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Lesart | Beitrag vom 11.06.2018

Linn Ullmann über ihr Buch "Die Unruhigen""Ich wollte über eine Familie mit viel Liebe schreiben"

Moderation: Andrea Gerk

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Die norwegische Schriftstellerin Linn Ullmann (MTI)
Die norwegische Schriftstellerin Linn Ullmann, Tochter von Schauspielerin Liv Ullmann und Regisseur Ingmar Bergman. (MTI)

Der Erwartungsdruck ist groß, wenn eine prominente Schriftstellerin über ihren berühmten Vater schreibt. "Die Unruhigen" ist nun ein Buch über die innige Beziehung zwischen Tochter Linn Ullmann und ihren Eltern Liv Ullmann und Ingmar Bergman geworden.

Andrea Gerk: Kind berühmter Elter zu sein ist nicht immer nur ein Segen – das weiß man aus zahlreichen Künstlerbiographien. Die Norwegerin Linn Ullmann ist die Tochter der Schauspielerin Liv Ullmann und ihr Vater war der schwedische Filmemacher Ingmar Bergman. 1997 nahm sie für ihn in Cannes die Palme der Palmen als bester Regisseur aller Zeiten entgegen. Linn Ullmann selbst ist eine bedeutende Schriftstellerin, ihre Romane wurden vielfach ausgezeichnet und jetzt ist ihr neues Werk auf deutsch erschienen unter dem Titel "Die Unruhigen". Und Linn Ullmann ist jetzt bei mir im Studio, guten Tag, herzlich willkommen!

Linn Ullmann: Danke, dass ich hier sein darf!

(Luchterhand)Das Buchcover (Luchterhand)Gerk: Auf dem Umschlag Ihres Romans sieht man ein Foto, das zeigt ein kleines, schmales Mädchen und einen etwas älteren Mann, etwas verschwommen, man vermutet, das sind Sie und Ihr Vater. Wer sind die beiden?

Ullmann: Das Cover des Buches zeigt ein altes Bild von meinem Vater und mir, das hatte ich vor langer Zeit mal in einem Album gefunden und dann mit dem Handy abfotografiert und es dann einfach vergessen. Und als ich das Buch geschrieben habe, habe ich mir überlegt, was denn auf das Cover soll, und da habe ich dann dieses Foto auf dem Handy wiedergefunden, das Originalbild war inzwischen verschwunden. Und es war so verschwommen und kaum noch zu erkennen, wer da drauf war, dass mir das gefallen hat.

Ich mochte diese schlechte Qualität. Und dass man nicht weiß, wer genau das ist, was es genau zeigt, das ist so ein bisschen wie die Erinnerung, das verschwimmt auch. Und ich mag auch, wie wir beide auf diesem Foto aussehen, so tough, so badass – also ein bisschen wild, durchsetzungsfähig, kann man sagen. Und die Geschichte, die ich geschrieben habe, in der geht es ja um Liebe und auch um Dinge, die zerbrochen sind, die kaputt gegangen sind. Und ich denke, dass das Foto das ganz gut ausdrücken kann.

Das Buchcover – ein Symbol

Gerk: Ist das Bild nicht auch ein schönes Symbol eigentlich dafür, was wir für ein Bild von öffentlichen Personen haben? Also Ihr weltberühmter Vater, wir haben ja alle ein Bild von solchen Personen, aber dieses Bild ist eben verschwommen. Liegt Ihr Text, dieser Roman, nicht genau in diesem Zwischenbereich?

Ullmann: Ich denke, dass das Bild so typische Familienfoto-Eigenschaften hat. Also es zeigt einfach einen Vater und eine Tochter, die jeder Vater und jede Tochter sein könnten. Und die Idee, die ich hatte, als ich das Buch schrieb, war einfach, die Geschichte von einem Vater, von einer Mutter, von einer Tochter aufzuschreiben – von einer Familie, über Erinnerungen, über Vergessen, über Aufwachsen und Altwerden. Ich wollte nicht über zwei oder drei Berühmtheiten schreiben, das hat mich nicht interessiert. Ruhm an sich interessiert mich nicht.

