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Zeitfragen | Beitrag vom 08.11.2019

Literatur nach dem MauerfallSich schreibend der Vergangenheit nähern

Julia Schoch und David Wagner im Gespräch mit Frank Meyer

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Eine Collage zeigt den Autor David Wagner neben einem Porträtbild der Autorin Julia Schoch. (imago images / Gerhard Leber, picture alliance)
David Wagner und Julia Schoch eint das genaue Hinschauen und das präzise Schreiben über Vergangenheit und Gegenwart in West und Ost. (imago images / Gerhard Leber, picture alliance)

30 Jahre nach dem Mauerfall sprechen die Autorin Julia Schoch und der Autor David Wagner über Literatur im Osten und im Westen Deutschlands. Gibt es diese Unterschiede weiterhin? Und inwiefern spielen die unterschiedlichen Prägungen eine Rolle?

Julia Schoch und David Wagner fallen nicht nur durch politische Haltungen oder Stellungnahmen auf, ihr Werk ist auch gekennzeichnet durch genaues Hinschauen und das präzise Schreiben über Vergangenheit und Gegenwart in Ost und West.

Wie lange verfolgt uns die Vergangenheit?

Julia Schoch wuchs in Mecklenburg auf und lebt in Potsdam. Vom Untergang der DDR, vom Leben mit diesem einschneidenden Umbruch und der Freiheit, die sich plötzlich eröffnete, erzählt sie in ihrem Roman "Mit der Geschwindigkeit des Sommers" und in ihrem jüngsten Buch "Schöne Seelen und Komplizen". Ehemalige Schülerinnen und Schüler eines DDR-Gymnasiums blicken darin auf ihr Leben seit dem Mauerfall zurück und ziehen Bilanz. Wie lange verfolgt uns die Vergangenheit, fragt Julia Schoch und macht anhand privater Leben einen historischen Umbruch erfahrbar.

David Wagner wuchs im Rheinland auf und lebt in Berlin. In seinem vielgelobten Debüt von 2000 "Meine nachtblaue Hose" blickt er zurück auf die Kindheit in einer westdeutschen Reihenhaussiedlung und blendet die Geschichte dabei nicht aus. Mit dem in Ostdeutschland aufgewachsenen Autor Jochen Schmidt entstand vor einigen Jahren das Buch "Drüben und Drüben", für das gerade der biografische Unterschied der Ausgangspunkt war. In seinem neuen Buch "Der vergessliche Riese" geht es nicht nur um die Demenzerkrankung des Vaters des Ich-Erzählers und die Folgen für die Familie, sondern auch um die Rückkehr in die Landschaft der Kindheit. In den Dialogen zwischen Vater und Sohn scheinen Erinnerungen, aber auch Aspekte deutscher Geschichte auf.

Unterschiedliche Formen des Verschwindens

Mit welcher Haltung kehrt man zurück in die Herkunftslandschaft? Und ist es ein Unterschied, ob man aus dem Westen oder dem Osten kommt?

"Ich glaube, es macht keinen Unterschied", antwortet Julia Schoch. Sie habe sich ganz allgemein für das Vergehen von Zeit interessiert und was das mit den Menschen und Landschaften mache.

"Dass Kulturräume wieder in Naturräume umgewandelt werden, ich glaube, das gibt es überall auf der Welt. Das hat nichts mit dem Osten Deutschlands zu tun, aber es war da ganz besonders gut zu sehen nochmal."

So sei sie nicht darauf vorbereitet gewesen, dass bestimmte Orte ihrer Kindheit plötzlich nicht mehr da waren. Dieses Verschwinden hatte für sie sowohl etwas Trauriges als auch etwas Magisches, was dann ein wichtiger Impuls für ihre literarische Arbeit war.

Diese Form des Verschwindens hat David Wagner bei seiner Rückkehr in die Umgebung von Bonn so nicht erlebt und sieht darin dann auch einen großen Unterschied: "Wenn ich da bin, sehe ich, äußerlich ist das unverändert oder nur noch eine Spur hässlicher oder an manchen Stellen sind neue Häuser gebaut worden oder abgerissen worden. Ich schau da drauf, und die Landschaft tut vielleicht noch so, als hätte sich gar nichts verändert."

Kein unschuldiges Zurückblicken

Das Zurückschauen sei schon ein anderes, sagt Julia Schoch: "Weil ich das Gefühl habe, ich kann nicht unschuldig darüber schreiben, weil es einen offiziellen Diskurs gibt, der ja auch in der Politik gepflegt wird und der beispielsweise die Ostdeutschen als eine große Masse suggeriert, die es so natürlich nicht gab, und dass die eigenen speziellen Erfahrungen nichts mehr taugen oder nichts mehr wert sind. Und da ist, glaube ich, die große Chance für die Literatur, dieses Gewebe wieder aufzureißen und neu zu stricken und zu schauen, was sind denn die einzelnen Erfahrungen? Und dieses große Gewebe ergibt ja dann erst diese Erzählung."

"Literatur", meint David Wagner, "versucht ja, eine Antwort darauf zu finden, was ist das Leben und was machen wir hier? Wenn ich mich zurückbegebe, wird bei diesem Blick auf Westdeutschland klar, dass da natürlich auch nicht alles stimmt und nicht alles in Ordnung ist."

Die ökologische Frage sei das eine: Ein Land, in dem alles dem Auto untergeordnet sei. Das andere sei die Nazivergangenheit, die in den Kellern und auf den Dachböden buchstäblich herumläge. Diese müsse man bei der westdeutschen Geschichte immer mitdenken.

Die Kraft der Literatur

Die Frage, ob sie sich als ostdeutsche Autorin empfinde, beantwortet Julia Schoch mit nein. Dies sei ein Label, das ihr angeheftet worden sei, das sie in bestimmten Kontexten aber benutze.

David Wagner empfindet sich als Berliner Autor. Interessanterweise sei er aber in den USA einmal als "West-German Author" bezeichnet worden.

Ein Gespräch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer über Kindheiten in Ost und West, Erinnerungen, Identität, Leseerfahrungen und die Kraft der Literatur.

"Die Literatur ist schon besonders, weil sie eben erzählt und keine Urteile fällen muss", so Julia Schoch. "Und dass sie diesen übergeordneten Raum schaffen kann, der von vielen Menschen verstanden wird, weil sie sich um das Existenzielle und weniger um das Politische kümmert."

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