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Die Reportage | Beitrag vom 26.01.2020

Lernen ohne DruckDie Spielschule

Von Anna Goretzki

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Susanne Kristensen, 9. Klasse, sitzt vor ihren Aufgaben. (picture alliance/ Jyllands-Posten/ Ritzau Scanpix)
Mal in eine andere Rolle schlüpfen, an der Østerskov-Efterskole gehört das zum Konzept. (picture alliance/ Jyllands-Posten/ Ritzau Scanpix)

Viel zu viele Kinder bleiben in unserem Schulsystem auf der Strecke und verlieren die Lust am Lernen. Eine Internatsschule in Dänemark hat sich zum Ziel gesetzt, frustrierte Schülerinnen und Schüler wiederzugewinnen - durch Rollenspiele.

Beim Mittagessen an der Østerskov Internatsschule in Hobro, Dänemark sind die Tische zu einem großen U zusammengestellt. Kellnerinnen mit weißen Schürzen und Kellner mit Fliege und schwarzer Weste servieren Kartoffelbrei und Würstchen mit Gemüse in großen Schalen. Aus kleinen Lautsprechern plätschert Begleitmusik.

Rund 100 Schüler und Lehrer warten auf ein Zeichen, mit dem Essen beginnen zu dürfen. Ein Geistlicher im Ornat erhebt sich, spricht das Tischgebet: "Er baut das hohe Dach des Himmels, von ihm will ich nie verlassen werden, er schlägt mit harten Schlägen, aber er ist doch mein Vater. Amen."

Auftakt für ein ungewöhnliches Mittagessen. Alle Versammelten sind "in game", verkörpern also den Charakter eines Rollenspiels. Auch beim Essen. Der Geistliche ist ein Englischlehrer, die Kellner sind Schüler. Auch die meisten der anderen Schüler und Lehrer sind kostümiert, tragen Perücken, Hüte, Fräcke, Mäntel, wallende Gewänder, sind auffällig geschminkt.

Spiel ohne Bildschirm

Die Østerskov-Efterskole vermittelt Schulwissen in Form von wöchentlich wechselnden Live-Rollenspielen. Live deshalb, weil viele Rollenspiele heute virtuell stattfinden. Hier gibt es keine Bildschirme, hier spielen echte Menschen.

Schülerinnen und Schüler tragen fantasievolle Kostüme aus einer Fantasy-Welt. (Deutschlandradio/Anna Goretzki)Lernschwächen spielerisch überwinden: die Rollenspieler der Østerskov-Efterskole. (Deutschlandradio/Anna Goretzki)

Das Spiel der Woche heißt: "Das Testament". Eine der Lehrerinnen speist an der Spitze der Tafel in der Rolle der hochbetagten Baronin Westfield. Sie trägt eine zerzauste Perücke und ein grün glänzendes Kleid. Ein letztes Mal hat sie ihre weit verzweigte Verwandtschaft eingeladen. Eine Gruppe prostet ihr ausgelassen zu: "Lang lebe die Baronin!"

Es gibt auch mal Überraschungen

Ganz in der Nähe der Baronin sitzt Emma Nors. Die 17-Jährige - rot gefärbter Sidecut, blaue Bluse, langer braun gestreifter Wollrock - spielt Astrid Rosenfelt, eine weit angereiste Verwandte der Baronin: "Ich bin eine Frau mit drei Kindern. Sie ist zu dieser Familienfeier eingeladen, aber sie und ihre Familie haben keine Ahnung, weshalb. Also bemüht sie sich jetzt einfach zu lächeln, zu winken und herauszufinden, warum sie hier sind."

Ein Rätsel, das gelüftet zu werden scheint, als sich die Baronin erhebt: "Willkommen an alle. Ich bin sehr gerührt, dass ihr heute alle hier seid. Und das hat auch einen Grund, den ich euch sagen möchte…"

Die Baronin strauchelt, greift nach der Tischdecke, die Perücke verrutscht, Blut strömt ihr übers Gesicht, dann kollabiert sie und fällt unter den Tisch. Alle springen auf, auch Emma. Schnell ist ein Arzt zur Stelle. Mit einem Rollstuhl schiebt er die gerade verstorbene Baronin aus dem Essenssaal.

