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Lesart / Archiv | Beitrag vom 20.03.2011

Lesart Spezial: Geist und Macht – Künstler in Diktaturen

T. Harlan: "Veit", R. Wagner: "Belüge mich", E. Loest: "Man ist ja keine Achtzig mehr", C. Gansel/J. Jacob (Hg.): "Geschichte, die noch qualmt"

Maike Albath im Gespräch mit Jochen Staadt

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Veit Harlan, Regisseur des antisemitischen Films "Jud Süß". In "Veit" versucht sein Sohn, sein Verhältnis zu ihm aufzuarbeiten. (AP)
Veit Harlan, Regisseur des antisemitischen Films "Jud Süß". In "Veit" versucht sein Sohn, sein Verhältnis zu ihm aufzuarbeiten. (AP)

Am letzten Tag der Leipziger Buchmesse stellen wir Ihnen vier Titel vor, die sich mit der Gratwanderung zwischen Anpassung und Widerstand in totalitären Strukturen auseinandersetzen.

Maike Albath: Am Mikrofon begrüßt Sie Maike Albath. "Sprechen bedeutet Macht und Schweigen Opposition", so beschreibt der rumäniendeutsche Schriftsteller Richard Wagner in seinem neuen Roman die Rolle der Intellektuellen unter dem Diktator Ceausescu. "Geist und Macht – Künstler in Diktaturen" lautet heute das Thema unserer Sendung. Am letzten Tag der Leipziger Buchmesse wollen wir Ihnen vier Titel vorstellen, die sich mit der Gratwanderung zwischen Anpassung und Widerstand in totalitären Strukturen auseinandersetzen.

Neben Richard Wagner soll es um den Leipziger Romancier Erich Loest gehen. Aber zuerst wollen wir über Thomas Harlans autobiographisches Zeugnis "Veit" sprechen. Unser Gast ist der Politikwissenschaftler und Germanist Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin. Guten Tag Herr Staadt.

Jochen Staadt: Guten Tag. Ich freue mich.

Maike Albath: Der Filmemacher, Schriftsteller und Theaterautor Thomas Harlan starb im Oktober 2010 mit 81 Jahren. Und es ist sicherlich kein Zufall – vermute ich -, dass er für sein letztes Buch den Vornamen seines Vaters als Titel gewählt hat. "Veit" heißt es ganz knapp. Veit Harlan war der Regisseur des nationalsozialistischen Propagandafilms "Jud Süß", eines antisemitischen Machwerks. Und sein Leben lang hat Thomas Harlan ja versucht, die Schuld des Vaters abzutragen. Steht das auch im Mittelpunkt dieses letzten Buches?

Jochen Staadt: Das steht im Mittelpunkt dieses Buches. Es ist sozusagen eine Auseinadersetzung mit dem Vater, dem Übervater, den Folgen für die Nachgeborenen, nicht nur für ihn selbst, sondern auch für seine Halbgeschwister, die die Verantwortung, die der Vater nicht angenommen hat, angenommen haben und zeitlebens darunter gelitten haben. Eine Schwester hat Selbstmord begangen. Er selbst hat sich sein ganzes Leben an dieser Geschichte, an der Verantwortung seines Vaters für den Judenmord, an der künstlerischen Teilhabe an diesem Jahrhundertverbrechen abgearbeitet. Dieses Buch ist aus tiefster Seele geschrieben. Man merkt, dass Thomas Harlan noch im hohen Alter unter dieser Familiengeschichte leidet.

Maike Albath: Das Besondere an dem Buch ist auch, dass er es diktiert hat und zwar kurz vor seinem eigenen Tod. Und er erzählt vom Tod seines Vaters. Also, es gibt eigentlich das Doppelmotiv des Todes. Ist denn in diesem Moment auch so etwas spürbar wie der Wunsch des Verzeihens oder des sich wieder Annäherns an den Vater? Er bleibt ja doch eine sehr ambivalente Gestalt.

