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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 27.05.2016

Literatur und KolonialismusRobinson Crusoe als Kolonialherr

Von Michael Reitz

Auf einem Militärstützpunkt in der deutschen Kolonie Kamerun wird von in Tropenanzüge gekleideten Männern eine Fahne gehisst (undatierte Aufnahme aus der Kolonialzeit). Von 1884 bis zum Ersten Weltkrieg war Kamerun eine deutsche Kolonie, dann wurde es 1916 unter Großbritannien und Frankreich aufgeteilt. (picture-alliance / dpa )
Auf einem Militärstützpunkt in der deutschen Kolonie Kamerun wird von in Tropenanzüge gekleideten Männern eine Fahne gehisst (undatierte Aufnahme aus der Kolonialzeit). (picture-alliance / dpa )

Von Rudyard Kiplings "Dschungelbuch" bis zu Christian Krachts "Imperium": Literatur zum Thema Kolonialismus reicht von literarisch untermauertem Sendungsbewusstsein bis zur ironisch-kritischen Auseinandersetzung. Das Thema in unserem Feature.

Defoes Roman von 1719 etwa ist nicht nur die Geschichte eines Abenteuers, weiß der Leipziger Anglistik-Professor Oliver Lindner.

"In dem Verhältnis von Freitag, dem Diener, und Crusoe selbst als dem Herren, werden ganz programmatisch Dinge festgeschrieben, wie eine koloniale Beziehung funktionieren sollte. Das heißt, mit einem dankbaren aufnahmebereiten und immer zur Stelle seienden Diener – und natürlich mit Crusoe, als dem britischen Kolonialherren, der aber mit viel Güte waltet und das Einverständnis des Dieners somit auch hervorbringt."

Knapp 150 Jahre später tritt Rudyard Kipling mit einem literarisch untermauerten Sendungsbewusstsein auf den Plan, das dem Kolonialismus eine pädagogische Dimension verleihen soll: statt brutaler Unterdrückung die Einbeziehung der unterworfenen Völker in die westliche Lebensart.

Propaganda und Kritik in literarischer Form

In der Literatur Joseph Conrads dagegen scheitern die Charaktere exemplarisch an der kolonialen Wirklichkeit. In "Allmayers Wahn" oder "Lord Jim" gibt es keine Überlegenheit des weißen Menschen, sondern an sich selbst zweifelnde Existenzen.  Der Leipziger Literaturwissenschaftler Elmar Schenkel, Autor einer Conrad-Biografie sagt:

"Bei Conrad ist es auch so, dass der Kolonialismus auch eher ein Vorhang ist, den man vielleicht beiseiteschieben muss. Und dann sieht man, das sind universale Probleme, über die er schreibt und die er anspricht. Man lässt sich oft ablenken durch dieses historische Bild Kolonialismus. Das sind dann so Aufklebbilder, die auf Tabakschachteln vielleicht sind oder auf Kaffeedosen. Damit hat es eigentlich nicht so viel zu tun."

Nach reinster kolonialer Propaganda in literarischer Form zu Zeiten des Deutschen Kaiserreichs nehmen zeitgenössische Autoren wie Christian Kracht oder Ludwig Fels aus mehr als hundertjähriger Distanz den Faden der kolonialen Erzählungen kritisch wieder auf.

Hören Sie unser Feature "Im Herzen der Finsternis?" am Freitag, den 27. Mai 2016 ab 19:30 Uhr. Das Feature zum Nachlesen gibt es hier als PDF oder im barrierefreien Txt-Format.

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