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Zeitfragen | Beitrag vom 10.01.2019

Liebe, Stress und JugendwahnHormonforschung zwischen Therapie und möglicher Manipulation

Von Jennifer Rieger

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Künstlerische Darstellung eines Oxytocin-Moleküls (imago / Science Photo Library)
Oxytocin-Molekül: Das Hormon spielt nicht nur beim Geburtsprozess eine wichtige Rolle. (imago / Science Photo Library)

Die 1920er waren die Boom-Zeit der Hormone. Die Antibabypille wird bald 60, Frauen setzen sie inzwischen wegen Nebenwirkungen ab. Aber die Hormonforschung ist längst noch nicht am Ende - wie das Beispiel des sogenannten Glückshormons Oxytocin zeigt.

Die Hörerinnen und Hörer, es sind die Hormone! Die Helden unserer Geschichte.

Heiko Stoff: "Den Verjüngungsbazillus bekommt man aus den Hormonen nie mehr heraus!"
Sonia Oreffice: "Die Pille ist eigentlich von Anfang an ein sehr effektiver und sehr billiger Weg, mit dem frau ihre Fruchtbarkeit kontrollieren konnte."
Alon Chen: "Ich kann Sie ängstlicher machen, ich kann Sie depressiv machen, wenn ich mit Ihrem Gehirn spiele."
Markus Heinrichs: "Kuschelhormon war der erste Begriff, habe ich damals gedacht, ich muss da kämpfen wie ein Löwe dagegen."

"Goldene Zeit" der Hormonforschung in den 1920ern

"Die 1920er-Jahre sind vielleicht die goldene Zeit der Hormonforschung", sagt Heiko Stoff. Am Anfang des 20. Jahrhunderts verändern sich die Probleme, mit denen Mediziner zu kämpfen haben. Heiko Stoff ist Wissenschaftshistoriker an der Medizinischen Hochschule Hannover:

"Die Menschen sterben nicht mehr maßgeblich an bestimmten Magen-Darm-Geschichten, bis hin zu den Infektionskrankheiten wie Cholera und so weiter, durch Impfmaßnahmen, durch öffentliche Gesundheitsvorsorge, sind eigentlich die Krankheiten, die im 19. Jahrhundert vorher vor allem zum Tod der Menschen geführt haben, die sind relativ gut im Griff. Und es tauchen neue Krankheiten auf, an denen Menschen leiden."

Eine dieser Krankheiten: Diabetes. Der Grundstein der Diabetesforschung wird bereits Ende des 19. Jahrhunderts gelegt. Der deutsche Pathologe Paul Langerhans entdeckt die Inselzellen der Bauchspeicheldrüse. Oskar Minkowski und Josef von Mering entnehmen 1889 die Bauchspeicheldrüse von Hunden und lösen damit Diabetes aus. 1921 gelingt den Kanadiern Frederick Banting und Charles Best die Isolierung des Insulins, zwei Jahre später bekommt Banting gemeinsam mit seinem Kollegen John Macleod den Nobelpreis dafür.

Ist es das Hormon, das den Blutzuckerspiegel reguliert? Ist es der Stoff, der Fettgewebe auf- und abbaut? Ist es überlebenswichtig für den Energiehaushalt des Körpers? Ja! Es ist.... Insulin! Die Zuckerkrankheit ist kein Todesurteil mehr. Und heute?

"Also da sieht man, dass alles steril sein muss, ja, die Zellen sind sehr empfindlich auf Bakterien und Viren", erklärt Martin Fussenegger. Ein Besuch im Zellkultur-Labor in der Abteilung für Biosysteme, ein Basler Ableger der Eidgenössisch-Technischen Hochschule Zürich.

Eine Diabetikerin spritzt sich Insulin (dpa/picture alliance)Insulin per Spritze: Diabetes werde weltweit noch zunehmen, sagt Martin Fussenegger voraus. (dpa/picture alliance)

"Mein Name ist Martin Fussenegger, ich bin Professor für Biotechnologie und Bioingenieurwissenschaften an der ETH Zürich, hier in Basel. Diabetes ist eine massive Krankheit, die in der nächsten fünf bis zehn Jahren rund jeden zehnten Bürger auf dieser Erde beschäftigen wird, weil er zum Diabetiker wird. Teil ist unser Lifestyle, dem wir verfallen, dem immer besseren Essen, der immer geringer werdenden Bewegung, dass wir immer mehr Diabetiker auf diesem Planeten haben."