Der Choreograph Merce Cunningham – ich interessiere mich sehr für Tanz und Choreographie – hat mal gesagt, als er anfing als Choreograph zu arbeiten, dass das Zentrum der Bühne gar nicht der interessanteste Teil ist, was in der Mitte passiert, sondern was an den Rändern passiert, in den Ecken, hinten. Dort, wo man zuerst vielleicht gar nicht hinguckt, in den anderen Teilen der Bühne, an die man gar nicht so denkt. Und da wollte ich mit meiner Geschichte hin.

Gerk: Es geht ja in dem Roman, Sie haben das selbst schon gesagt, um die Geschichte eines Mädchens und ihres Vaters. Und es gibt eine Art roten Faden und das sind so Tonbandaufnahmen, die die Tochter versucht, mit dem Vater zu machen. Und das klappt dann irgendwie doch nicht so ganz, die Aufnahmen sind technisch ganz schlecht und der Vater ist eigentlich schon zu alt, um diese Aufgabe noch zu bewältigen. Gibt es diese Tonbänder tatsächlich?

July 30, 2007 - INGMAR BERGMAN IM AUDITORIUM DES DRAMATISCHEN THEATERS, STOCKHOLM, SCHWEDEN (imago stock&people)Der Regisseur Ingmar Bergman (1918-2007). (imago stock&people)

Ullmann: Ja, ich nenne das Buch einen Roman, weil das eine offene Form ist, wegen der Form. Der Roman steht der essayistischen Form offen, der dokumentarischen, dem Märchen, den Memoiren – also sozusagen eine genreübergreifende Textform. Und die Tapes sind in dem Fall der dokumentarische Teil des Romans. Und die Tapes sind eigentlich wiederum das Ergebnis eines aufgegeben Buchprojektes. Also, mein Vater hatte die Idee, dass er darüber schreiben möchte oder reden möchte, wie es ist, alt zu sein. Er fand das interessant, er wollte herausfinden, was mit ihm passiert, wie seine Sprache verschwindet, wie er die Worte verliert, wie sein Körper weniger kraftvoll wird, und so weiter. Und er wollte ein Buch darüber schreiben, hat dann aber festgestellt, dass er zu alt dafür ist.

Deswegen haben wir überlegt, dass wir das zusammen machen, dass ich ihn interviewe und er antwortet, ich ihm die Fragen stelle. Also es wurde ein gemeinsames Projekt geplant und das fanden wir ganz aufregend und waren sehr glücklich darüber – so sehr, dass wir uns in die Pläne vertieften, ohne wirklich anzufangen, weil die Pläne so viel Spaß gemacht haben. Und als wir dann schließlich so weit waren, mit dem Interview anzufangen und die Aufnahmen zu machen, war er wirklich schon sehr alt.

Die Tonaufnahmen waren ein Fiasko

Wir haben dann trotzdem sechs Interviews gemacht, sechs verschiedene Aufnahmen, die mir aber zu diesem Zeitpunkt wie ein totales Fiasko erschienen. Er war wirklich zu alt, er hat keine klaren Antworten mehr gegeben, es wurde improvisiert, nichts lief nach Plan. Und mein Gefühl war, dass wir bei der Aufgabe, die wir uns vorgenommen haben, versagt hatten. Aber jetzt, aus der heutigen Perspektive, sechs Jahre später, habe ich diese Bänder wieder gehört – und für mich erschienen sie dann als etwas völlig anderes, nämlich als Transkripte vom Rand des Lebens.

Also, man merkt, dass wir nicht wissen, was wir sagen wollen, aber wir sagen etwas, wir tun es trotzdem. Das ist gleichzeitig lustig, seltsam, liebenswert, verrückt. Und was dabei rauskommt, das ist wirklich ein interessantes Dokument, ich habe es geschnitten – also selbstverständlich –, um es verwenden zu können. Nicht komplett, aber ich habe nichts verändert. Und diese geschnittene Fassung ist sozusagen Teil des Buches geworden, in dem es um Erinnerung geht.

