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Interview | Beitrag vom 06.11.2018

Linguistin Elisabeth Wehling"Trump spricht auf dem Niveau eines Viertklässlers"

Moderation: Ute Welty

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Donald Trump in Montana; er steht auf einer Bühne, hinter ihm Zuschauer. (AFP)
US-Präsident Donald Trump im Wahlkampf in Montana (AFP)

Für Sprachforscher ist US-Präsident Donald Trump hochinteressant, sagt die Linguistin Elisabeth Wehling. Er sei gut darin, seine Interpretation der Welt sprachlich simpel auszudrücken. Auch Angst zu schüren, gehöre zu seiner Erfolgsformel.

Zwei Jahre nach dem Wahlsieg von Präsident Donald Trump stehen in den USA heute die Zwischenwahlen für das Repräsentantenhaus und Teile des Senats an. Trump steht zwar selbst nicht zur Wahl, aber die Abstimmung ist für den Verlauf seiner weiteren Amtszeit wichtig. 

Während seine politischen Inhalte auf viel Kritik stoßen, bescheinigt ihm die Linguistin Elisabeth Wehling, mit seiner schlichten Sprache erfolgreich zu sein. Er mache vieles richtig, was andere Politiker falsch machten.

"Trump spricht auf dem Niveau eines Viertklässlers, und das ist erst mal gar nicht falsch", sagte die Sprachexpertin.    

  


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Die Midterms in den USA – bei diesen Zwischenwahlen geht es um das komplette Repräsentantenhaus und um einen Drittel der Sitze im Senat. Nicht auf dem Wahlzettel steht der Name des Präsidenten und doch gibt es eigentlich keinen, der nicht aus der Abstimmung ablesen will, wie es denn um Donald Trump und seine Regierung steht.

Elisabeth Wehling ist Linguistin, sie lehrt an der Universität Berkeley in Kalifornien und ist zurzeit in Deutschland unterwegs. Guten Morgen, Frau Wehling!

Elisabeth Wehling: Hallo, schönen guten Morgen!

Welty: Trump ist vermutlich unvergleichlich, nicht nur in seiner Wirkung, sondern auch aufgrund seiner Wortwahl. Wie sehr haben Sie sich über diesen Typen gefreut als die Wortforscherin?

Wehling: Na ja, als die Wortforscherin, ich bin damals wegen George W. Bush in die USA ursprünglich mal gegangen unter anderem, und da ging es auch schon heiß her, aber natürlich ist Trump eine Person, die linguistisch hochinteressant ist.

Das sage ich eigentlich auch gar nicht scherzend, denn er ist zwar ideologisch, also was seine Inhalte angeht, die Frage, was will er programmatisch umsetzen und wie spricht er vielleicht auch mit Gegnern, da gibt es natürlich jede Menge, wo man sagen kann, Mensch, das ist zum Teil zumindest fragwürdig oder geht mal richtig unter die Gürtellinie.

Aber von seiner Sprache her ist er tatsächlich ein Phänomen aus Sicht der Neurokognitionsforschung, weil er einfach so, so, so viele Dinge richtig macht, die andere Politiker falsch machen.

Erfolgreich dank einfacher Sprache

Welty: Was macht er denn richtig?

Wehling: Zum Beispiel beginnt das mit der Einfachheit seiner Sprache. Wir sind ja in der Politik gerne bei einer eher komplexen Sprache, drücken Dinge ein bisschen unverständlich manchmal aus, und wir wissen von der Forschung her, dass Wörter, die Dinge benennen, die in unserer direkten Welterfahrung liegen, dass solche Wörter für das Gehirn besonders relevant und interessant sind und dass wir uns Fakten besser merken, wenn sie in einfache Wörter eingebettet sind.

In den USA geborene Kinder von Migranten protestieren gegen Donald Trump (dpa / picture alliance  / Felipe Chac)In den USA geborene Kinder von Migranten protestieren gegen Donald Trump (dpa / picture alliance / Felipe Chac)

Trump spricht auf dem Niveau eines Viertklässlers, und das ist erst mal gar nicht falsch. Ich mache mal ein Beispiel: Wenn wir sagen, wir wollen die Natur schützen, und wir sagen, wir schützen natürliche Ressourcen – unser Gehirn hat natürliche Ressourcen nie erlebt, geschmeckt, gerochen, angefasst, gesehen. Wenn wir sagen, wir schützen Wasser und Luft und Erdboden und so weiter, da kommt das Gehirn ganz anders mit, und das macht der Trump.

Politisches Framing

Welty: Ein Fachwort aus der Wissenschaft sagt, politisches Framing ist sozusagen das Mittel zum Zweck. Ist Trump ein Meister darin, die Anschauung auf die Vorgänge in seiner Sichtweise zu lenken?

Wehling: Absolut ja. Also politisches Framing bedeutet ja, dass ich ein und dieselbe Faktenlage, sprechen wir meinetwegen von der Steuerreform jetzt in den USA, ein und dieselbe Faktenlage aus unterschiedlichen ideologischen Perspektiven heraus erst einmal denke, daraus entsteht dann meine Programmatik, aber natürlich im zweiten Schritt auch kommunizieren muss.