Ursache der Diabetes lässt sich noch nicht beseitigen

Das wissen Sie natürlich, liebe Hörer. Wahrscheinlich kennen Sie selbst jemanden, der sich regelmäßig Insulin spritzen muss – entweder wegen des Typ-1-Diabetes, bei dem das körpereigene Immunsystem die sogenannten Betazellen der Bauchspeicheldrüse angreift, oder wegen des Typ-2-Diabetes, der sich im Laufe des Lebens entwickelt.

"Eine Betazelle macht in unserem Körper im Prinzip zwei wichtige Dinge: Sie misst jederzeit den Blutzucker und produziert und gibt Insulin ins Blut ab. Ganz salopp gesagt, ist es das, was der Diabetiker macht: Er misst den Blutzucker und spritzt dann Insulin rein, das ist natürlich sehr ... sehr archaisch", sagt Martin Fussenegger.

So lange und intensiv schon an der Diabetestherapie gefeilt wird – die eigentliche Ursache, nämlich, dass die Betazellen fehlen oder kein Insulin produzieren, lässt sich noch nicht beseitigen.

"Als Ingenieure haben wir einen anderen Ansatz zu denken wie man ein medizinisches Problem angeht. Für uns steht nicht Therapie im Vordergrund, sondern das Reparieren. Also wenn an meinem Auto was kaputt ist, dann geht es in die Garage und dann wird das, was kaputt ist, ersetzt. Ich komme auch nicht auf die Idee, wenn mein Motor nicht funktioniert, einfach einen zweiten Hilfsmotor irgendwo im Auto zu platzieren, dass mein Auto wieder irgendwie funktioniert, nein, es wird repariert."

Martin Fusseneggers Arbeitsgruppe züchtet menschliche Stammzellen und programmiert sie so um, dass sie Insulin produzieren und den Blutzucker messen können. Beim Typ-1-Diabetes müssen die so hergestellten Betazellen vor dem eigenen Immunsystem geschützt werden, deshalb schweißen die Forscher die Zellen sozusagen in Folie ein. Durchlässig für Blutzucker und Insulin, undurchlässig für Antikörper. Fusseneggers System funktioniert bisher nur im Mausmodell. Wie immer gibt es eine Lücke zwischen Forschung und klinischer Anwendung.

In der Geschichte der Endokrinologie werden Hormone nicht nur dazu verwendet, um Menschen von konkreten Krankheiten zu heilen. Vom modernen Zelllabor noch einmal zurück in die 1920er-Jahre.

Wirbel um eine umstrittene Therapie gegen das Altern

Zu dieser Zeit erobert eine sensationelle Therapie die Welt. Ihr Urheber ist der Wiener Physiologe Eugen Steinach. Im Verlag Julius Springer erscheint seine Studie mit dem Titel "Verjüngung durch experimentelle Neubelebung der alternden Pubertätsdrüse".

Die "Neubelebung" brachte Eugen Steinach zustande, indem er Eierstöcke mit Röntgenstrahlung behandelte, Samenleiter abband und Hoden und Ovarien transplantierte. Zunächst habe er es geschafft, greisen Ratten neuen Lebensgeist einzuhauchen – und auch erste Versuche bei Menschen hätten Wirkung gezeigt. Steinach berichtet von einem frühzeitig gealterten Mann Mitte 40:

"Nach zwei bis drei Monaten auffallende Veränderung, Schwinden der Falten im Gesicht, Gewichtszunahme. ... Libido von neuem erwacht. Die erloschene Potenz wieder auf der Höhe stürmischer Jugendzeit; Bedürfnis nach drei bis viermaliger Betätigung wöchentlich."

In der Fachwelt regt sich Kritik. Kurz nach dem Erscheinen der Studie schreibt ein Kollege in der Fachzeitschrift "Die Naturwissenschaften", bei der Beurteilung der Steinachschen Versuche sei "Vorsicht zu bewahren". Trotzdem: Zeitungen berichten über Steinachs vermeintlichen Durchbruch, die Methode geht um die ganze Welt.