Emma schaut ungläubig. Ihr Erschrecken ist nicht nur gespielt. Denn noch ist alles hier für sie neu und oft auch überraschend. Erst seit wenigen Wochen geht sie auf die Østerskov-Schule. Das dänische Schulsystem erlaubt ab der achten Klasse für maximal drei Jahre den Besuch freier Internatsschulen, viele mit einem besonderen Schwerpunkt. Bis vor Kurzem war die Østerskov die einzige dänische Schule, die die Lernmethode "Live Rollenspiel" als Fokus anbietet.

Eine neue Chance für eine Legasthenikerin

Emma ist mit ein paar Mitschülern umgezogen. Vor einem Unterrichtsraum warten sie auf die Englischstunde. Immer mal wieder ergänzt Unterricht zum Erklären und Vertiefen von Lernstoffen die Rollenspiele.

"Ich denke, es ist wirklich wichtig zu verstehen, dass es andere Wege des Lernens gibt als zu lesen und zu schreiben", erzählt Emma. "Ich brenne dafür zu verstehen, wie das Gehirn arbeitet. Man lernt auf vier verschiedene Arten: beim Schreiben, beim Lesen, beim Hören - und dann eben noch durch Erfahrungen, dadurch, dass man Gefühle erlebt, die Dinge selbst in die Hand nimmt. Und dieser vierte Weg wird an normalen Schulen meist vernachlässigt. Hier ist das anders. Alle vier Lernformen sind verbunden. Das ist sehr wichtig. Denn an normalen Schulen werden viele Kinder zurückgelassen. Nicht weil sie dumm sind, sondern weil sie anders lernen und das normale Schulsystem kümmert sich nicht darum."

Emma spricht aus eigener Erfahrung. Von ihren vorherigen Lehrern fühlt sie sich im Stich gelassen: "Ich habe schwere Zeiten durch. Lesen und Schreiben fällt mir schwer. Ich bin Legasthenikerin. Lesen kann ich, aber sehr langsam. Und beim Schreiben bin ich auf mein Hilfsprogramm angewiesen."

Emma nimmt an einem Tisch Platz, klappt ihren Laptop auf - so wie auch ihre Mitschüler. Alle sind weiterhin kostümiert. Der "Pfarrer" steht vorne, spielt einen Text ab. Der Englisch-Unterricht wirkt konventionell - ginge nicht ab und zu die Tür auf. Ein Verwandter der Baronin Westfield soll verhört werden. Zwei Schüler verlassen den Raum. Sie springen erneut in das Live-Rollenspiel "Das Testament".

Andere Lebensrealitäten spielerisch erfahren

Die anderen wenden sich wieder dem Unterricht zu. Einige lümmeln herum, andere spielen Computerspiele. Aber das ist Teil des Konzepts. Lernen auf freiwilliger Basis. Frontalunterricht ist nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme. Stattdessen bilden rund 70 unterschiedliche Rollenspiele den Kern des Lehrplans. Auf unkonventionelle Weise vermittelt die Schule so Wissen in konventionellen Fächern: Mathe, Bio, Chemie, Physik, Geschichte, Geografie, Sprachen.

"Letzte Woche zum Beispiel hatten wir ein politisches Rollenspiel. Ich habe immer auf Politiker herabgesehen und gesagt: 'Warum machen sie so einen schlechten Job! Das ist doch nicht so schwer! Sie müssen einfach nur Entscheidungen treffen, die gut für die Menschen sind’. Dann war ich letzte Woche selbst Politikerin und hatte mit ihren Herausforderungen zu kämpfen. Und das war wirklich erhellend! Ich habe verstanden, wie schwierig der Politiker-Job ist. Mein Respekt für sie ist enorm gestiegen."

Genau das will die Schule: ihre Schüler sollen die Perspektive wechseln und so andere Lebensrealitäten erfahren – damit das Gelernte auch hängen bleibt.

