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Fazit | Beitrag vom 08.12.2019

"LIB" und "Strong" am Staatsballett Berlin Tanzende Flokatiteppiche

Von Elisabeth Nehring

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Ein Mensch im Zottelkostüm tanzt zwischen Frauen auf der Bühne. (Staatsballett Berlin/Jubal Battisti)
Als wäre Chewbacca aus "Star Wars" mit auf der Bühne: "LIB" von Alexander Ekman (Staatsballett Berlin/Jubal Battisti)

Am Staatsballett Berlin haben der schwedische Choreograf Alexander Ekman und seine israelische Kollegin Sharon Eyal zwei Uraufführungen gegeben: Die eine ist bizarr und sinnfrei, die andere entfaltet mit Techno-Rhythmen eine suggestive Wirkung.

Zwei große Namen der internationalen Tanzwelt haben am Staatsballett Berlin einen Doppelabend bestritten: Der schwedische Choreograf Alexander Ekman und seine israelische Kollegin Sharon Eyal zeigten in Berlin eigens für das Staatsballett kreierte Uraufführungen.

Ekman, ursprünglich Tänzer am Königlichen Schwedischen Ballett und NDT2, hat für seine 30-minütige Choreografie "LIB" den französischen Haarkünstler Charlie Le Mindu eingeladen. Le Mindu fertigte für die vier Solistinnen Elisa Carrillo Cabrera, Aurora Dickie, Ksenia Ovsyanick und Polina Semionova Kostüme an, die an Yetis oder Haarmonster erinnern: von Kopf bis Fuß mit langem Haar bedeckt, wirbeln die vier zusammen mit Johnny McMillan als tanzende Flokatiteppiche über die Bühne – ulkig und erlesen, bizarr und sinnfrei.

Warum es Ekman dabei nicht belassen hat, sondern mit "LIB" für Liberation noch den Befreiungsgedanken vom klassischen Tanz durch die animalische Tracht einführen musste, mag sich nicht wirklich erschließen – an Substanz gewinnt die kurze Produktion dadurch nicht.

Konformität sprengen und wiederherstellen

Wo Ekman experimentiert, mit Regeln der choreografischen Bühnenkunst bricht und manchmal dennoch nicht über eine einzige, wenngleich unterhaltsame Grundidee hinauskommt, macht die Israelin Sharon Eyal stets genau das, was sie am besten kann: einzelne Tänzerinnen und Tänzer aus einer homogenen Gruppe auf subtile und immer wieder überraschende Weise herauslösen, die Konformität sprengen und sie doch wiederherstellen.

In "Strong" benutzt sie, wie in dem am Staatsballett sehr erfolgreich ins Repertoire aufgenommenen Abend "Half Life", Technomusik. Deren Lautstärke und Monotonie erzeugen für Tänzerinnen und Tänzer und Publikum eine höchst suggestive Wirkung: Im Rhythmus der Musik wippen die Tänzerinnen und Tänzer, zum Cluster zusammengeballt, auf halber Spitze, mit zusammengepressten Beinen und an den Oberkörper eng angelegten Armen. Überraschend, wie sich Einzelne dem redundanten kollektiven Bewegungsmuster entziehen und wieder darin eintauchen  –  oder die choreografische Struktur sich auflöst, ohne dabei ihre einheitliche Wirkung zu verlieren. Auch wenn in Eyals Arbeit die choreografische Grundstruktur in Varianten immer wiederkehrt, ist sie derzeit zweifellos eine der wichtigsten zeitgenössischen Tanzmacherinnen.

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