Liebesleid

Unerwiderte Liebe und ihr subversives Potenzial

3d Grafik für Valentine's day
Jemanden lieben heißt glauben, dass man zurückgeliebt wird, auch wenn man schon mehrfach abgewimmelt wurde, erklärt die Philosophin Miriam Metze © picture alliance / Zoonar / Ake Puttisarn
In einer Welt, in der es auf Erfolg, Verfügbarkeit und Selbstoptimierung ankommt, erscheint die unerwiderte Liebe wie ein Systemfehler. Grund genug für Philosophin Miriam Metze, das Potenzial des ungeliebten Zustands auszuloten.
Lieben ohne zurückgeliebt zu werden - diese Erfahrung machen vermutlich die meisten Menschen irgendwann einmal in ihrem Leben. Umso bemerkenswerter, dass viele die unerwiderte Liebe kaum als Liebe gelten lassen, wie an der Reaktion von Freunden zum Ausdruck kommt, wenn sie sich besorgt erkundigen, ob man mit seinem Leben nicht etwas Besseres anzufangen weiß oder nicht lieber woanders Ausschau halten will.
Ist Liebe nur dann Liebe, wenn sie auch erwidert wird oder gar in eine Beziehung mündet? Die Philosophin Miriam Metze wendet sich in ihrem Buch „Unerwiderte Liebe – ein philosophischer Trost“ gegen die Vorstellung der „Liebe als Vollzug“. Aus ihrer Sicht steckt in der unerwiderten Liebe sogar politisches Potenzial.

Ein Chatbot als Liebhaber

In ihrem Buch erzählt Miriam Metze von einer Frau, die sich einen Chatbot als Liebhaber gekauft hat und diesen nach ihren Vorstellungen programmiert: Möglichst dominant soll er sein, ihr von anderen Frauen erzählen und ihr viele Kosenamen geben. Nach 300.000 Wörtern ist allerdings Schluss, dann vergisst die KI alles wieder. Und das Spiel geht von vorne los. Die Liebhaberin entwirft immer neue Versionen ihres Geliebten.
Zwar gebe es mittlerweile schon leistungsstärkere KI-Modelle, sagt Metze. Doch worauf sie hinauswill, ist etwas anderes: Eine programmierte Liebe ist immer verfügbar. Damit aber geht eine wesentliche Qualität der Liebe verloren; nämlich ihre Unverfügbarkeit. Je mehr wir glaubten, dass die Liebe etwas sei, was wir zur Verfügung haben könnten oder dass in unserer Macht stehe, desto weniger Liebe gebe es schlussendlich in unserem Leben.

Was unerwiderte Liebe mit Quantenphysik zu tun hat

Der Zustand der unerwiderten Liebe sei voller Widersprüche, schreibt Miriam Metze in ihrem Buch - und veranschaulicht das mit einem Gedankenexperiment aus dem Bereich der Quantenphysik.
Schrödingers Katze heißt das Experiment, bei dem sich eine Katze in einer geschlossenen Box befindet. Ein radioaktives Teilchen löst einen Mechanismus aus, der die Katze mit Giftgas tötet. Doch wann genau dies geschieht, ist unbekannt, denn die Halbwertszeit des radioaktiven Teilchens ist nur ein Durchschnittswert. Es gibt also einen Zeitpunkt, an dem die Katze sowohl tot als auch lebendig ist: der sogenannte Katzenzustand.
Auch die Person, deren Liebe nicht erwidert wird, befinde sich im „Katzenzustand“, sagt Miriam Metze. Weder wisse sie, ob ihre Liebe noch erwidert werden wird. Noch, ob ihr die Liebe der anderen Person dann auch behagen würde.

Der verschmähte Liebhaber zeigt die Zwischentöne der Liebe

„Verrückt nach Mary“ oder „Notting Hill“ – die Figur des verschmähten Liebhabers findet sich in Filmen und der Popkultur wieder. Häufig ist es eine komische Figur bis hin zur Karikatur. Das liegt laut Miriam Metze daran, dass „die Figur des weinenden Mannes“ zwei entgegengesetzte Zustände verkörpere: Einerseits Liebe als etwas unglaublich Schönes, das uns im Idealfall zu besseren Menschen macht - oder mit Kant gesagt: „In der Liebe sind wir am richtigen Platz“. Andererseits die Grausamkeit der Liebe: Weil es sich nicht verhehlen lässt, wenn wir nicht zurückgeliebt werden.
Die Figur des verschmähten Liebhabers zeige, dass schräge und schrille Zwischentöne zum Leben gehörten wie die Blue Notes zum Jazz. Wenn wir über sie lachten, zeige das auch, dass Humor und Ironie helfen können, mit Widersprüchen umzugehen.

Von der Liebe getroffen werden

Oft genug kommt es vor, dass man sich fragt: Warum in aller Welt habe ich mich gerade in die oder den verliebt? Warum kann es nicht jemand sein, der in der Nähe wohnt oder einen anderen Job hat? Weder können wir die Liebe einer anderen Person erzwingen, noch können wir uns ausschließlich selbst aussuchen, wen wir liebten und wie lange, sagt Miriam Metze.
Sie möchte die Liebe wieder in eine „höhere Position“ retten – und verweist auf Platon. In dessen Dialog über die Liebe spreche nicht der antike griechische Philosoph selbst, sondern mit der Hohepriesterin Diotima von Matineia jemand, der Einsicht in die göttlichen Gesetze habe, erläutert Miriam Metze. So wie Eros uns mit seinen Pfeilen treffen kann, möchte Metze Liebe als etwas denken, das den Menschen gegenüber erhaben ist, von dem sie betroffen sind und das sie unglaublich treffen kann.
Liebe als Schicksal also? Metze plädiert vielmehr dafür, eine Haltung gegenüber der Liebe einzunehmen. Dazu gehört auch, die eigene Verletzbarkeit in den Blick nehmen, wenn wir uns der Liebe öffnen.

Die Hoffnung, zurückgeliebt zu werden

Wer liebt, tut es mit der Bitte, zurückgeliebt zu werden, sagt der französische Philosoph Jean-Luc Nancy. Sein Kollege Roland Barthes geht noch weiter, wenn er sagt: Jemanden lieben heißt glauben, dass ich vom anderen zurückgeliebt werde. Auch dann, wenn man schon zehnmal vor der Tür stand und jedes Mal wieder abgewimmelt wurde.
In der Liebe gebe es ein klar getrenntes Ich und Du nicht mehr, weil wir – hier bezieht sich die Philosophin auf den deutschen Philosophen Franz von Baader - das Phänomen der Liebe nicht als einzelne Menschen denken könnten. „Da sind immer zwei drin, egal ob die andere Person dabei sein möchte oder nicht.“

Warum unerwiderte Liebe politisch ist

Wenn Hannah Arendt den Dichter Rainer Maria Rilke kritisiert, dass er sich als einsam Liebender selbst genug sei, wird unerwiderte Liebe sogar politisch. Die Philosophin und Publizistin sieht nicht mehr nur die Geliebte, von der Rilke keine Erwiderung und keine Antwort erwarte – und die er also nicht mehr brauche – sondern gleich einen anderen Menschen, den es nicht mehr brauche. Davor habe Hannah Arendt gewarnt.
Die Philosophin Miriam Metze folgert, dass wir die Liebe ernst nehmen sollten und uns überlegen müssten, wie wir sie gestalten und leben wollen. Denn unsere Haltung zur Liebe beinhalte immer auch schon, welche Beziehung wir grundsätzlich zum anderen einnehmen.

Onlinetext: Tina Hammesfahr
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