"Es gibt tatsächlich viele Bekannte, die sich einer entsprechenden Operation unterzogen haben. Dazu gehört Sigmund Freud, er hat ein ganz spezifisches Interesse, weil er hoffte, dass er auf diesem Wege auch sein Krebsleiden lindern könnte. Es gibt Schriftsteller, Knut Hamsun, William Butler Yeats, die sich haben verjüngen lassen, weil sie glaubten, dass dadurch sozusagen die Kreativität wieder angeregt wird", sagt Heiko Stoff.

Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt Eugen Steinach, der vor einem Regal mit wissenschaftlichen Präparaten steht, aufgenommen um 1940. (picture-alliance / Imagno)Eugen Steinach - Berühmtheiten wie Siegmund Freud ließen sich nach seiner Methode operieren. (picture-alliance / Imagno)

Auch viele Wissenschaftler sind überzeugt von Steinachs Methode – und schlagen teilweise Irrwege ein im Versuch, Beweise dafür zu liefern, erzählt er weiter:

"Es gibt einen Berliner Verjüngungsarzt, Peter Schmidt, der ist extra nach China gefahren und hat also ethisch höchst ... also fragwürdig kann man das gar nicht nennen, also unethische Versuche unternommen an chinesischen Strafgefangenen, die er sterilisiert hat, um zu gucken ob das einen Verjüngungseffekt hat, weil er davon ausging, das sind wahrscheinlich die einzigen auf der Welt, die den Namen Eugen Steinach nicht kennen.

So viele Menschen unterziehen sich der Prozedur, dass "steinachen" allmählich zum Verb wird. Auch in der Populärkultur ist in den 1920er-Jahren zunehmend von Verjüngung die Rede – so reimt zum Beispiel der Illustrator Walter Trier:

"Schmerzt Dich arg der Zahn der Zeiten,
fahr zu Steinach ohne Scheu:
Steinach wird dich aufarbeiten,
und Du wirst so gut wie neu!"

Nach dem heutigen Stand der Forschung muss man wohl davon ausgehen, dass sich die Menschen mit ihren Verjüngungsoperationen einen Bären aufgebunden haben.

Hormone bis heute mit Verjüngung verbunden

"Das waren Placeboeffekte, das war teilweise Suggestion", sagt Heiko Stoff. Doch rein wissenschaftlich betrachtet, war Steinach durchaus auf der richtigen Fährte. Auch wenn es zu diesem Zeitpunkt noch keinen eindeutigen Beweis dafür gab, vermutete der Physiologe, dass ein bestimmtes Hormon nicht in den Hoden produziert wird, sondern im Zwischengewebe, den sogenannten Leydigschen Zellen: Testosteron!

"Er hat damit aber etwas ganz Starkes ausgesagt: Dass das, was Jugendlichkeit, Geschlechtlichkeit, Vitalität ausmacht, überhaupt nichts mit der Fortpflanzungsfähigkeit zu tun hat", erklärt Heiko Stoff.

Mit anderen Worten: Eugen Steinach trägt zum einen dazu bei, dass sexuelles Begehren in den 1920er-Jahren von der Fortpflanzung entkoppelt wird. Zum anderen, so Heiko Stoffs These, bleibt der Gedanke der Verjüngung bis heute mit den Hormonen verbunden:

"Eugen Steinach selbst hat, als er furchtbar enttäuscht war, dass er mal wieder den Nobelpreis nicht bekommen hat, für den er oft vorgeschlagen war, da hat er irgendwann an einen Kollegen einen Brief geschrieben und ganz triumphal ausgerufen, den Verjüngungsbazillus bekommt man aus den Hormonen nie mehr heraus! Und damit hat er recht gehabt."

Noch im 19. Jahrhundert wundern sich Mediziner über eine ganze Reihe seltener Krankheiten. Hirsutismus zum Beispiel, also ungewöhnlich starker Haarwuchs bei Frauen. Verschiedene Formen von Kleinwüchsigkeit und Riesenwuchs. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bieten Hormone plötzlich eine Erklärung für diese merkwürdigen Syndrome. Ein zweischneidiges Schwert, sagt Heiko Stoff:

"Auf der anderen Seite kann es eben genau so auch verwendet werden, kann das gesamte Konzept eben verwendet werden, eine viel stärkere Normierung durch Hormontherapien durchzuführen."

