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Kompressor | Beitrag vom 10.05.2019

Lesetipps zum Gratis-Comic-TagZombies, Cowboys und unvergessliche Heldinnen

Von Stefan Mesch

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Ein Mann durchsucht eine Auslage mit Comic-Heften in einem Comic-Shop in der US-Stadt Cincinnati. Auf der Auslage befindet sich bereits ein Stapel Comics.  (Imago / Ernest Coleman)
Verlockendes Angebot: Am Gratis-Comic-Tag wird eine Auswahl von 34 Heften kostenlos an die Leser verteilt. (Imago / Ernest Coleman)

Zum zehnten Mal feiern deutschsprachige Comic-Läden und Buchhandlungen den "Gratis-Comic-Tag": An diesem Samstag bieten sie 34 Hefte kostenlos an. Unser Kritiker Stefan Mesch hat alle 34 Titel gelesen – und stellt seine Favoriten vor.

1) "Der Krieg der Knirpse" (Régis Hautière, Hardoc)

Vier französische Waisenjungs, 1914 hinter der Front. "Stand by me", die Verfilmung einer Stephen-King-Novelle, wurde zum modernen Filmklassiker, weil dort das Miteinander pubertärer Jungs warmherzig, detailverliebt, tragikomisch und nostalgisch durchleuchtet wird.

"Krieg der Knirpse" ist "Stand by me" im ersten Weltkrieg: In fünf Bänden bis 1918 erleben vier Jungs und ein Mädchen ein traumatisches Coming-of-Age, in dem trotz Überlebenskampf die kleinsten, zartesten Momente zählen. Das Gratis-Comic-Heft bündelt fast 50 Seiten – den kompletten ersten Band. 

Abgebilder sind alle 8 Cover. (Montage Deutschlandradio)Die acht Favoriten unseres Kritikers Stefan Mesch (Montage Deutschlandradio)

2) "Lazarus" (Greg Rucka, Michael Lark)

Greg Rucka schrieb ein paar der schönsten, politischsten und feministischsten Comics über Batmans Gotham City. Sein Herzensprojekt "Lazarus" zeigt seit 2012 eine Welt, in der 16 reiche Familien die ganze Erde untereinander aufteilten. Eine Rückkehr zum Feudalismus, in der Konflikte oft in ritualisierten Kämpfen ausgetragen werden – zwischen genetisch optimierten "Lazarus"-Kriegern.

Eve Carlyle ist Lazarus der kalifornischen Carlyle-Familie: Ist sie Familienmitglied? Waffe? Marionette? Die 20 Seiten des Gratis-Comics sind ein zu knapper Einstieg: Ich empfehle, stattdessen lieber einen ganzen Sammelband (ca. 120 Seiten) zu lesen. Auch eine TV-Serie ist in Planung. Was macht Besitz mit Menschen? Und welche Menschen sind Besitz?

3) "Hilda und die Vogelparade" (Luke Pearson)

Kein Kind in meinem Freundeskreis bekam von mir je die sympathischen, schlichten und gefälligen Hilda-Comics geschenkt. Denn unter 40 Seiten kosten anfangs 18 Euro. Seit 2018 gibt es eine Netflix-Serie. Und auch der Gratis-Comic-Tag 2019 hilft, die Figur auch Vier- bis Zehnjährigen aus nicht-sehr-reichem Elternhaus vorzustellen.

Hilda mag Natur, Wanderungen, lebt bei ihrer alleinerziehenden Mutter und erlebt magisch-realistische Abenteuer zwischen "Mumins", "Ronja Räubertochter" und Hayao Miyazaki. Mich nervt oft, wie naheliegend und plump Luke Pearson, ein britischer Zeichner, mit skandinavischen Motiven und Klischees spielt. "Hilda" ist harmlos, hygge. Und baut eine Bildwelt, von der wir hoffentlich in zehn Jahren sagen: "Oh. Das war so Zehnerjahre." Süß. Aber anbiedernd. Aber süß!

4) "Conan: Jenseits des schwarzen Flusses" (Mathieu Gabella, Anthony Jean)

In aktuellen US-Comics gehört Conan der Barbar (u.a. bekannt aus Kinofilmen mit Arnold Schwarzenegger) zum Marvel-Superheldenteam "The Avengers". Mathieu Gabella erzählt eine viel klassischere Geschichte um den pragmatischen Krieger – in Bildern, die an "Heart of Darkness" und "Apokalypse Now" erinnern: Hinter dem Fluss lauern die Pikten. Im Dschungel wollen Siedler eine Festung und ein Dorf verteidigen.

