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Lesart | Beitrag vom 04.12.2018

Literarischer Adventskalender (4)Maël Renouard: "Fragmente eines unendlichen Gedächtnisses"

Von Kolja Mensing

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Hinter dem vierten Türchen unseres Literarischen Adventskalenders verbirgt sich "Fragmente eines unendlichen Gedächtnisses" von Maël Renouard. (Diaphanes / Montage DLF Kultur)
Heute in unserem Adventskalender: "Fragmente eines unendlichen Gedächtnisses" von Maël Renouard. (Diaphanes / Montage DLF Kultur)

Was passiert mit uns, wenn wir nichts mehr vergessen können? Der französische Philosoph und Schriftsteller Maël Renouard fragt anhand von digitalen Alltagsphänomenen nach der Zukunft der Erinnerung im Zeitalter von Internet und Social Media.

Ich habe schnell noch einmal gegoogelt, welches Buch ich letztes Jahr hier im Adventskalender verschenkt habe. Ich habe den Titel auch sofort gefunden – und auch die Titel der Jahre davor. Das Internet vergisst nichts: Um dieses manchmal leicht beunruhigende Phänomen geht es in dem Essay "Fragmente eines unendlichen Gedächtnisses", in dem der französische Schriftsteller und Philosoph Maël Renouard der Frage nachgeht, wie wir und unsere Gesellschaft sich verändern, wenn alles, aber auch wirklich alles für immer gespeichert wird.

Konkrete digitale Alltagserfahrungen

Das Schöne ist, dass Renouard dieser Frage anhand von sehr konkreten digitalen Alltagserfahrungen nachspürt. Zum Beispiel denkt er darüber nach, was passiert, wenn man mitten in der Nacht auf Youtube nach Musik von vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren sucht.

Man tritt, schreibt er, in eine "Gemeinschaft einsamer Individuen" ein, die durch das "zweideutige Gefühl" beherrscht wird, einer Zeit wiederzubegegnen, "die zunächst schlicht und einfach verloren war." Kurz: Es geht um Melancholie, um eine neue Form technisch induzierten Wehmuts.

Die dunkle, emotionale Seite der glitzernden Social-Media-Welt: Das ist auch das Thema, um das die Gespräche kreisen, die ich mit meiner Kollegin Jana führe. Das letzte Mal waren wir uns unter anderem nicht so ganz einig, ob sich beim Lesen von digitalen Texten eigentlich die gleichen Intensitätsgefühle einstellen, wie bei der Lektüre eines gedruckten Buchs.

Und obwohl ich Janas Antwort kenne, schenke ich Ihr "Fragmente eines unendlichen Gedächtnisses" in Form von Papier. Eine E-Book-Ausgabe gibt es nämlich nicht.

Maël Renouard: "Fragmente eines unendlichen Gedächtnisses"
Aus dem Französischen von Heinz Jatho
Diaphanes, Zürich 2018
238 Seiten, 20 Euro

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