Tragische Rolle in der Sexualforschung

Das äußert sich in tragischer Weise in der Geschlechter- und Sexualforschung.

"Es geht in den 1910er Jahren sehr stark los und dann eben in den 1920er-Jahren verändern sich auch die Geschlechterrollen in den Großstädten, in Berlin, Paris, London, New York, sieht man auf einmal Frauen, die gar nicht mehr so aussehen wie man sich Frauen vorstellt, die haben kurze Haare, die tragen Hosenanzug, wir denken nur mal an Marlene Dietrich. Und da kommt Anfang der 1920er-Jahre das Schlagwort auf, und das wird ganz viel vor allem in der deutschen Presse diskutiert, da wird dann geredet von der Vermännlichung der Frau und der Verweiblichung des Mannes", sagt Heiko Stoff.

Und damit eine Idee: Lässt sich Geschlechtlichkeit und Sexualität durch Hormone normieren? Der Wiener Arzt Eugen Steinach liefert die Inspiration dazu – er hatte in den 1910er Jahren mit Geschlechtsumwandlungsoperationen bei Meerschweinchen und Ratten experimentiert. Mehrere Chirurgen versuchten, homosexuellen Männern die Hoden von heterosexuellen Männern einzupflanzen, um sie zu "heilen".

"Erstens, das funktioniert sowieso nicht und zeigt dann Gott sei Dank sehr schnell, dass Homosexualität ganz bestimmt nicht nur ein hormonelles Problem ... Problem sowieso nicht ist, aber sozusagen die Folge von Hormoneffekten ist. Und es zeigt sozusagen, dass auch diese Art von Normierung völlig falsch ist. // Man sieht also, das ist immer ambivalent. Es ist immer beides möglich, es ist sozusagen eine große Vielfalt möglich, es ist aber auch eine bestimmte Art der Normierung möglich", erläutert Heiko Stoff.

Die Antibabypille wird demnächst 60

Eine Entwicklung in der Hormonforschung feiert demnächst ihren 60. Geburtstag – und in den Augen vieler ist sie diejenige, die den nachhaltigsten Effekt auf die Gesellschaft hatte. Östrogene! Gestagene! Gemeinsam sind sie die Hormone in der Antibabypille!

Im Jahr 1960 kommt in den USA die erste Antibabypille auf den Markt – auch, wenn sie anfangs nur verheirateten Frauen verschrieben werden darf, gibt sie Frauen eine nie dagewesene Kontrolle über ihren Körper.

Anti-Baby-Pillen in einer Verpackung (dpa / Ralf Hirschberger)Anti-Baby-Pillen: Die Kontrollmöglichkeit für die Frauen hatte tiefgreifende Auswirkungen, sagt Sonia Oreffice. (dpa / Ralf Hirschberger)

Sonia Oreffice ist Ökonomieprofessorin an der Universität Exeter. Sie entwickelte ein ökonomisches Modell, das beschreibt, wie sich das Leben von Paaren verändert hat, und zwar in der Phase kurz nachdem die Pille auf den Markt kam:

"Ich bin keine Medizinerin, ich bin Ökonomin. Aber was ich weiß ist, dass die Pille eigentlich von Anfang an ein sehr effektiver und sehr billiger Weg war, mit dem frau ihre Fruchtbarkeit kontrollieren konnte."

In Oreffices Augen hat die Pille eine Revolution losgetreten – allerdings nicht unbedingt eine sexuelle. Ein direkter Effekt der Pille war eine niedrigere Geburtenrate – doch es gibt auch indirekte Effekte:

"Sagen wir, ich bin eine jüngere Frau, vielleicht um die 20 und ich will an die Universität. Ich bin talentiert, ich will fleißig studieren und einen guten Abschluss machen – dann macht es einen riesigen Unterschied, ob ich die Pille nehmen kann und ungewollte Geburten vermeiden. Wenn ich sie nicht nehmen kann, gehe ich ein hohes Risiko ein – nämlich, dass ich schwanger werde und alles aufgeben muss."

Frauen, so Sonia Oreffice, tragen den größeren Teil der Kosten einer Geburt. Sie müssen zumindest für eine Weile ihren Job aufgeben, verpassen dadurch vielleicht eine Beförderung oder haben Schwierigkeiten, wieder ins Berufsleben einzusteigen.