Jochen Staadt: Er thematisiert das Wiederannähern. Er thematisiert es sogar in der Form, dass er die Schuld des Vaters auf sich nimmt. Es ist der Versuch der letzten Annäherung und auch der Versuch alles aufzubieten, was er kann, an Verständnis für diesen Vater, der ihn ja auch zeitweise verstoßen hat, der ihn, wie er selbst schreibt, wie eine "Sache" behandelt hat, obwohl sie gemeinsam einen Film gemacht haben über den Spion Richard Sorge. Also, man spürt, dass er in seiner letzten Lebenszeit noch immer mit dieser Geschichte kämpft und dass er am Ende des Buches ja auch quasi alle Schuld, die der Vater nicht abgetragen hat, auf sich nimmt.

Maike Albath: Wie ist denn der Ton dieses kleinen, schmalen Gedächtnisbuches?

Cover: "Veit" von Thomas Harlan (Rowohlt)Cover: "Veit" von Thomas Harlan (Rowohlt)Jochen Staadt: Ich finde es zutiefst beeindruckend, sehr, sehr tiefgehend. Es ist zum Teil hohe Poesie, was wir lesen in diesem Buch. Es geht wirklich ans Herz, das zu lesen. Und es ist ja kein Einzelschicksal. Wir kennen das ja von Kindern, Täterkindern, die sich mit dieser Geschichte auseinandergesetzt haben, mit dieser Generation, vielfach, dass die Schuld, die Eltern nicht abtragen wollten, dass die Kinder sie mit sich weiter getragen haben und versucht haben, durch ihr eigenes Handeln, durch literarische Werke, durch Wiedergutmachungstaten das zu bewältigen.

Maike Albath: Jochen Staadt, was für ein Leben hat Thomas Harlan geführt nachdem er erkennen musste, dass sein Vater nach '45 nicht bereit war, die Schuld anzuerkennen und die Verstrickungen auch in die Nazizeit?

Jochen Staadt: Er selbst hat sich der Aufklärung dieser Geschichte gewidmet. Er selbst hat sich mit den Taten der Nationalsozialisten, mit den Verbrechen in Polen beschäftigt, hat dort recherchiert. Es hat ihn im Grunde genommen um die ganze Welt getrieben. Und er ist etwas geworden wie ein – ja, ich würde sagen – internationaler Aufklärer, der sich an Aufklärungsbewegungen überall, wo er konnte, beteiligt hat, aber sich auch in gewisser Weise, das taucht ja auch auf, an Aufruhr der Zeit, in der er gelebt hat, beteiligt hat – angefangen von seiner Freundschaft zu Kinski, mit dem er Autos angezündet hat, bis hin zur Teilnahme an revolutionären Erhebungen im Europa des 20. Jahrhunderts.

Maike Albath: Klaus Kinski, der Schauspieler, war ein enger Jugendfreund von ihm. Und er ging dann eigentlich nach Frankreich und Italien, um lange Zeit nicht mehr zurückzukehren, und schließlich nach Polen, wo er 2000 Fälle sogar auf den Weg gebracht hat, denen dann noch nachgespürt werden musste. Also, Täter waren das während des Nationalsozialismus. Er hat ja sehr spät begonnen zu schreiben. Sagt er etwas zu seinem eigenen Lebensweg, auch zur Rückkehr zur Kunst von diesem doch sehr politischen Betrachten der Vergangenheit?

Jochen Staadt: Es wird, glaube ich, deutlich aus dem Gang der Erzählung, er hat sich ja immer wieder Kunst gewidmet, Filme gemacht, geschrieben, Theaterstücke. Er hat auch in Berlin das "Junge Theater" gegründet in den frühen 60er Jahren. Also, es wird immer wieder deutlich, dass das auch ein Nebenweg neben diesem harten bösen Geschäft, sich mit diesen Verbrechen auseinanderzusetzen, für ihn war, Ausdrucksformen zu finden, die ihm Raum gegeben haben. So würde ich es verstehen, was er schreibt, dass das Wege waren neben dieser Beschäftigung mit diesen ungeheuerlichen Verbrechen das, was er in sich trug, die Neigung zur Literatur, zum Filmemachen, zur Kunst, zum Schreiben, doch noch sich zu bewahren.

Maike Albath: Wird denn eigentlich der Charakter von Veit Harlan, von dem Vater, deutlicher in diesem Band?