Ingmar Bergmans Altern

Gerk: Das Altern ihres Vaters ist das eigentliche Thema des Buchs. Frau Ullmann, Sie erzählen sehr berührend von seiner Hinfälligkeit, seiner Empfindlichkeit. Er mag gar keine Berührungen mehr am Schluss, er vergisst, wer er ist. Und einmal heißt es im Text, kann man um Menschen trauern, die noch leben? Ist dieses Buch eine Antwort auf diese Frage?

Ullmann: Es ist eigentlich eine Elegie, es ist der erste Teil einer Trilogie von Elegien. Es geht darum, was Trauer bedeutet, wie man trauert, kann man Leute betrauern, die noch leben, wie macht man es, wenn sie bereits tot sind. Ich glaube nicht, dass das Buch eine Antwort darauf gibt, aber es geht definitiv um Trauer. Das Ganze wollte ich allerdings in einem fast heiteren Tonfall stattfinden lassen, also fast wie bei einem Tanz oder wie bei der Musik von Mahalia Jackson, also eher so feiernd als trauernd. Nicht dunkel, nicht düster, so wie ein Beerdigungsmarsch in New Orleans. Ja, also wirklich so wie die Musik von Mahalia Jackson, die war mir sehr wichtig, als ich das Buch schrieb.

Der Vater hörte lieber Bach als zum Essen zu kommen

Gerk: Jetzt haben Sie die Musik schon selbst angesprochen, danach wollte ich Sie natürlich auch fragen, denn die spielt ja auch eine wichtige Rolle in dem Buch. Der Vater hört lieber Bach am Ende, als dass er zum Essen kommt. Das letzte Kapitel trägt auch eine musikalische Bezeichnung, und es gibt auch komponierte Wiederholungen im Text. Welche Rolle spielt Musik für Sie, auch für Ihr Schreiben?

Ullmann: Musik spielt eine enorm wichtige Rolle in dem Buch, also sowohl was den Aufbau, was auch die Struktur, die Form des Buches betrifft. Bach spielt eine besonders wichtige Rolle, denn das ist sozusagen auch eine Art Liebesbrief an meinen Vater, denn für ihn, als alles weg war, gab es immer noch diese sechs Cello-Suiten von Bach. Die letzte war dann die Gigue, dann gab es vorher noch eine Sarabande, so hieß sein letzter Film, auch eine dieser Suiten.

In den sechs Teilen des Buches wollte ich auf verschiedene Art und Weise die Themen Zeit und Erinnerung ansprechen, in unterschiedlichem Tempo und mit unterschiedlichem Ansatz. Und das zeigt auch die Bedeutung der Struktur und der Form des Buches. Beim Schreiben eines Romans geht es ja sehr stark um Form, ohne Form gibt es nichts.

Die norwegische Schauspielerin Liv Ullmann (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)Liv Ullmann (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)

Gerk: Und das ist ja auch ein großes Thema in dem Buch: Die Wahrnehmung, die Bilder, die Musik haben wir schon angesprochen. Die Kunst – und die Figuren sind ja alle Künstler, es geht im Prinzip auch um drei Künstler. Ich fand das auch zum Teil ganz amüsant, dass die aber auch gleichzeitig eben, sie machen ihre Kunst und vernachlässigen das Mädchen, weil sie so besessen sind davon, und gleichzeitig wird aber sehr auf Pünktlichkeit geachtet und auf Ordnung und auf Arbeit, das ist ein ganz wichtiges Wort in diesem Roman. Ist das so die Beamtenseite des Künstlertums, die da auf so eine amüsante Weise zutage tritt?

Ullmann: Ich denke, Pünktlichkeit und das Konzept von Zeit ist allen Figuren in diesem Buch wichtig. Und es ist auch wichtig für das Buch selber, denn es gibt so viel Chaos, so viel Unruhe und so viel Angst, dass Zeit und Pünktlichkeit als Möglichkeiten gesehen werden, diesen Bedrohungen zu entkommen oder diese Mächte zu kontrollieren.