Die Lebenssituation der Frauen verbessert

Nach Oreffices Modell verbessert die Pille aber nicht nur die Lebenssituation der Frauen, die die Pille nehmen, sondern die aller Frauen:

"Wir können es einen Empowerment-Effekt für Frauen nennen, das heißt, keine Frau hat einen Nachteil von dieser Technologie. Der Schlüssel ist: Wenn ich Single bin und die Kontrolle darüber habe, ob ich schwanger werde, dann geht es mir besser. Aber wenn es mir als Single-Frau bessergeht, und du willst mich heiraten, dann musst du mir mehr bieten. Es ist ein sehr einfacher, ausgleichender Mechanismus."

Oreffices Modell konzentriert sich auf die Übergangsphase von einer Gesellschaft ohne zu einer mit hormonellen Verhütungsmitteln für Frauen. Ist das Modell heute noch gültig? Das Autonomie-Versprechen, den Zeitpunkt für ein Kind frei wählen zu können, geht mittlerweile über in eine neue Abhängigkeit von der Reproduktionsmedizin.

Heute nehmen mehr als 100 Millionen Frauen weltweit die Pille. Über den Einfluss dieses Hormonpräparats wird noch heute diskutiert – während die einen sie als die wichtigste wissenschaftliche Entwicklung des 20. Jahrhunderts bezeichnen, halten andere sie für überbewertet. Wegen gesundheitlicher und psychischer Nebenwirkungen entscheiden sich vor allem junge Frauen häufiger für andere Verhütungsmethoden.

Trotzdem wagen wir die Behauptung, dass die Hormonforschung mehr als einmal die Gesellschaft geprägt hat – vielleicht sogar das Lebensgefühl ganzer Generationen.

Was passiert, wenn wir einem Löwen begegnen?

Stellen Sie sich für einen Moment vor, liebe Hörer, Sie würden einem Löwen begegnen. Nehmen wir einmal an, besagter Löwe spazierte einfach in Ihr Wohnzimmer.

"Okay, so my name is Alon Chen. Chen, not 'Schen'."

Alon Chen ist Neuroendokrinologe und Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. In seiner Forschung widmet er sich einem Mechanismus, der auch Ihnen nicht fremd sein dürfte, verehrte Hörer – vor allem mit diesem Löwen in Ihrem Wohnzimmer!

Löwe in einer Steppe (Jeremy Enlow)Bei einer Begegnung mit einem Löwen: Wie das Gehirn die zentrale Stressreaktion aktiviert, erklärt Alon Chen. (Jeremy Enlow)

"In der Minute, in der man den Löwen bemerkt und ihn als Gefahr betrachtet, aktiviert das Gehirn die zentrale Stressreaktion. Eine hochgradig koordinierte Reaktion, deren Ziel ist, die Wahrscheinlichkeit des Überlebens zu erhöhen. Die Idee ist, dass man diesen Löwen überlebt."

Bei einer Stressreaktion wird eine Hormonkaskade ausgelöst. Endokrinologen sprechen von der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse: Hypothalamus! Hypophyse! Nebennierenrinde!

Ein Löwe! Hypothalamus: CRF ausschütten! Hypophyse: ACTH aktivieren! Nebennierenrinde: Sofort Cortisol produzieren!

"Während diese Reaktion aktiviert wird, geraten die meisten Systeme des Körpers aus der Balance: Der Blutdruck steigt, der Herzschlag wird schneller. Der Blutzuckerspiegel wird erhöht – von 100 auf etwa 160 bis 180. Im Gehirn passiert natürlich auch etwas: Man wird ängstlich, die Aufmerksamkeit verändert sich, man bewegst sich anders, der Appetit wird gebremst", eklärt Alon Chen.

Stellen Sie sich vor, verehrte Hörer, bei näherem Hinsehen entpuppt sich der Löwe in Ihrem Wohnzimmer als ein Freund im Löwenkostüm. Hypothalamus, Hypophyse, Nebennierenrinde: Alle Systeme herunterfahren!

"Der zweite und sehr wichtige Teil der Stressreaktion wird oft vergessen: Wenn sich herausstellt, dass es nur jemand in einem Löwenkostüm ist, oder wenn allgemein die Bedrohung nicht mehr relevant ist, dann muss das Gleichgewicht wieder hergestellt werden. Das System muss alles abschalten, was aktiviert wurde und wieder in einen Normalzustand kommen."