Jochen Staadt: Ich finde, es wird sehr deutlich. Ich bin ja Jahrgang 1950, also Nachgeborener, aber kenne diese Generation. Ich finde, es wird sehr deutlich diese Haltung des Verweigerns der Auseinandersetzung über die Geschichte vor 1945. Es wird sehr deutlich, wie der Vater sich herausgestohlen hat, wie er sich mit Leuten umgeben hat. Er nennt sie "Herrenreitertypen", mit denen er in Cafés gesessen hat und die sich ihre eigene Geschichte rein geredet haben, sauber geredet haben und sich der Verantwortung nicht stellen wollten. Das wird sehr deutlich. Man kann auch dieses Verzweifeln an diesem Vater nachvollziehen.

Maike Albath: Ja, und er kann das ja dann nicht mehr aushalten. Thomas Harlan verlässt die Bundesrepublik, weil er ganz viel umsonst bekommt. Er wird ja sogar gelobt für diesen Vater. Da verdeutlicht er uns auch die Atmosphäre, die geherrscht hat um 1948 herum, dass man Veit Harlan damals für seinen Film "Jud Süß" immer noch verehrt hat.

Noch ein Wort zum Abschluss zum Aufbau dieses Buches. Es ist ja nicht nur ein literarischer Text, sondern es gibt auch noch einen Kommentarteil.

Jochen Staadt: Es gibt einen Kommentarteil. Es gibt sehr viele wichtige Informationen, die man mitnehmen muss um die Personen, um die es geht. Es geht ja um diesen ganzen Kreis um Veit Harlan, um die Schauspieler, um die Mutter von Thomas Harlan, die in den 20er Jahren mit Brecht gearbeitet hat hier in Berlin, und die Geschichte seiner späteren Frau Söderbaum, die ja in vielen Nazifilmen eine Rolle gespielt hat, Protegé von Goebbels war. Also, um diese ganzen Personen einordnen zu können, die in dem Text auftauchen, ist es sehr wichtig, den Kommentarteil zu haben. Vieles, was da drin steht, war auch mir neu. Und ich finde das ein sehr beeindruckendes Buch. Auf einer ganz anderen Ebene als die Generationsdiskurse, die wir üblicherweise hier immer gehabt haben, öffnet es den Blick für die Dinge, die in dieser Zeit zwischen den Generationen passiert sind.

Maike Albath: Und es ist voller Trauer geschrieben. Man hat den Eindruck, er löst das ein, was Mitscherlich immer gefordert hat: Diese Unfähigkeit zu trauern wird hier überwunden. Also, ein ganz deutsches Schicksal steht im Mittelpunkt von "Veit". So heißt das letzte Buch von Thomas Harlan. Erschienen ist es im Rowohlt Verlag.

"Belüge mich" lautet der Titel eines neuen Romans von Richard Wagner. Richard Wagner, Verfasser etlicher Sachbücher und Romane, stammt aus dem deutschsprachigen Banat in Rumänien. Er kam 1987 mit seiner damaligen Ehefrau Herta Müller, der späteren Nobelpreisträgerin, nach Deutschland. Und in seinem neuen Buch geht es nicht nur um die Zeit nach der Wende, sondern auch um das Bukarest der 30er Jahre. Wer soll hier wen belügen, Jochen Staadt?

Jochen Staadt: Im Prinzip belügen sich in diesem Buch alle. Es gibt die Ebene der Lüge in der Liebeswelt der Beteiligten. Es gibt die Ebene der Lüge in den Familien durch die Generationen hindurch. Und es gibt die politischen Lügen, unter denen sich die Ereignisse von den 30er Jahren bis in die heutige Zeit in diesem Spielfeld, was er aufmacht, ereignet haben.

Maike Albath: Und es gibt eine Künstlerin, die Lauretta Luca heißt. Miss Rumänien war sie mal und gleichzeitig Kommunistin. Können Sie uns dieses Bukarest, das da aufscheint, ein bisschen näher schildern?

Cover: "Belüge mich" von Richard Wagner (Aufbau Verlag)Cover: "Belüge mich" von Richard Wagner (Aufbau Verlag)Jochen Staadt: Es ist die Vorkriegszeit. Es sind die 30er Jahre in Osteuropa. Was ja durch die Zeit der europäischen Spaltung vielfach vergessen wurde, dass dieses Europa existiert hat im östlichen Teil Europas, dass wir ein Europa hatten, in dem in den Hauptstädten sich literarisches, künstlerisches Leben abspielte, das mit den Metropolen der anderen europäischen Länder korrespondierte und dass dort Moden, die in Paris, in London, in Berlin eine Rolle spielten, auch eine Rolle spielten. Vieles spielt sich dort um ein Tango-Café, ein legendäres, ab, was die Zeiten überdauert hat und auch noch in der heutigen Zeit in dem Roman existiert. Ich weiß nicht, ob es wirklich existiert. Ich war noch nie in Bukarest. Aber man kann es sich vorstellen. Und es wird sehr deutlich beschrieben, was sich dort abgespielt hat.