Viele wurden früher gemobbt

Vor dreizehn Jahren wurde Østerskov gegründet. Sie ist wie andere dänische Internatsschulen privat, aber wird vom Staat bezuschusst. Schon seit Langem hat das Internat den Ruf, viel gegen Mobbing zu unternehmen. Auch deshalb sind viele ehemalige Mobbing-Opfer unter der Schülerschaft, erzählt Iris Sanders-Depscik, die Deutsch und Yoga unterrichtet:

"Die hatten keine Freunde. Sie waren teilweise einsam. Hier fängt jetzt ein anderes Zeitalter für sie an. Aber es ist natürlich auch klar: Wir haben ein ganz anderes Verhältnis zu unseren Schülern. Wir gehen nach der Schule nicht nach Hause. Wir sind immer da, auch wenn die Schüler Freizeit haben. Natürlich ist hier kein Mobbing erlaubt, klar. Aber wir tun auch ganz viel dafür, dass sich die Schüler gegenseitig mit Respekt behandeln. Und hier haben sie gelernt: 'Ey, ich kriege Freunde, das ist was ganz Neues!'"

85 Schüler und Schülerinnen besuchen derzeit die Østerskov. 16 Plätze sind für Spezialschüler reserviert - für jene mit Asperger-Autismus, Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität. Vier Pädagogen kümmern sich ausschließlich um sie. Aber auch unter den anderen Schülern sind viele, die mit dem herkömmlichen Schulsystem hadern.

Andreas Miller hat es sich im Lehrerzimmer bequem gemacht. Der Lehrer, ein Hüne mit Rollkragenpullover und schwarzem Hut, ist stolz darauf, an dieser Schule zu unterrichten. Weil hier niemand zurückgelassen wird.

"Es gibt einfach Schüler, die schlecht in normale Schulen passen. Hier profitieren sie von einem Lernen, das viel direkter und spannungsreicher ist. Das bedeutet nicht, dass wir nicht wirklich komplexe Zusammenhänge vermitteln können. Sondern wir versuchen schlicht, das Wissen so zu verpacken, dass das Lernen wirklich Sinn macht - der Effekt ist, dass unsere Schüler sehr inspiriert sind."

Die klassischen Schulfächer im Rollenspiel

Emmas Englischunterricht ist zu Ende. Sie steckt ihren Laptop unter den Arm und verlässt den Raum. Ein Mitschüler, der ihren Verwandten spielt, wartet schon auf sie. Ihm wurde ein geheimes Dokument zugespielt. Während sie den Schulflur hinablaufen, stecken sie die Köpfe zusammen. Dieser Brief könnte den Hinweis enthalten, warum sie hier sind, erzählt sie. "Wir versuchen gerade, ihn zu entschlüsseln."

Das Rollenspiel spricht den Detektiv in den Schülern an. Es soll Erfahrungen mit den juristischen Folgen eines Testaments, schwierigen Familienkonstellationen, Tiefen und Höhen des menschlichen Seins vermitteln.

Aber nicht in jedes Rollenspiel aus dem Ideen-Fundus der Schule lässt es sich so leicht einsteigen. Ein anderes spielt zum Beispiel im Alten Rom. Um die Wasserversorgung der Stadt zu sichern, müssen die Schüler in Mathe den Umgang mit Kosinus- und Sinus-Funktionen lernen, in Sozialkunde verkörpern sie Mitglieder des römischen Senats, dann bricht plötzlich der Vesuv aus und alles dreht sich um Geologie.

"Ich fühle mich dabei so lebendig"

Emma hat sich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Ein kleiner Raum mit zwei Doppelstockbetten. Hier wohnt sie mit drei Mitschülerinnen. Schule ist für heute vorbei, Emma kann für den Rest des Tages machen, was sie möchte. Hausaufgaben gibt es prinzipiell nicht, Prüfungen stehen nur am Ende des Schuljahres an. Sie setzt sich auf ihr Bett und zieht eine Kiste voller Klamotten darunter hervor.