Stress ist medizinisch hochrelevant - von Depression bis Krebs

Für Alon Chen als Neurowissenschaftler ist die Stressreaktion ein faszinierendes System. Nicht nur, weil sie so vielfältige Auswirkungen hat. Auch medizinisch ist Stress hochrelevant:

"Wenn die Stressreaktion nicht zur rechten Zeit ein- und ausgeschaltet wird, können daraus viele Störungen entstehen. Vor allem psychische Probleme wie Depressionen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Essstörungen. Aber auch Stoffwechselkrankheiten wie Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit, Herzkrankheiten, Störungen des Immunsystems... sogar Krebs."

Alon Chen will verstehen, wie diese Zusammenhänge zustande kommen. Denn Menschen können unterschiedlich gut mit Stress umgehen: Während die eine ein traumatisches Erlebnis locker wegsteckt, entwickelt der andere eine Depression. Ein chronisch gestresster Fluglotse bekommt Diabetes, der andere nicht. Stress, sagt Chen, ist ein Umweltfaktor. Doch wer wie gut damit umgehen kann, hat auch mit den Genen zu tun.

"Sagen wir, Sie und ich sind eineiige Zwillinge. Sagen wir also, ich bin ein Mädchen, sonst funktioniert es ja nicht. Wir haben genau die gleichen genetischen Voraussetzungen. Angenommen, in unserer Familie gibt es eine Neigung zu Depressionen. Aber Sie und ich, wir wurden als Babys getrennt, Sie wachsen auf Hawaii auf, schwimmen mit Delfinen und sitzen den ganzen Tag am Strand, ich lebe in einem Kriegsgebiet. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich eine Krankheit entwickle, ist wesentlich höher."

Das komplexe Zusammenspiel zwischen Genen, Hormonen und Umwelt erforscht Alon Chen vornehmlich an Mäusen. Im Modellorganismus kann er entsprechende Gene ein- und ausschalten, um ihre Funktion zu besser zu verstehen:

"Heutzutage kann ich bei einer Maus Nervenzellen im Gehirn aktivieren und sie mehr oder weniger ängstlich machen. Wenn ich zum Beispiel einen bestimmten Rezeptor entferne, dann reagiert die Maus nicht mehr auf das Stresshormon Cortisol. Wir nennen sie die entspannte Maus, sie wird viel weniger stark auf Reize reagieren.

Kontrolle der Gehirnaktivität kann die Persönlichkeit ändern

Grundlagenforschung natürlich, und nicht uneingeschränkt auf den Menschen anwendbar. Doch Alon Chen ist überzeugt, dass seine Ergebnisse übertragbar sind und eines Tages dazu beitragen werden, psychische Störungen besser zu verstehen:

"Es ist Chemie, die zelluläre Funktion des Gehirns. Ich kann Sie ängstlicher machen, ich kann Sie depressiv machen, wenn ich mit Ihrem Gehirn spiele. Wir machen es mit Mäusen, und wir könnten es mit Menschen machen, wenn wir dürften. Ich bin mir natürlich des Tabus bewusst, der Punkt ist aber, dass Psyche und Gehirn oft getrennt werden. Aber es ist eins, es ist die Aktivität des Gehirns. Wenn ich sie kontrollieren kann, dann kann ich Ihre Persönlichkeit ändern."

Computer Illustration eines menschlichen Gehirns. (imago / Roger Harris)Die gezielte Beeinflussung der Gehirnaktivität hat ethische Grenzen. (imago / Roger Harris)

Neu ist der Stressbegriff nicht, sagt Medizinhistoriker Heiko Stoff – doch als modernes Lebenskonzept ist er fast allgegenwärtig:

"Da kommt alles zusammen und es sagt ja auch sehr viel über unsere Gesellschaft aus, weil wir ... ja, auch Stress haben müssen. Wer keinen Stress hat, ist sozusagen auch gesellschaftlich entwertet, weil diese Person offensichtlich nichts leistet. Interessanterweise basiert es eben ja auch auf einem bestimmten Körperkonzept: Das eines Körpers, der reguliert wird, eben über Hormone, der überfordert werden kann, auf eine bestimmte Art reagieren muss und den man dann wieder sozusagen zu sich kommen lassen muss, zu seiner Ganzheit."