Es ist im Prinzip die Geschichte von Künstlern und Intellektuellen durch die Diktaturen hindurch. Das ist das Interessante. Es gibt eben auch gewisse Parallelen zu "Veit", finde ich, dass die Komposition der Geschichten, die ineinander greifen, der verschiedenen Zeitsprünge, die in diesen Büchern enthalten sind, sich vermittelt über das Geschehen und über die Personen, um die es sich dreht.

Maike Albath: Und dieses Tango-Café ist fast so etwas wie eine Zeitschleuse. Plötzlich findet man sich wieder in dem Bukarest der 30er Jahre. Es gibt so ganz interessante Figuren, zum Beispiel einen Historiker, der während der Zeit der Diktatur diese Diktatur auch legitimiert hat. Und es gibt einen Kolumnisten, der eher so eine kritische Haltung eingenommen hat, aber auch nicht immer. Hat Richard Wagner, der das ja nun alles von innen kennt, auch Abstufungen der Dissidenten, wie beschreibt er das Verhältnis der Intellektuellen zur Macht?

Jochen Staadt: Er beschreibt, glaube ich, sehr deutlich das, was er selbst auch erlebt hat in dieser Zeit als Schriftsteller, als jemand, der sich in Literatur ausdrücken wollte in einer Zeit der Bedrückung, der Nichtfreiheit des Wortes, welche Nuancen es gibt, welche Möglichkeiten es gibt. Und gleichzeitig ist es aber auch immer gebunden an die Fortexistenz dieser Personen nach dem Ende der Diktatur, so dass man sieht, welche Ausflüchte gewählt werden, nachdem der Regimewechsel stattgefunden hat. Also, es ist eine sehr differenzierte Darstellung der Möglichkeiten und der Anpassungszwänge – auch in den Einzelfällen – und der Wege heraus. Das ist jetzt nicht nur bezogen auf die literarischen Figuren, die als Schriftsteller, Intellektuelle, der Historiker, der auftritt, sondern – auch interessant für mich – die Figur des Großvaters, der als Geheimpolizist in der Zeit der Diktatur vor dem Kommunismus tätig ist und als Fachmann dann in die kommunistische Polizeiverwaltung einwandert, weil sie solche Leute brauchen. Also, die Geschichte, wie sich die Unterdrückungssysteme Personen bedienen, die zum Teil durch ihre Fähigkeiten in der Lage waren, beiden Systemen, die aufeinander folgten, zu dienen.

Maike Albath: Also, eine Kontinuität der Eliten eigentlich. Ypsilon Horn heißt dieser Großvater, ein wunderbarer Name.

Gibt es denn irgendjemanden, der sich schadlos hält, der die ganze Zeit außerhalb bleibt von diesem Gesichtskreis?

Jochen Staadt: Man soll das Ende eines Buches nicht unbedingt verraten – aber es gibt doch die spannende Geschichte des Endes, wo deutlich wird, auch in der Familie der Protagonistin Sandra Horn, wie nahe das in die Familie hineingegangen ist, nicht nur die Geschichte des Großvaters, sondern in die Geschichte ihrer eigenen Eltern und das, was sich sozusagen nach dem Weg ins Exil nach Frankfurt und München dort enthüllt, am Ende der Geschichte, nachdem die Akten geöffnet werden, nachdem deutlich wird, welcher Methoden sich die Geheimpolizei bedient hat, um über Menschen zu herrschen – selbst dann noch, wenn sie das Land verlassen hatten.

Maike Albath: Jochen Staadt, wie geht Richard Wagner mit seinen Figuren eigentlich um? Haben Sie den Eindruck, dass er moralisch über sie urteilt?

