Cristina Morales: "Letzte Tage mit Teresa von Ávila"
© Matthes & Seitz
Katholische Anarchistin
06:24 Minuten

Cristina Morales
Übersetzt von Friedrike von Criegern
Letzte Tage mit Teresa von Ávila Matthes und Seitz , Berlin 2026230 Seiten
24,00 Euro
Sie war religiöse Mystikerin, Rebellin und eine der ersten Schriftstellerinnen überhaupt: Teresa von Ávila. Die Autorin Cristina Morales porträtiert die erste "Kirchenlehrerin" als ungewöhnliche Frau und Frauenrechtlerin aus dem 16. Jahrhundert.
Teresa von Ávila ist eine in der katholischen Kirche verehrte Heilige und Mystikerin. Sie lebte von 1515 bis 1582 und ist die Schutzpatronin Spaniens. Die Schriftstellerin Cristina Morales interessiert sich für die Karmeliterin, weil sie sich als aufmüpfige Kritikerin der männlich geprägten kirchlichen Hierarchie durchzusetzen wusste. Vor allem war sie aber auch Autorin zahlreicher religiöser und autobiografischer Werke. Ihr Hauptwerk, eine Art Autobiografie, hieß "Das Buch meines Lebens" (im spanischen Original schlicht "Vida"). 1970 wurde sie vom Papst als erste Frau zur "Kirchenlehrerin" ernannt.
Die Erzählerin schlüpft in dem Roman in die Rolle der Teresa. Morales lässt die Nonne darüber räsonieren, wie sie sich so ausdrückt, dass sie sich nicht angreifbar macht: "Weil ich nicht will, dass mir die Inquisition den Prozess macht, nur weil ich eine Frau bin und über Gott schreibe, und mehr noch: weil ich eine Frau bin und schreibe, weil ich eine Frau bin und lese. Weil ich eine Frau bin und spreche." Immer wieder musste sie tatsächlich vor der Inquisition auftreten, um ihre Worte und Taten zu verteidigen; es ist ihr verblüffender Weise stets erfolgreich gelungen.
Kloster als einzige Zuflucht
Morales macht Teresa zu einer der ersten Frauenrechtlerinnen. Vor allem in ihren Berichten über das Schicksal ihrer eigenen Mutter. Die musste ein Kind nach dem anderen gebären, bis sie körperlich und seelisch völlig ausgelaugt war. Die Mutter war es wiederum, die der Tochter die Begeisterung fürs Lesen und die Literatur mitgegeben hat.
Die totale Abhängigkeit der Frauen, auch und gerade in adeligen Kreisen, wird in diesem Buch von Teresa ebenso grausam plastisch geschildert wie sexuelle Demütigungen, Gewalt und Unterwerfung in jener von heuchlerischer Moral und Bigotterie geprägten Epoche. Der Eintritt in ein Kloster war für Frauen oft die einzige Zuflucht.
Morales hat ihren Roman in einem historisierenden Duktus verfasst, der auch in der deutschen Übersetzung nicht leicht rezipierbar ist. Der Wunsch, Teresa so sprechen zu lassen, wie sie vermeintlich gesprochen hat, in vielen Abschweifungen und altertümlichen rhetorischen Windungen, machen den Text kryptisch und stellenweise verworren. Es handelt sich hier nicht um einen historischen oder biografischen Roman. Leben und Wirken der ja wirklich so tatkräftigen und einflussreichen Karmeliter-Nonne werden kaum beleuchtet.
Anarchischer Charakter
Alles spielt sich nur im Kopf der Ich-Erzählerin ab. Man spürt zwar, dass sich hier eine über sich, die Welt und die Umwelt stark und klug räsonierende Frau äußert. Aber viele Aussagen verschwimmen in diesem räsonierenden Bewusstseinsstrom.
Die Schriftstellerin Cristina Morales wurde hierzulande bekannt, als sie für ihren Roman "Leichte Sprache" den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin bekommen hat. In dem auch in Spanien sehr erfolgreichen Buch ging es um vier Frauen, die in einem Behinderten-Wohnprojekt in Barcelona lebten. "Leichte Sprache" war ein deftiger Rundumschlag gegen jede Form von staatlicher Regulierung, Fürsorge und Bevormundung.
Dem Ávila-Text hat Morales nun ein kurioses Nachwort hinzugefügt, in dem sie sich wortreich über die "Vergewaltigung" durch textliche Änderungsvorschläge ihrer Verlegerin und die Marktmechanismen der Buchbranche echauffiert.
Die Schriftstellerin, die auch Teil einer feministischen Tanzgruppe und einer Punk-Band ist, kultiviert das Aufbegehren gegen alle einengenden Regeln. Und so zeichnet sie sich in ihrer Teresa von Ávila ganz offenkundig auch selbst als zutiefst anarchischen Charakter.






