ich habe im Vorfeld noch mal mit Kollegen darüber gesprochen und wir sind wieder dazu gekommen, dass Architektur, so wie sie sich im 19. und 20. Jahrhundert entwickelt hat, ein sehr konkurrenzbeladenes Gewerbe ist."

Das gelte zwar für andere Berufe auch, aber der Aufwand, der betrieben werden müsse, um einen großen Auftrag zu ergattern, sei enorm hoch. Da müsse man von dem, was man täte, schon sehr überzeugt sein. Ein Zwiespalt sei das: Künstler zu sein, also jemand, der sein Handwerk versteht, und dazu noch für sich werben, sich vermarkten zu müssen.

Und dazu käme, so Schäfer, auch noch die Nähe zu den Auftraggebern. "Man muss auch eine gewisse soziale Geschmeidigkeit entwickeln, und das ist manchmal auch dann schwer zusammenzubringen."

Berühmt erst im Exil

Die Villa Rosen wird später zu einem Baudenkmal. Doch der Architekt hatte sich da längst von seinem Werk distanziert. Das hatte auch mit der Tatsache zu tun, dass er nach dem ersten Weltkrieg lange nicht bauen konnte und wie viele seiner Kollegen in dieser Zeit seine Kreativität in utopischen Entwürfen auslebte. Auch wollte er architektonisch einen Neuanfang, der nicht zu diesem ersten Werk passte. Wie andere Architekten ging er während des Zweiten Weltkriegs ins Exil in die USA und wurde dort berühmt.

Die Villa Rosen steht nach dem Krieg längere Zeit leer, wird dann von der Freien Universität genutzt und Mitte der 90er-Jahre von der Familie Lekebusch gekauft und restauriert. Ein Sog gehe von dem Haus aus, findet Frieder Lekebusch.

Das Geheimnis der Häuser

Die Wirkung von Orten habe etwas Geheimnisvolles, meint Schäfer. Natürlich spielten Proportionen und Sichtachsen eine Rolle, aber ganz auflösen ließe sich das Rätsel nicht. "Ja, das ist auch letztlich das Rätsel der Kunst", ergänzt Nägelke. In der Architektur könne man durch Anwendung der Regeln viel richtig oder durch Missachtung der Regeln viel falsch machen, aber das Geheimnis ließe sich dadurch sicherlich nicht packen.

"Interessant ist", sagt er, "nachdem es Ende des 19. Jahrhunderts schon mal so etwas wie Architekturpsychologie gab, haben wir jetzt an der TU wieder ein Forschungsgebiet, das sich mit Architekturpsychologie beschäftigt und das genau diesen Fragen nachgeht, also welche Bedingungen sorgen dafür, dass Architektur so oder so empfunden wird."
Und Schäfer ergänzt: "Ein Haus ist einfach auch ein archetypischer Ort, an dem wahnsinnig viele Emotionen hochkommen und mit ihm verbunden sind."

Eine Art Glücksversprechen

Bestimmte Erwartungen seien mit dem Kauf eines Hauses verbunden. "Ein Haus", sagt Schäfer, "ist ja auch so eine Art Glücksversprechen und gleichzeitig hat ein Haus eine Verbindung in die Vergangenheit und man schreibt sich auch in eine Tradition ein".

Frieder und Hannah Lekebusch haben allerdings sehr unterschiedliche Erwartungen an das Haus. Hannah geht ganz in der Vorstellung auf, es als Baudenkmal der Öffentlichkeit zu präsentieren und veranstaltet Führungen. Doch zu viel Öffentlichkeit tut dem Familienleben nicht gut.

Ein grausiges Geheimnis

Das titelgebende Gartenzimmer birgt außerdem ein grausiges Geheimnis, das mit der Nazizeit zusammenhängt. Haften bliebe so etwas nicht, meint Dieter Nägelke, genauso wenig wie ein Haus eine Seele habe. Aber schreckliche Dinge, die in einem Haus passiert seien, könnten einen so sehr stören, dass man sich dort nicht wohl fühlen würde. "Ich glaube, ich wäre gern in dieses Haus eingezogen", erzählt er. "Es ist ein schönes Haus. Aber in dem Moment, in dem ich die Geschichte dieses Hauses erfahren hätte, hätte ich dort nicht wohnen mögen."

Wenn man von den Dingen weiß, verlangen sie einen Umgang damit, sagt Schäfer. Stolpersteine seien eine angemessene Möglichkeit, um auf das hinzuweisen, was während der Nazizeit in einem Haus passiert sei. "So kann es ein Erinnerungsort sein", meint er, "und gleichzeitig ein Ort, der bewohnt werden kann." Anders ginge es auch gar nicht, ergänzt Nägelke, auf Schritt und Tritt seien wir schließlich von Geschichte umgeben, in Berlin ganz besonders. An jeder Ecke könnte man das Grauen rekonstruieren.

Der Geist eines Hauses

Für den Autor Andreas Schäfer war es literarisch interessant, mit dem Gedanken zu spielen, dass eine Art schlechter Geist in so einem Haus bliebe. "Ich wollte das Haus als etwas Reales und dann auch als einen archetypischen Ort, eine Phantasie, eine Projektion beschreiben und das immer so schwanken lassen zwischen Stein und Traum. Und wenn da etwas sitzt, dann sitzt es ja nicht in den Wänden, sondern hat zu tun mit den Menschen."

(DW)

Sie hören die längere Fassung unserer Sendung vom 27. November 2020.

Mehr zum Thema

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