Jochen Staadt: Ich habe den Eindruck, dass er das tunlichst vermeidet. Er beschreibt eine Geschichte von Personen sowohl als Mehrfachverhältnisse in der persönlichen Ebene der Liebesbeziehungen als auch der politischen Ereignisse im Prinzip durch zwei Drittel des 20. Jahrhunderts hindurch bis fast in die heutige Zeit. Und er zeigt, wie Leute sich verhalten haben. Ich habe nicht das Gefühl, dass er urteilt im Sinn von moralischem Zeigefinger, sondern er überlässt es dem Leser, der Leserin, sich ein Bild zu machen: Was hat man davon zu halten? Es sind Karrierewege. Es sind auch Karrieren in der heutigen Zeit, die angesprochen werden. Es ist beispielsweise die Auswanderung eines Verlags nach Bukarest aus dem Westen, der dort die Möglichkeiten sieht, ein Frauenblatt aufzukaufen und dort eine Frauenzeitschrift zu eröffnen. Also, man erlebt auch dieses Wiederdurchdringen des europäischen Raums – wirtschaftlich und durch die Tätigkeit von Journalisten, die dorthin wandern und das mitbringen, was sie in den westlichen Ländern im Exil gelernt haben.

Maike Albath: Und die dann sehr viel aufdecken, auch Unbequemes aus ihren eigenen Familien und Verstrickungen der Eltern.

Wie ist es denn überhaupt mit der Vergangenheit. Er hat ja diese zwei Zeitebenen in dem Roman. Und Richard Wagner benutzt die Gegenwart 2004, um die Vergangenheit spürbar zu machen. Hat man denn in Bukarest überhaupt einen Bezug zu dieser Vergangenheit? Oder leistet das die Figur, die von außen kommt, die von München wieder nach Bukarest zurückkehrt?

Jochen Staadt: Es leistet die Konfrontation der jungen Frau, die als junge Frau, als Mädchen ins Exil gegangen ist, dann zwar zu Besuch noch mal dort war, aber ansonsten ihre Zeit und ihre Karriere und ihr Leben im Westen, in der Bundesrepublik verbracht hat. Um sie kreist das im Prinzip. Die alten Geschichten werden ihr erzählt von anderen Beteiligten. Sie entdeckt Dinge, die sie im Gespräch, in den Beziehungen mit den früheren Bekannten, ihrer Familie oder auch ihrer Schulfreunde, ihrer besten Freundin, die ihr dort entgegentreten. Ja, es ist die Geschichte im Grunde genommen auch der Gruppe, aus der Richard Wagner kommt, der Spiegel der Diktatur in dieser Gruppe, die ins Exil gegangen ist, der jungen deutschsprachigen Schriftsteller um Wagner und Herta Müller und andere, dass sie selber dieses Erschrecken erlebt haben, dass in ihrer Gruppe selbst Mitarbeiter der Geheimpolizei entdeckt wurden, nachdem sie ins Exil gegangen waren, aber auch in der Zeit als sie noch in Rumänien waren, also, dieses zwischen den Kulturen, zwischen den Ländern sich Bewegen, immer noch an die Vergangenheit gebunden Bleiben, auch durch diese Geschichte der Repression, die in die persönlichen Schicksale von Menschen und Familien eingegriffen hat.

Maike Albath: Da fühlt man sich natürlich sofort erinnert an die Geschichte von Oskar Pastior, dem Büchner-Preisträger, von dem sich ja jetzt auch herausgestellt hat, dass er damals unterschrieben hat bei der Geheimpolizei. Was für eine Art des Erzählens wählt Richard Wagner?

Jochen Staadt: Er hat einen ausgesprochen ironischen Stil. Er schreibt – und deswegen ist das Buch auch trotz der ernsten Seiten, die es hat und die sehr ergreifend auch sind, was die Geschichte der Personen betrifft – sehr unterhaltsam. Wie gesagt vorher schon, es ist ähnlich wie bei Harlan, dass er komponiert. Das Ergebnis, das Lesen dieses Textes setzt zusammen im Laufe des Lesens, was er berichten will, was er erzählen will, was Gegenstand seines Romans ist. Man kann im Grunde genommen dieses Buch anfangen und zu Ende lesen in einem Sitz, weil – jedenfalls ist es mir so gegangen – man fürchtet, wenn man aufhört, vergisst man etwas von den vielen Splittern, die er aneinanderfügt und die am Ende sich alle erschließen.