Schon seit acht Jahren nimmt Emma an Live-Rollenspiel-Events teil. Sie ist ein großer Fan und investiert ihr ganzes Taschengeld in Kostüme. Sie fischt nach einem weinroten Gewand - eine Uniform, für die sie 200 Euro bezahlt habe. Das knielange Gewalt stehe "für eine weibliche Kämpferin, eine Führungspersönlichkeit", sagt sie. Genau das Gegenteil dessen, was Emma in ihrer alten Schule war:

"Ich war unglaublich schüchtern, konnte nicht für mich selbst eintreten. Ich hatte keine Freunde und habe gezweifelt, ob ich gut genug, hübsch genug und überhaupt schlau genug für die Schule bin."

Emma begann, ihre Gefühle zu verstecken.

"Ich fühlte mich, als dürfe ich nicht weinen. Deshalb habe ich all diese Gefühle einfach in mir eingeschlossen. Aber dann kam ich zum Rollenspiel und zog mir ein schönes Kleid an, und legte ein kriegerisches Make-up oder so auf und dann spielte ich dieses Mädchen, das ihre Mutter verloren hat. Und dann durfte ich weinen, weil es ein Rollenspiel war. Gefühle zu erleben ist gesund! Außerdem fühle ich mich dabei so lebendig - ich liebe das wirklich."

Dann will Emma raus auf den Schulflur und ein Lied davon singen, wie es ist, nicht dazuzugehören, vor den eigenen Gefühlen zu flüchten. In einer Ecke steht ein Keyboard. Ihre neuen Mitschüler haben ihr gerade ein bisschen Klavierspielen beigebracht. Sie singen das Stück "Lost Boy" von Ruth B:

"Das Lied sagt vor allem auch etwas über Rollenspiele aus. Wie du nur für einen Moment der Realität entkommst und dir etwas Zeit für dich nimmst. Und ich denke, deswegen fühle ich mich so sehr mit dem Song verbunden."

Auch eine Bayerische Grundschule testet die Methode

In der Münchener "Grundschule an der Burmesterstraße" ist heute Didaktikerin Katrin Geneuss mit ihrem Team unterwegs. Seit dem Ende der Sommerferien kommen sie in eine dritte Klasse und spielt mit den Schülern Live-Rollenspiele.

Ein heller Klassenraum, durch die großen Fenster fällt der Blick auf einen Sportplatz, auf dem Boden liegt Teppich. Die Schüler wuseln auf Socken zu ihren Plätzen in einem Stuhlkreis. Die 45-Jährige Katrin Geneuss und ihre drei Mitarbeiter schauen mit einem Lächeln im Gesicht zu. Mit einer kleinen Aufwärmung geht es los.

Katrin Geneuss, schulterlanges gelocktes Haar, braune Augen, hat sieben Jahre lang an einem schwedischen Gymnasium unterrichtet. Eines Tages kamen externe Rollenspieler an ihre Schule. Geneuss war fasziniert. Sie schrieb ihre Doktorarbeit über "Live Action Role Playing", kurz LARP, als Unterrichtsmethode und wollte herausfinden, ob und wie diese Art des Unterrichtens auch an deutschen Schulen eingesetzt werden kann.

Die Promotion ist seit Kurzem beendet, Geneuss hat von der Theorie in die Praxis gewechselt. Was sie und ihr Team an der Münchener Grundschule nun ein ganzes Schuljahr lang machen, ist in Deutschland wohl einzigartig: ein Mal wöchentlich eingebettet in den regulären Stundenplan wird mithilfe von Rollenspielen unterrichtet. Das heutige Setting: die "Zauberschule am Alpenrand".

Katrin Geneuss setzt sich selbst einen schwarzen Hut auf und legt einen grünen, bodenlangen Samtmantel an. Ab jetzt ist sie Professor Stein. Auch ihre Kollegen, die Schauspielerin Carola Bambas und der Grundschulpädagoge Marcel Metten, verwandeln sich - aus letzterem wird "Professor Feuer".

Eine Frau in Zauberverkleidung schwört eine Gruppe junger Schüler auf ein Rollenspiel ein. (Deutschlandradio/Anna Goretzki)Als Professor Stein führt Katrin Geneuss die Kinder beim Spiel an. (Deutschlandradio/Anna Goretzki)

Die dänische Østerskov-Schule, wo Geneuss erst vor wenigen Wochen hospitierte, war wichtige Inspirationsquelle für ihr EDULARP-Konzept. "Educational Live Action Roleplays". Das Fachwort für Bildungs-Live-Rollenspiele.

