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Lesart | Beitrag vom 22.06.2019

Lisa Herzog: "Die Rettung der Arbeit"Von dem Versuch, Erwerbstätigkeit neu zu denken

Von Carolin Born

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Im Vordergrund ist das Cover des Buches "Die Rettung der Arbeit", im Hintergrund der Sitz der Firma Youtube. (Hanser Verlag / Picture Alliance / xim.gs / Philipp Szyza)
Es ist fraglich, ob die Unternehmen im Kapitalismus ihre Macht an ihre Angestellten auch nur teilweise abgeben würden. (Hanser Verlag / Picture Alliance / xim.gs / Philipp Szyza)

Weniger zu arbeiten ist gut: Man hat mehr Freizeit. Oder schlecht: Man verdient weniger. Autorin Lisa Herzog will nicht die Menschen von der Arbeit befreien, sondern die Arbeit von ihren Schattenseiten: Sie sei etwas Soziales, das Menschen zusammenbringe.

Wer etwas retten möchte, der braucht dafür eine Bedrohung. Die entwirft Lisa Herzog gleich im ersten Satz ihres Buches: "Wenn die Algorithmen kommen, wer werden die Gewinner sein und wer die Verlierer?"

Entsprechende Zukunftsszenarien wären demnach: Die einen haben durch die Digitalisierung mehr Freizeit. Doch für die anderen bedeute sie schlicht Unsicherheit und Armut. Damit es so weit nicht kommt, hat Lisa Herzog ein Plädoyer für eine gerechte und demokratische Arbeitswelt geschrieben.

Arbeit ist eine Gemeinschaftsleistung

Dass Arbeit an sich etwas ist, das sich zu retten lohnt, begründet die Professorin für Politische Philosophie im ersten Teil des Buches, das wie ein Lob der Arbeit anmutet: Sie sei eine "zutiefst menschliche Angelegenheit" und viel mehr als ein bloßes Mittel zum Geldverdienen. Deswegen grenzt sie sich deutlich von der Hoffnung ab, dass zukünftig die Maschinen die Arbeit erledigen und Menschen montagmorgens nicht mehr aufstehen müssen.

Lisa Herzog entscheidet sich, an eine lange Kontroverse seit dem 19. Jahrhundert anknüpfend, dafür, nicht die Menschen von der Arbeit, sondern die Arbeit selbst befreien zu wollen. Das heißt für sie vor allem, rechtliche und soziale Spielregeln für alle aufzustellen, anstatt das einfach den Märkten zu überlassen.

Zentral ist dabei für sie die soziale Seite der Arbeit. Sie bringe uns miteinander in Kontakt und sei fast immer eine Gemeinschaftsleistung. Hier wettert die Autorin gegen den Geniekult im Silicon Valley. Die wahren Heldinnen und Helden unserer Zeit sind für sie Whistleblower, die in unübersichtlichen Systemen Missstände aufdecken.

Mehr Demokratie im Betrieb wagen

Analog zur Politik will sie auch die Wirtschaft demokratisieren, und zwar mithilfe neuer Kommunikationsmöglichkeiten: So ließen sich Onlinetools dafür nutzen, dass Mitarbeiter in Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Oder die Belegschaft darf über die Chefin gleich selbst abstimmen. Demgegenüber warnt sie davor, dass digitale Software auch zur Kontrolle am Arbeitsplatz missbraucht werden kann.

Worüber Lisa Herzog in ihrem "politischen Manifest" kaum schreibt, ist, dass es in einer kapitalistischen Arbeitswelt auch gegensätzliche Interessen gibt. Es ist fraglich, ob Unternehmen dazu bereit sind, ihr ohne Zweifel engagiertes Programm zur "Rettung der Arbeit" zu realisieren.  

Schön wäre es zudem, beim Stichwort Digitalisierung nicht nur beispielsweise von Arbeit auf Abruf per App zu lesen, sondern auch darüber, was in den Betrieben konkret ansteht und welche Zumutungen dadurch auf die Belegschaft zukommen. Dennoch wirft Herzog in ihrem Buch viele grundsätzliche Fragen über die Arbeit auf und regt zum Weiterdenken an – und das wesentlich anschaulicher und durchdachter als so manches Weißbuch über Arbeit 4.0.

Lisa Herzog: "Die Rettung der Arbeit. Ein politischer Aufruf"
Hanser Verlag, Berlin 2019
224 Seiten. 22 Euro.

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