Ich wollte aber schreiben vor allem über eine große Familie, über eine Familie mit viel Liebe, mit vielen verschiedenen Projekten, mit vielen Dingen, die diese immer wieder in Angriff nehmen wollen und machen wollen, die oft nicht gelingen, die oft kaputt gehen, zerstört werden, wo die Protagonisten aber trotzdem jeden Morgen neu aufstehen und wieder von vorne anfangen, und sich nicht entmutigen lassen. Versuchen, ihr Chaos in den Begriff zu bekommen durch Pünktlichkeit, durch Arbeit, durch Schaffenskraft. Und ich denke nicht, dass das eine Geschichte ist über Eltern, die ihr Kind vernachlässigen.

"Ich liebte meine Mutter als Kind wahnsinnig"

Ich wollte aber eine Mutter-Tochter-Geschichte schreiben, denn meine Mutter war ja eine alleinstehende, arbeitende Mutter – und es ist auch eine Art Liebesgeschichte gewesen, die ich schreiben wollte. Also ich liebte meine Mutter als Kind wahnsinnig, ganz enorm, ich wollte immer bei ihr sein, sie sollte eigentlich gar nicht weg gehen.

Ich war aber noch so klein, dass ich diesen Gefühlen keinen Namen geben konnte, ich wusste gar nicht, was das genau war. Und es war so stark, diese Liebe, dass auch wenn sie jetzt immer da gewesen wäre, ich sie wahrscheinlich trotzdem vermisst hätte. So eine Art von Liebe sorgt für Unruhe, für Durcheinander. Über diese Liebesbeziehung, eine problematische, gestörte, gleichzeitig lustige und auch traurige Liebesgeschichte zwischen einem Mädchen und ihrer Mutter.

Ein Buch über das Erinnern

Gerk: Ihr Roman "Die Unruhigen" ist aber ja auch ein Buch über das Erinnern. Sie zitieren am Ende einen Roman des Vaters: "Das Spiel ist vermutlich deutlicher als die Wirklichkeit", heißt es da. Haben Sie das auch noch mal so erlebt, dass Erinnern auch immer ein Erfinden ist, ein Konstruieren?

Ullmann: Ich denke, das Schreiben kann so sein. Wenn man jetzt einen Film dreht oder Musik macht, also, wenn man ein Buch schreibt, wird das zur Realität. Mich haben ganz oft Leute gefragt, ist das so passiert, ist das so passiert? Im Buch ist es so. Und mein Vater hat zum Beispiel selber ein Buch über seine Eltern geschrieben, er hat danach gefragt, wie sie wirklich waren, sie erschienen ihm immer so rätselhaft und er hat sich gefragt, wie sie wirklich waren.

Und ich habe ihn dann auch zu diesem Buch befragt, war das wirklich so? Und jetzt schreibe ich über meine Eltern, die mir ebenfalls rätselhaft erschienen, wer sind diese mysteriösen Menschen, und durch das Schreiben werden sie auf dem Papier lebendig, anders als im echten Leben, anders als in der Realität, aber so funktioniert Kunst, so funktioniert schreiben.

Das Gegenteil der Spontaneität

Gerk: Wenn Sie jetzt spontan an Ihre Eltern denken, was für ein Bild kommt Ihnen dann in den Kopf?

Ullmann: Das ändert sich, glaube ich, jeden Tag, ist das bei Ihnen nicht auch so, könnten Sie diese Frage beantworten? Ein Buch zu schreiben ist ja kein spontaner Akt, man geht da ja mit sehr viel Bedacht und Sorgfalt vor. Und so ein Bild, das man von seiner Familie hat, von seinen Eltern, das ändert sich ja täglich. Man sieht das ja immer neu. Und Leute, die wir lieben, es geht ja nicht nur die Eltern, es geht ja auch darum, Kinder zu haben, was es heißt, Mutter zu sein, und so weiter.

Das Bild der Familie und auch das Bild, was man von sich selber hat, das ändert sich eben permanent, es steht nie fest. Und diese Tatsache, dass es sich eben immer verändert und nie feststeht, wollte ich in meinem Buch festhalten – und das ist das Gegenteil der Spontaneität.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Linn Ullmann, "Die Unruhigen"
Luchterhand Literaturverlag, 2018
416 Seiten, 22,00 Euro
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