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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 04.07.2017

Linus NeumannVom Hacker zum Politikberater

Moderation: Katrin Heise

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Linus Neumann vom Chaos Computer Club (Deutschlandradio / Torben Waleczek)
Linus Neumann vom Chaos Computer Club (Deutschlandradio / Torben Waleczek)

Seit seinem zehnten Lebensjahr ist Linus Neumann fasziniert von der Welt der Quellcodes. Sein Wissen über Bits und Bytes macht den 34-jährigen Sprecher des Chaos Computer Clubs zu einem gefragten Mann – besonders beim Thema IT-Sicherheit.

Es gab einmal Nerds im Kapuzenpulli, die ihre Zeit vor dem Computer verbrachten, statt mit Freunden auf Partys zu gehen. Inzwischen sind Hacker zu einer Art Ikone der digitalen Welt geworden. Linus Neumann ist einer von ihnen.

Von Kindesbeinen an hat er sich im Programmieren versucht, denn seine Eltern hatten ihm statt eines Nintendos, den er sich gewünscht hatte, einen C64 geschenkt.

"Auf einer gewissen Weise war ich immer ein bisschen anders auch als meine Generation, weil ich eben Dinge selber machen wollte, weniger konsumieren wollte, Websites gebaut habe, Dinge programmiert habe."

Er habe auch viel von seinem Vater, einem Berufsschullehrer, gelernt, der selbst von den Möglichkeiten der Computertechnik fasziniert war.

"Vor 20 Jahren hat man so einen Computer regelmäßig an- und ausgeschaltet und mein Vater hat ihn irgendwann manipuliert, dass wenn man ihn eingeschaltet hat, er eine Mathematikaufgabe gestellt hat, bevor er weiter gebootet ist. Und wir haben die Aufgabe gelöst und uns das Ergebnis aufgeschrieben und beim nächsten Mal gemerkt, dass der Computer eine andere Aufgabe gestellt hat. Und dieser Zustand war natürlich nicht haltbar.

Dann habe ich mich auf dem Computer umgesehen und festgestellt, in welcher Form er manipuliert wurde, und habe dieses Programm, was quasi – man kann es sehen – wie so eine Passwortabfrage funktioniert, nur dass er das Passwort jedes Mal geändert hatte, und ich habe dieses Programm so geändert, dass er eine Antwort immer als richtig genommen hat.

Aber wenn mein Vater diesen Computer selber kontrolliert, hat er seine Aufgabe trotzdem gesehen und dachte, das wäre alles in Ordnung. Das war ein kleiner Kampf, der mir relativ viel darüber beigebracht hat, dass so ein Computer eben viele Dinge im Hintergrund tun kann, die dem Nutzer nicht offensichtlich sind."

Immer größere Sicherheitsprobleme

Könner wie Linus Neumann  werden händeringend gesucht – von staatlichen Institutionen genauso wie von privaten Firmen, denn die zunehmende Digitalisierung offenbart auch immer größere Sicherheitsprobleme.

"Der Stand der IT-Sicherheit ist weit hinter dem zurück, was wir der IT anvertrauen", stellt Linus Neumann nüchtern fest. Er gehört zu den Sprechern des Chaos Computer Clubs, in dem Hacker versammelt sind, die längst als gefragte Experten gelten.

"Es geht primär darum, den Hacksport auf eine Weise ethischen Prinzipien zu unterziehen. Das war klar, man kann damit relativ viel Böses machen, man kann irgendwo einbrechen, man kann da Schaden anrichten, aber wir vom Chaos Computer Club sagen: Das ist nicht das, was wir wollen. Wir möchten diese Systeme besser machen, wir möchten verstehen, klar, wir wollen auch die Herausforderung, irgendwo einzubrechen. Aber wir sind keine Einbrecher. Wir haben uns ethisch das auf die Fahnen geschrieben, dass wir uns mit der IT-Sicherheit, mit den Daten usw. auseinandersetzen und dass wir sagen, wir behalten dieses Wissen nicht für uns, sondern wir wollen, dass die Gesellschaft vorankommt".

Maßnahmen wie Staatstrojaner auf Wirksamkeit prüfen

Den Einsatz von Staatstrojanern und anderer Sicherheitssoftware sieht Linus Neumann eher kritisch.

"Mich würde echt freuen, wenn wir uns auf Sicherheitsmaßnahmen beschränken würden, die wirklich Sicherheit bieten, und eine der wichtigsten Forderungen des CCC ist gerade bei Grundrechtseinschränkungen, dass wir überhaupt mal erstens evidenzbasiert rangehen, und dass wir dann, wenn wir solche Gesetze beschließen, einfach nur sagen okay, wir schauen jetzt, für fünf Jahre machen wir das und dann wollen wir bitte sehen, ob das was gebracht hat. Ob das in irgendeiner Weise die Welt zu einem sicheren Ort gemacht hat.

Und bedauerlicherweise stellen wir bei solchen Sachen wir der Vorratsdatenspeicherung fest, dass das nicht der Fall ist. Die Staaten, die eine Vorratsdatenspeicherung haben, haben keine geringere Kriminalitätsrate. Die habe auch keine höhere Aufklärungsrate. Und wir werden, glaube ich, als Gesellschaft damit leben müssen, dass wir ein Restrisiko haben, Handtaschendieben und Terroristen zum Opfer zu fallen."

Die goldenen Zeiten sind vorbei

Der 34-Jährige arbeitet, bestens bezahlt,  für private Firmen und berät seit längerem Politiker, indem er in Anhörungen auftritt oder schriftliche Stellungnahmen verfasst. Er sei sich aber bewusst, dass es bald vorbei sein könnte mit seinem Sonderstatus.

"Man verdient gerade deshalb gut daran, weil es relativ wenige Leute gibt, die das können. Das heißt, wir haben diese Idee vom Arbeitsmarkt und da gibt es gerade eine hohe Nachfrage. Und jetzt sind gerade die goldenen Zeiten der IT-Sicherheit.

Ich bin Berufspessimist und gehe davon aus, dass sich das relativ bald irgendwie nivellieren wird, weil natürlich viele Leute in diesem Bereich eine Ausbildung suchen und das studieren oder sich selber schulen. Wir haben bei unseren Kongressen, die wir im Winter abhalten, 12.000 Besucher, die alle sich dafür interessieren, d.h. diese goldenen Zeiten mit den hohen Tagessätzen, die werden irgendwann vorbei sein."

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