Auch in der jüngeren Vergangenheit sind immer wieder neue Hormone ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Ein Beispiel dafür: Oxytocin. Es spielt eine wichtige Rolle im Geburtsprozess! Stimuliert die Milchproduktion und leitet Kontraktionen der Gebärmutter ein! Es steuert die Mutter-Kind-Bindung und beeinflusst soziale Bindungen! Es ist... Oxytocin! Nennt mich nicht Kuschelhormon, ok?

Oxytocin hat mehr Wirkung als anfangs gedacht

Dass Oxytocin Kontraktionen der Gebärmutter hervorruft, entdecken Pharmakologen schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In Form von Nasenspray wird es noch heute zum Einleiten der Geburtswehen genutzt. Doch eine weitere Funktion des Hormons ist erst seit einigen Jahrzehnten bekannt.

Ein Besuch am Lehrstuhl für Biologische und Differentielle Psychologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Hier forscht die Arbeitsgruppe von Markus Heinrichs an den psychischen und sozialen Auswirkungen von Oxytocin.

Bastian Schiller erklärt den Versuchsaufbau eines der Experimente, die am Lehrstuhl für Biologische und Differentielle Psychologie durchgeführt werden:

"Das ist die Kabine, wo die Leute drinsitzen. Schallisoliert, aber vor allem schützt die auch vor hochfrequenten Einstrahlungen, die das EEG stören können, zum Beispiel durch irgendwelche Aufzüge oder sonstige elektrischen Systeme."

Die Forscher messen die Hirnströme der Teilnehmer, während sie auf die Wand projizierte Bilder betrachten:

"Im Beispiel soziale Gruppen hatten wir zum Beispiel politisch interessierte Personen, oder Fußballfans bestimmter Gruppierungen, die dann hier saßen und dann eben dort ein Symbol von ihrem Lieblingsverein, oder von ihrer bevorzugten politischen Partei gesehen haben. Was ihnen dann angekündigt hat, dass sie im nächsten Durchgang mit einer Person interagieren würden, die eben von dieser politischen Gruppierung, oder von diesem Sportverein stammt."

Die Probanden spielen ein Spiel, bei dem sie Punkte bekommen. Sie können sie benutzen, um ihr Gegenüber zu unterstützen oder ihm Punkte wegzunehmen. Je nach Punktzahl am Ende des Spiels erhalten die Teilnehmer einen Geldbetrag. Oft benutzen die Probanden ihre Punkte, um der eigenen Gruppe zu nützen – oder der fremden Gruppe zu schaden, erklärt Bastian Schiller:

"Zum Beispiel der Freiburg-Fan, der sieht, da ist ein Stuttgart-Fan, dann kann das vorkommen, dass er mal sein eigenes Geld dafür verwendet, um dem Stuttgart-Fan was weg zu nehmen, ohne dass er davon irgendwas hat, außer dass er weiß, die andere Gruppe hat weniger Einkommen im Experiment."

In den Sozialwissenschaften ein bekanntes Phänomen: Wer sich einer Gruppe zugehörig fühlt, begegnet den Mitgliedern mit Sympathie und Kooperationsbereitschaft. Mitglieder einer anderen Gruppe werden dagegen benachteiligt. Aber, sagt Bastian Schiller: Bekamen die Versuchsteilnehmer am Anfang des Experiments eine Dosis Oxytocin-Nasenspray, änderte sich ihr Verhalten.

"Da konnten wir jetzt eben kürzlich herausfinden, dass tatsächlich die Neigung dazu der anderen Gruppe etwas wegzunehmen, dass dieses Neidverhalten unter Oxytocin reduziert wurde."

Glückshormon, Orgasmushormon, Kuschelhormon

Oxytocin hat in den letzten 15 Jahren viele Spitznamen bekommen: Liebeshormon, Glückshormon, Orgasmushormon, Kuschelhormon. Professor für Biopsychologie Markus Heinrichs später in seinem Büro erzählt, ist er nicht übermäßig glücklich darüber:

"Kuschelhormon war der erste Begriff, habe ich damals gedacht, ich muss da kämpfen wie ein Löwe dagegen. Ich hab das aufgegeben, weil das ist einer der Lieblingsbegriffe aller Wissenschaftsjournalisten. Das Problem ist immer, nichts trifft es richtig, aber es ist auch nicht ganz falsch."