Statt Heldentum und Gewaltexzessen zeigen fast 50 detaillierte, bedrückende Seiten einen Konflikt, viel dunkler, philosophischer, kritischer als erwartet. Das kluge Nachwort behauptet: "Conan"-Erfinder Robert E. Howard war Antikolonialist. Ich zweifle. Doch bin fasziniert davon, wie wenig es braucht, um aus Klischeemotiven und -figuren große Fragen zu schöpfen: Wer gehört zur Zivilisation? Was ist ihr Gegenpart?

5) "Ghost Money" (Thierry Smolderen, Dominique Bertail)

Wie angeekelt müssen Muslime davon sein, wie brachial sie in US-Serien und Filmen meist als Bedrohung inszeniert werden? Der belgische Comic "Ghost Money" tut dasselbe – mit US-Militär, -Geheimdiensten und -Politik: ein viel zu dick aufgetragener, plump erzählter Verschwörungsplot voller Ressentiments und Klischees.

Trotzdem war ich begeistert: von den stilsicher inszenierten Orten, Fahrzeugen, Landschaften. Vom antikapitalistischen Biss. Und davon, dass eine (Lesbische? Bisexuelle?) Icherzählerin viel Zeit bekommt, das komplizierte Verhältnis zu einer reichen Bekannten zu hinterfragen: Ist Chemza eine Terroristin? Teil des Widerstands? Werden hier zwei Frauen Liebende – oder Feindinnen?

6) "Lucky Luke: Jolly Jumper antwortet nicht" (Guillaume Bouzard)

Die "Hommage"-Sonderbände von "Lucky Luke" sind zeitgemäßer gezeichnet und erzählt als die klassischen Cowboy-Abenteuer seit 1946. Keine Parodien oder Satiren, sondern ein respektvolles Update. Toll, dass der 48-Seiten-Band "Jolly Jumper antwortet nicht" komplett als Gratis-Comic vorliegt. Toll, dass er Eltern und Kinder anspricht – und man kein Vorwissen braucht.

Am tollsten aber: Statt Slapstick-Humor, Bildwitzen oder Sarkasmus findet Guillaume Bouzard leisen Spaß in sanft absurden Dialogen. Ein Comic zum Vor- und Lautlesen, der klingt wie Impro-Comedy. Echt jetzt. Wirklich wirklich. Echt. Also: Oder? Schon! Nicht? Doch!!

7) "In tiefen Wäldern Träumen lauschen" (Zhang Jing)

Ein Appetizer, viel zu kurz: In einer Rahmenhandlung macht eine junge Künstlerin Tuschezeichnungen in einem Tempel im Wald – bis sich ein Fremder, von einer Affenmaske verhüllt, zu ihr gesellt, um das Ende des Regens abzuwarten. Er erzählt von einer egozentrischen Prinzessin, die sich auf einem Volksfest in einen stummen Mann verliebt. Prachtvolle, detailreiche Zeichnungen in Schwarzweiß, mit Computereffekten, starken Kontrasten, Pathos.

Vielleicht ist "In tiefen Wäldern Träumen lauschen" eine Schmonzette? Schlimmster Kitsch? Doch Zeichnerin und Autorin Zhang Jing beginnt ihr mehrbändiges Werk so langsam, kraftvoll, atmosphärisch. Da weiß jemand, was sie tut und erzählen will! 

8) "Endzeit" (Olivia Vieweg)

Kräftige Farben, sympathische Heldinnen: Die Welt ist seit zwei Jahren von Zombies überrannt. Doch zwei junge Frauen wollen von Weimar nach Jena … und stranden im Niemandsland. Olivia Vieweg zeichnete "Endzeit" 2012 als Uni-Abschlussarbeit. 2018 kam ein Kinofilm – und eine neu gezeichnete Auflage.

Optisch kann sich der – als Gratis-Heft: viel zu kurze – Ausschnitt mit internationalen Comics wie "Nimona", "Lumberjanes", "Scott Pilgrim" messen. Inhaltlich gibt es die unter anderem aus "The Walking Dead" seit Jahren bekannten Dilemmas und Debatten. Trotzdem: gekonnt und packend!

Fazit

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