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Lesart | Beitrag vom 08.06.2018

Linn Ullmann: "Die Unruhigen"Spurensuche und Selbstvergewisserung

Von Carsten Hueck

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Buchcover Linn Ullmann: "Die Unruhigen" (Luchterhand / picture-alliance / dpa)
Wie ein roter Faden zieht sich ein Gespräch mit Ingmar Bergman durch das Buch. (Luchterhand / picture-alliance / dpa)

"Die Unruhigen" von Linn Ullmann ist mehr als eine Autobiografie oder das Porträt einer berühmten Familie. Denn der Tochter von Liv Ullmann und Ingmar Bergman gelingt es, Momentaufnahmen zu einem vielschichtigen Roman zu formen.

Ein Mann kneift ein Auge zu. Er legt Daumen und Zeigefinger zu einem Viereck zusammen und betrachtet dadurch sein Gegenüber. Er macht ein Bild. Wer mit der Familiengeschichte von Linn Ullmann vertraut ist, wundert sich nicht über diese Szene in ihrem neuen Roman "Die Unruhigen". Ihre Mutter heißt Liv Ullmann, ihr Vater Ingmar Bergman. Das Bildermachen war sein Beruf.

Bilder prägen sich ein. Man vergisst sie nicht, sie werden zu Erinnerungen. Diese aber sind nicht statisch, also das Gegenteil eines Bildes. Sie werden, und davon erzählt Linn Ullmann, neu gedeutet, je nach zunehmender Erfahrung, wachsendem Alter des Betrachters oder wechselndem Blickwinkel.

Der rote Faden ist ein Gespräch mit dem Vater

Zu Beginn des Romans erzählt die Autorin in der dritten Person. Die Namen der gefeierten Schauspielerin Liv Ullmann und des weltbekannten Regisseurs Ingmar Bergman tauchen jedoch nicht auf. Es gibt "die Mutter", "den Vater" und "das Mädchen". Als es geboren wird, ist die Mutter deutlich jünger als der Vater mit seinen 48 Jahren – genauso alt wie Ingmar Bergman, als Linn Ullmann als jüngstes seiner neun Kinder zur Welt kam.

Wer nun Linn Ullmanns vielschichtigen Roman als schlichte Autobiografie der Autorin oder als Porträt ihrer berühmten Eltern zu lesen gewillt ist, wird dem kunstvollen literarischen Geflecht nicht gerecht. Ullmann verwischt die Konturen der realen Personen, hat kein Interesse, sie identifizierbar zu machen, verwendet aber Zitate aus Briefen und Tagebüchern des Vaters, sowie – quasi der rote Faden des Buches - das Transkript eines Gesprächs, das sie wenige Monate vor seinem Tod bei mehreren Treffen auf Tonband aufgenommen hatte.

"Sechs Aufnahmen. Wenn mein Vater noch lebte, hätte ich ihn nach den Pausen gefragt. Der Stille. Den Zwischenräumen. Wie gibt man sie wieder? Wie hätte er es gemacht?"

Bewegende Momentaufnahmen

Linn Ullmanns Erzählkunst dehnt eben jene Zwischenräume. Das, was nicht gesagt wird. Das Fragwürdige und Ungeklärte. Ihr Blick richtet sich immer wieder auf Details, das Muster eines Hemdes, eine Landschaft, einen Alltagsgegenstand. In ruhigen, elliptischen Bewegungen wechselt sie von Vergangenheit in die Gegenwart, von der dritten zur ersten Person. Irgendwann sagt sie "Ich" und bekennt die Notwendigkeit, wirkliche Personen zu fiktionalisieren, um ihnen Leben einzuhauchen. Und das funktioniert hervorragend: Ihr Roman ist eine Vater-Tochter-Geschichte, eine Mutter-Tochter-Geschichte, Selbstvergewisserung und Spurensuche einer Erzählerin: Wer bin ich, und wie wurde ich, wer ich bin? Was kann ich festhalten von dem, was ich gesehen und erlebt habe?

Die Erzählerin, mal Kind, mal Frau, geliebt, aber einsam, souverän, ist auf der Suche. Ihr geht es auch um die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Kunst - was sie vor allem in der einfühlsamen Auseinandersetzung mit dem sterbenden Vater auf anrührende Weise spürbar macht. Essen will er nicht mehr, aber Bach hören.

Linn Ullmanns Roman gelingt Widersprüchliches: Er verweigert sich dem bloß Realen, erschafft aber etwas Authentisches. "Die Unruhigen" löst Leben in Bilder auf. Oder verbindet Momentaufnahmen zu einer Erzählung. Die nicht statisch ist, sondern bewegend und bewegt.

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