Russland diffamiert Astrid Lindgren

Ein aus dem Kontext gerissenes Zitat

06:16 Minuten
Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt eine rund 80 Jahre alte Frau, die sich zurücklehnt und die Hände hinter dem Kopf verschränkt.
Astrid Lindgren schrieb im Zweiten Weltkrieg Tagebuch. Ein Zitat daraus wird nun in einer russischen Kampagne genutzt. © imago images / teutopress /
10.05.2022
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Die russische Propaganda unterstellt Astrid Lindgren eine Nähe zum Nationalsozialismus. Als angeblicher Beleg dient ein Satz aus ihrem Kriegstagebuch. In Schweden verfange das nicht, sagt Christiane Lahusen vom Goethe-Institut in Stockholm.
Astrid Lindgren ist wichtig für das schwedische Selbstverständnis. Ihre Bücher mit den Abenteuern von Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter und dem Michel von Lönneberga gingen um die Welt. Auch in Deutschland wuchsen zahlreiche Generationen damit auf.
Russische Propaganda-Plakate sagen der Kinderbuch-Autorin nun eine Nähe zu faschistischem Denken nach. Als Beleg dafür dient eine Stelle aus den Kriegstagebüchern der Kinderbuch-Autorin: „Lieber sage ich den Rest meines Lebens ‚Heil Hitler‘ als den Rest meines Lebens die Russen bei uns in Schweden zu haben.“
Ähnlichen Angriffen sind auch der Filmemacher Ingmar Bergman und Ikea-Gründer Ingvar Kamprad ausgesetzt - auch sie sind in diesem Sinne wichtige Persönlichkeiten für das Land. Entsprechend groß war die erste Aufregung im Land. Immerhin hat Russland seinen Angriff auf die Ukraine mit einer angeblich notwendigen Entnazifizierung des Landes begründet.

Plakatierter Satz war bekannt

Das Verhältnis zu Lindgren ändern die Schweden deshalb aber nicht, erklärt Christiane Lahusen, die am Goethe-Institut in Stockholm den Bereich Literatur leitet. Als Lindgrens Kriegstagebücher 2015 erschienen, wurde die nun von Russland aufgegriffene Stelle auch in einigen Rezensionen erwähnt. Zum Vorwurf wurde ihr diese "Haltung zu den Russen" allerdings nicht gemacht:
„Man muss dazu sagen, dass diese nicht ungewöhnlich war im schwedischen Bürgertum“, sagt Lahusen. „Die Sowjetunion wurde dort als die größte Bedrohung gegen die liberale Gesellschaft gesehen. Und das liegt hinter diesen Aussagen, die natürlich russenfeindlich sind – aber daraus wird kein Nazi.“ Damals „war das schwedische Bürgertum historisch gesehen eher deutschenfreundlich und sicher nicht Russland zugetan."

Reaktionen auf die Kampagne

In Schweden sei die russische Kampagne zwar Thema gewesen, aber nicht omnipräsent, berichtet Lahusen. In den sozialen Medien habe man sie wahrgenommen, diskutiert und zum Teil auch verballhornt, nach dem Motto: "Leg dich nicht mit Pippi Langstrumpf an!"
Die offizielle Reaktion von Premierministerin Magdalena Andersson war klar und eindeutig: „Die nannte die Kampagne völlig inakzeptabel.“

Weltpolitischer Kontext hergestellt

„In den Zeitungen und in den Kultursendungen hat man sich natürlich vor allem mit dem größeren Zusammenhang dieser Propaganda beschäftigt“, erklärt Lahusen. Wegen der Annäherung Schwedens an die NATO falle der Blick natürlich auch auf das skandinavische Land. „Es ist eine politische Situation, die jetzt interessant für Russland ist“, sagt Christiane Lahusen.
„Daran, dass die Reaktionen nicht so enorm stark ausgefallen sind, sieht man auch, dass nicht Schweden in erster Linie Empfänger der Botschaft sein sollte, sondern die russische Bevölkerung.“

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