Maike Albath: So ist das in dem neuen Roman von Richard Wagner "Belüge mich", erschienen im Aufbau Verlag.

Nicht nur ein totalitäres System, sondern gleich zwei hat Erich Loest kennengelernt, 1926 in Mittweida geboren und in seiner Jugend, wie er selbst es ausdrückt, als "glühender Nazi" 1944 noch Mitglied der NSDAP geworden. Er wurde dann in den Krieg eingezogen in den letzten Wochen. In der DDR war er zuerst Journalist bis er Anfang der 50er Jahre mit seinen Erzählungsbänden, Liebesgeschichten und Sportgeschichten als Schriftsteller bekannt wurde und sich dann kurze Zeit später vom linientreuen Kommunisten zum Dissidenten wandelte.

Es gibt eine neue Aufsatzsammlung zu Leben und Werk von Erich Loest. "Geschichte, die noch qualmt" heißt der Band, herausgegeben von Carsten Gansel und Joachim Jacob. Aber es gibt auch noch ein Tagebuch von Erich Loest, das erste, das er jemals veröffentlicht hat, unter dem Titel "Man ist ja keine Achtzig mehr". Jochen Staadt, was qualmt denn da an der Geschichte?

Cover: "Man ist ja keine Achtzig mehr" von Erich Loest (Steidl Verlag)Cover: "Man ist ja keine Achtzig mehr" von Erich Loest (Steidl Verlag)Jochen Staadt: Bei Erich Loest ist natürlich das Erschreckende, dass er in seiner eigenen Familie, in der Konfrontation mit seinem eigenen Sohn, der einen Verlag führt, in dem seine Werke erschienen, im späten Alter einen ganz großen familiären Bruch erlebt und mit dem Sohn und dem Verlag über Rechtsanwälte verkehrt, sich streitet. Und in diesem Verlag sind ja Werke erschienen, die "qualmen", die sein Leben, seine Geschichte beschreiben. Also, es ist auch bei Loest hier eine Komposition in diesem Tagebuch drin, wo man die Geschichte seiner Jahre durchläuft – von der späten Nazizeit am Ende des Krieges, als er als "Wehrwolf" überzeugt für Hitler kämpft, bis zur heutigen Zeit, wo er in hohem Alter mit – finde ich – großer Gelassenheit auf viele Dinge guckt, die ihn in seiner Biographie erheblich angefasst und mitgenommen haben.

Maike Albath: Und auch mit sehr viel Humor. Er verquickt ja ganz alltägliche Beobachtungen mit historischen Dingen, mit Erinnerungen.

Bleiben wir noch mal einen Moment bei dem Aufsatzband. Was nehmen denn die Autoren genauer unter die Lupe von Erich Loest?

Jochen Staadt: Ich finde, das ist eine sehr schöne Sammlung, aber eben aus der Distanz der Literaturwissenschaft noch mal durch die verschiedenen Stadien auch der Entwicklung verfolgt. Was hat Erich Loest geschrieben? Was macht ihn eigentlich zu einem so wichtigen deutschen Schriftsteller? Das wird sehr genau betrachtet, auch auf der doch zum Teil hohen Ebene der literaturwissenschaftlichen Diskurse heutiger Zeit. Aber es macht deutlich, warum dieser Mann eine Ausnahmeerscheinung ist und warum es vom Kriminalroman bis zu hoch komplizierten Geschichten über die politische Theorie bei ihm alles zu finden gibt.

Maike Albath: Warum ist er denn eine Ausnahmeerscheinung? Hängt das mit seiner Biographie zusammen und auch mit der doch sehr strikten Moral, die er immer besessen hat, Jochen Staadt?

Jochen Staadt: Ich bin der Meinung, dass das, was über dem Roman von Richard Wagner steht "Belüge mich", dass Loest Zeit seines Lebens immer wieder nach der Wahrheit gelebt hat, dass er Überzeugungen, die er hatte, wenn er sie als falsch erkannt hat, abgelegt hat, dass er sich aber dazu bekannt hat. Es gibt ja in dem Tagebuch auch eine Auseinandersetzung mit Günter Grass. Und von Erich Loest war bekannt, dass er Wehrwolf war. Er hat diese Geschichten erzählt. Er hat darüber gesprochen. Und er war ein Mann, der sich nicht Modeströmungen angepasst hat und auch nicht dem Öffentlich-Korrekten angepasst hat, sondern zu dieser Geschichte gestanden hat. Das macht ihn zur Ausnahmeerscheinung.