"Das Moralmolekül, habe ich auch gelesen", merkt die Autorin an.

"Moralmolekül ist wahrscheinlich am idiotischsten", sagt Markus Heinrichs.

Die ersten Hinweise darauf, dass Oxytocin neben Wehen und Milchproduktion auch das Sozialverhalten und die Paarbindung beeinflusst, stammen aus Versuchen mit Präriewühlmäusen. Dank des Hormons schließen die Nagetiere "Ehen", die ein Leben lang halten.

"Die Natur, die Evolution hat in der Regel ja nichts eingerichtet, was komplett sinnfrei ist. In diesem Falle zum Beispiel ist es ganz sicher nicht so. Dass also in dem Moment, wo beispielsweise die Mutter stillt, Oxytocin freigesetzt wird, damit die Milch kommt. Und gleichzeitig wissen wir, insbesondere aus Tierstudien, dass das gleiche Neuropeptid dafür sorgt, dass Angst und Stress herunterreguliert wird, dass das Stillen, die Berührung mit dem Neugeborenen als angenehm erlebt wird und dass man überhaupt sozusagen eine Motivation hat eine Bindung herzustellen", erklärt der Biopsychologe.

Eine Mutter stillt ihr Kind. (imago / Westend61)Oxytocin sorgt dafür, dass eine Mutter das Stillen als angenehm empfindet. (imago / Westend61)

Dass es seit einigen Jahren einen neuen Boom in der Oxytocinforschung gibt, ist sicher auch Heinrichs Arbeit zu verdanken. Vor allem die Idee, dass das Hormon die Interaktion sozialer Gruppen beeinflussen könnte, sorgt immer wieder für Diskussionen. Eine niederländische Studie aus dem Jahr 2011 kam zum Beispiel zu dem Schluss, dass Oxytocin Konflikte zwischen Gruppen fördere – das Gegenteil der Freiburger Ergebnisse.

Unterschiedliche Interpretationen sind möglich

Markus Heinrichs glaubt, die Interpretation hängt davon ab, ob man eine Bevorzugung der eigenen Gruppe als Aggression gegen eine andere interpretiert – oder als normales und biologisch sinnvolles Verhalten: "Das ist Evolution. Das heißt, also wenn die Mutter Milch hat, dann wird sie erstmal ihre eigenen Jungen durchbringen."

Ohnehin ist nicht das Ziel seiner Forschung, per prophylaktischem Nasenspray eine Sozialutopie zu schaffen, in der alle nett zueinander sind.

"Ich glaube, kein ernsthafter Wissenschaftler oder Kliniker verfolgt die Hypothese, Bevölkerungsgruppen mit Hormonen zu berieseln. Die Frage ist eine andere: Wie kann man sicherstellen, dass dieses Hormonsystem funktioniert und arbeitet?"

Heinrichs hofft, dass seine Ergebnisse künftig im psychologischen Kontext hilfreich sein werden – zum Beispiel im Zusammenhang mit Autismus. Studien dazu laufen bereits, doch die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen:

"Was wir allerdings schon jetzt sagen können, ist, dass das Hormon alleine nichts kann. Also das Hormon alleine wird auch keinen Patienten heilen. Sondern was wir brauchen ist natürlich eine psychotherapeutisch gelenkte Verhaltensänderung. Also mit anderen Worten, wir wollen Psychotherapie wirksamer machen."

Im Laufe der Geschichte ist die Hormonforschung auch immer wieder auf Irrwege geraten. Durch künstlich synthetisierte Hormone schien auch immer wieder eine Manipulation der Gesellschaft möglich – oder, schlimmer noch, eine Normierung des menschlichen Körpers.

Andererseits, sagt Wissenschaftshistoriker Heiko Stoff, können unsere ganz individuellen Hormonhaushalte auch eine Erklärung liefern – für die Vielfalt in der Gesellschaft:

"Warum wir alle so anders sind, unsere kleinen Eigenarten haben. Es gibt da ganz, ganz viele Möglichkeiten auf einmal an Vielfältigkeit."

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