Da haben Sie vollkommen richtig gerade sagt, ist Trump jemand, der unglaublich – von allem anderen abgesehen, Unwahrheiten und so weiter –, jemand, der unglaublich gut darin ist, seine ideologisch-moralische Interpretation der Welt sprachlich aufzumachen, sei das jetzt mit Bezug auf die Steuerreform, dass das sozusagen eine Erleichterung für die besonderen Leistungsträger – aus seiner Sicht – im Land ist oder sei das rund um die Geschichte an der Grenze in Richtung Mexiko. Das kann er richtig, richtig gut.

21.10.2018, Mexiko, Ciudad Hidalgo: Mittelamerikanische Migranten marschieren in Richtung USA. Foto: Iván Sánchez/dpa | Verwendung weltweit (dpa/Iván Sánchez)Migranten aus Mittelamerika marschieren derzeit durch Mexiko in Richtung USA (dpa/Iván Sánchez)

Welty: Welche Rolle spielt die Angst in seiner Argumentation beziehungsweise in seiner Rhetorik?

"Angst spielt eine große Rolle bei ihm"

Wehling: Ja, Angst spielt eine große Rolle bei ihm, und da muss man sagen, ganz generell aus der Ideologieforschung heraus, dass Menschen, die an autoritär-sozialdarwinistische Weltbilder glauben … Was ist das, das klingt jetzt ein bisschen kompliziert, ist es eigentlich gar nicht. Sozialdarwinismus heißt, die Welt ist im Wettkampf miteinander, und die Stärksten setzen sich durch, und das ist auch gut so.

Autoritär ist dann sozusagen die Idee, na ja, aus diesem Wettkampf in der Welt gibt es dann so eine Art moralische Hierarchie, weil manche schaffen es ja nach oben, und die sind dann besonders gut, dann haben die eine besondere Autorität. So, und dieses Weltbild, das hat er eben, und das kommuniziert er wunderbar.

Allerdings braucht man für ein sozialdarwinistisches Weltbild, also für die Idee, dass wir zum Beispiel Ressourcen umverteilen müssen, weil wir in einem Kampf stehen, für die Idee, dass es okay ist, wenn es jetzt Menschen vielleicht mal ein bisschen schlechter geht, weil wir in einem Kampf stehen, braucht man natürlich eine Bedrohung, und diese Bedrohung, diese Angst, die macht er auf, weil es für seine Weltsicht, für seine Ideologie ganz, ganz wichtig ist, Bedrohungen von außen zu haben.

Dazu gehört einmal jetzt die Migrantengruppe, die durch Mexiko in Richtung Amerika kommt und dort Asyl sucht, da gehört aber auch dazu natürliche die Bedrohung im eigenen Land durch die politischen Gegner, die er da sehr gerne kriminalisiert mit Metaphern. Zum Beispiel, Sie erinnern das noch aus dem Wahlkampf: "Lock her up, lock her up!", also "schließt sie weg", die Hillary.

Zwei Spielzeug-Figuren, die Hillary Clinton und Donald Trump darstellen, im Hintergrund eine weitere Figur, die eine US-Flagge hält. (picture alliance/dpa - Robin Townsend)Donald Trump twittert, dass er Wahlbetrug hart bestrafen will – natürlich nur bei den Demkokraten. (picture alliance/dpa - Robin Townsend)

Jetzt hat er vor ein paar Tagen gepostet auf Twitter, dass er den Wahlbetrug, durch natürlich Demokraten impliziert, besonders hart und scharf bestrafen will. Das sind immer so Wortschöpfungen, wo Sie merken, ja, der will Angst machen, aber ich glaube, der weiß auch ganz genau, wieso. Es passt in sein Weltbild.

Kampf um Stimmen

Welty: Und wer Angst sät, der wird Stimmen ernten?

Wehling: Der wird Stimmen ernten von Menschen, die sowieso von ihrer Ideologie her schon im Bereich des eher rechten politischen Spektrums sich bewegen, das ist vollkommen klar, denn von denen wissen wir unter anderem auch, dass sie eine größere Amygdala haben, also einen größeren Bereich im Gehirn, der Angst und Stress und Aggression berechnet.

Wir wissen aber auch, dass Menschen der politische Mitte, die sind ja nicht ideologiefrei, sondern die können entweder hin in die autoritäre Ideologie sich orientieren oder hin in die eher progressiv-fürsorgende, und diese Menschen, das muss man sich vorstellen wie so ein Gehirn, dass immer hin und her springt. Das kann mal so denken und mal so, je nachdem, wie man es sprachlich abholt.

Auch diese Menschen bekommt er im Zweifelsfalle mit Angst abgeholt, wenn die Progressiven nicht über den Wert der Empathie, des Wohlwollens, der Menschlichkeit ein überzeugendes sprachliches Gegenbild entwerfen.

Welty: Amerika wählt, und wir haben analysiert die Sprache des Präsidenten zusammen mit der Linguistin Elisabeth Wehling. Frau Wehling, haben Sie herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Ein weiteres Interview mit dem Wirtschaftsprofessor Michael Burda widmet sich der Wirtschaftspolitik unter Donald Trump und dessen "America first"-Strategie:  
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