Ich habe den Eindruck, sowohl bei seinen Romanen als auch bei seinen anderen Schriften, auch seinen vielen Radiobeiträgen, er hat ja eine Unmasse produziert in der Zeit als er dann aus der DDR weggegangen ist Ende der 70er Jahre und in der Bundesrepublik lebte und sich engagiert hat im Schriftstellerverband, also, überall hat er sich dafür eingesetzt, dass die Dinge beim Namen genannt werden, die er als ungerecht, als falsch, als verlogen gesehen hat. Und ich finde, das ist eine Ausnahmeerscheinung.

Maike Albath: Und er steht ja zu seinen Brüchen. Sie haben jetzt gerade die Wehrwolfzeit erwähnt. Ähnlich ist es auch später, als er dann vom Kommunisten zum Dissidenten wird. Da ist '53 – der 17. Juni – ein wichtiges Datum. Und es geht auch immer wieder um das Verhältnis von Macht und Schuld und Tätern und Opfern. Wird dazu auch in dem Tagebuch oder in den Aufsätzen was gesagt?

Jochen Staadt: Das ist Thema bei ihm und auch in den Aufsätzen. Es ist gar nicht möglich, ein solches Leben zu beschreiben oder zu analysieren oder auch die Werke einer solchen Person zu analysieren, ohne dieser Frage nachzugehen, wie geht er damit um. Wir wissen, dass – wenn wir etwas über Autoren, über Intellektuelle erfahren im Nachhinein, - wir hatten über Pastior kurz gesprochen – was diese Person in ein ganz anderes Licht rücken kann, oder Grass’ Mitgliedschaft in der Waffen-SS, was viele Äußerungen, die später gefallen sind, die man moralisch ernst genommen hat, die uns beeindrucken, weil man den Eindruck hat, jemand spricht, um der öffentlichen Moral, in der öffentlichen demokratischen Auseinandersetzung sein Wort zu erheben gegen Missstände, wenn dann Fakten auftauchen, Tatsachen auftauchen, Geschichten auftauchen, die das alles in ein ganz anderes Licht rücken.

Also, es ist nicht möglich, einen Mann wie Erich Loest ohne diese Brüche, ohne sein Verhältnis dazu, ohne seinen aber auch unglaublichen Optimismus, sieben Jahre Bautzen, danach wieder schreiben, sich wieder in dieser DDR, die ihn eingesperrt hat, einzufinden und zu versuchen, doch als Schriftsteller die Möglichkeiten zu nutzen, die er hatte bis zuletzt, also, das alles ist nicht möglich, ohne sich selbst gegenüber, aber auch denen, mit denen er kommuniziert als Leser und Leserinnen oder auch als Kolleginnen und Kollegen im Schriftstellerverband später, ohne dort reinen Tisch zu machen.

Ich finde das beeindruckend auch deswegen, weil gerade in diesem westdeutschen Schriftstellerverband der 80er Jahre er derjenige war, der die Frage der polnischen Entwicklung immer wieder thematisiert hat, der immer wieder das, was andere aus Gründen der Anpassung, der Raison, die damals herrschte gegenüber der DDR und dem Ostblock, nicht thematisieren wollten, thematisiert hat.

Maike Albath: Also, Sie haben uns jetzt die moralische Integrität von Erich Loest so ein bisschen erklärt und auch aus seiner Biographie abgeleitet. "Gemordete Zeit" hat er ja die Phase in Bautzen einmal genannt. Und das Besondere an ihm ist, dass diese Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung immer wieder in künstlerische Prozesse mündet. Kann man da die Entwicklung genau ablesen, auch an den verschiedenen Büchern?

Jochen Staadt: Man kann sie nicht genau ablesen, aber sie finden sich, wenn man es weiß. Sie finden sich und es ist eben eine ganz große Leistung meines Erachtens, so zu schreiben, wie er nach diesen Erfahrungen schreibt. Und wir wissen, dass viele, viele Menschen in diesen Haftanstalten zerbrochen sind, dass sie – auch wenn man heute noch lebende Opfer trifft, die dort eingesessen sind – bleibende schwere Schäden erlitten haben. Insofern ist dieser Mann bewundernswert für das, was er selbst durchgestanden und wie er es überwunden hat.

Maike Albath: Er ist jetzt 85 Jahre alt geworden. Und dies soll sein "Letztbuch" sein, so sagt er an einer Stelle einmal. Wie ist es denn mit dem Verhältnis zum wiedervereinigten Deutschland? Ist er damit eins oder ist er da auch immer noch der Mahner und der kämpferische, politisch denkende Schriftsteller? Das legt er ja eigentlich nie ab.

Cover: "Geschichte, die noch qualmt. Erich Loest und sein Werk" von Carsten Gansel und Joachim Jacob (Hg.) (Steidl Verlag)Cover: "Geschichte, die noch qualmt. Erich Loest und sein Werk" von Carsten Gansel und Joachim Jacob (Hg.) (Steidl Verlag)Jochen Staadt: Das legt er nicht ab. Und er hat sich mit diesen DDR-nostalgischen Verwirrungen und Entwicklungen auseinandergesetzt. Er hat dafür gekämpft, dass diese Insignien der DDR-Macht, die in den Städten, vor allem in seiner Heimatstadt, aufgestellt wurden, der Karl-Marx-Kopf, dass man mit diesen Dingen anders umgeht als damit umgegangen wird. Er hat sich dafür eingesetzt, dass Kunst ausgestellt und gewürdigt wird, die sich mit der Geschichte auseinandersetzt und sie nicht vertuscht. Und er kritisiert in knapper, aber eindeutiger Form auch den Umgang Christa Wolfs mit ihrer eigenen Geschichte. Also, er bleibt dran an diesen Themen und er ist ein wacher Zeitgenosse, der auch das, was sich an Anpassungsschwierigkeiten, an Wiedervereinigungsproblemen ergibt, beobachtet und dazu engagiert Stellung nimmt – in diesem Tagebuch, aber auch in seinen Werken, also, seine Arbeiten, die auch verfilmt sind, über die friedliche Revolution und was alles in dieser Zeit sich an Gewaltigem und Kleinem, Verwunderlichem ereignet hat – mit diesem Blick kann man wirklich glücklich sein.

Maike Albath: Die Bände Erich Loest "Geschichte, die noch qualmt", herausgegeben von Carsten Gansel und Joachim Jacob, und das Tagebuch "Man ist ja keine Achtzig mehr" liegen im Steidl Verlag vor.

Zum Schluss unserer Sendung haben wir wie immer noch Zeit für einen Buchtipp. Herr Staadt, was möchten Sie empfehlen?

Jochen Staadt: Mir ist angesichts der Ereignisse in Japan ein Buch in den Sinn gekommen, was ich während meines Studiums gelesen habe und sehr intensiv damals gelesen habe, weil die Diskussion um die Atomkraftwerke damals begann. Es ist von Alfred Döblin, heißt "Berge, Meere und Giganten" und beschäftigt sich mit dem Hunger nach Energie, den die Menschen in industrielle Prozesse umsetzen, und mit den Folgen in einer eigentlich utopischen Geschichte, 1924 erschienen, die aber so viel Realität enthält, wenn man sieht, was jetzt vor sich geht, dass es so scheint, als habe er es für die heutige Situation geschrieben.

Maike Albath: Also, ein ganz aktuelles Buch – Alfred Döblin, "Berge, Meere und Giganten". Wie alles von Döblin liegt es beim S. Fischer Verlag vor.

Mit dieser Empfehlung von Jochen Staadt geht unsere Sendung über das Verhältnis von Geist und Macht zu Ende. Ich bedanke mich bei Jochen Staadt für den Besuch in der Lesart. Am Mikrophon verabschiedet sich Maike Albath.

Thomas Harlan: Veit
Rowohlt Verlag, Reinbek 2011

Richard Wagner: Belüge mich
Aufbau Verlag, Berlin 2011

Erich Loest: Man ist ja keine Achtzig mehr. Tagebuch
Steidl Verlag, Göttingen 2011

Carsten Gansel / Joachim Jacob (Hg.): Geschichte, die noch qualmt. Erich Loest und sein Werk
Steidl Verlag, Göttingen 2011

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