"Überhaupt wurde mir durch Hobro die Entwicklung des Konzepts erst ermöglicht, mit dem wir hier an die deutschen Schulen gehen", erzählt Katrin Geneuss. "Das ist das Spezielle an diesem Unterrichtskonzept, dass es wirklich aus der Praxis kommt. Es ist tatsächlich von begeisterten Hobby-Live-Rollenspielern entwickelt worden, die selber an sich gemerkt haben: 'So habe ich gut gelernt.' Ich möchte auch den Kindern mal zeigen, ob das eventuell was für sie sein könnte."

Unterrichtsfach "Geheimes Spurenlesen"

Die Drittklässler an der Münchener Grundschule sind ganz Ohr, als Katrin Geneuss alias Professor Stein mit ihrem wallenden Umhang in die Mitte des Stuhlkreises tritt. Sorgenfalten stehen der Professorin auf der Stirn: die Köchin der Zauberschule, Frau Bretzel, ist spurlos verschwunden.

Sie teilt die Schüler in drei Gruppen auf. Dann versammelt sie ihre Zauberlehrlinge auf dem Schulflur um sich. Mit vor Aufregung geweiteten Augen schauen sie zu ihr hinauf:

"Nun ist es so, dass mein Fach, das Fach des ‚Geheimen Spurenlesens‘ ist. Normale Menschen würden denken, das ist doch eine Schule wie jede andere. Aber wir wissen: Das ist keine Schule wie jede andere. Hier gibt es Spuren von Drachen, von unheimlichen Wesen, die mal hier waren, aber auch von magischen Wesen: Elfen, Einhörner. All so was können wir entdecken mit der Kraft unserer Zauberstäbe."

Spuren, die dabei helfen können, die Köchin wiederzufinden. Eifrig begeben sich die Schüler auf die Suche. Ein Zauberschüler hält Professor Stein die leere Verpackung einer Haselnussschnitte unter die Nase.

- "Das habe ich da hinten gefunden, ich glaube, das ist eine Geheimbotschaft."
- "Das kann gut sein. Ja. Was steht denn in der Geheimbotschaft?"
- "Hallo, bitte geben Sie mir das Geld, das Sie mir gestohlen haben."
- "Glaubst Du, Professor Weitblick hat was gestohlen?"
- "Ja."
- "Dürfte ich das bitten haben - dieses Indiz? Dankeschön. Gucken Sie, ob Sie weitere Spuren finden."

Begeisterung auf allen Seiten

Die drei Zauberschülergruppen passieren reihum den Unterricht der drei unterschiedlichen Professoren. Bei jedem erhalten sie Hinweise, die dabei helfen, die verschwundene Köchin wiederzufinden. Einige Zauberschüler bringen Papierschnipsel mit Buchstaben in den gemeinsamen Stuhlkreis am Ende mit. Die Kinder setzen die Schnipsel zusammen. Es entsteht ein Satz: "Köchin Bretzel ist unter der Tischdecke". In der Ecke des Raumes steht tatsächlich ein Tisch mit Decke.

Die Schüler und ihre Professoren versammeln sich um ihn und sprechen den Zauberspruch, der die Köchin zurückverwandeln soll: "Mutabor Aranea!" Die Verblüffung steht den Kindern ins Gesicht geschrieben als Frau Bretzel wieder da ist. Nicht nur wegen des Kuchens in Spinnenform, den Frau Bretzel unter dem Tisch hervorzaubert, ist die Begeisterung für die wöchentlich 90 Minuten Rollenspiel groß.

- "Hier bewegen wir uns auch und beim normalen Unterricht, Mathe und so weiter, sitzen wir nur und da können wir uns halt nicht bewegen. Und das finde ich halt auch echt schade."
- "Ich lerne hier auch ein bisschen Schauspielern, weil das habe ich davor eigentlich noch nie gemacht."
- "Wie man lernt, dass man auch beim Lernen Spaß haben kann."

Katrin Geneuss ist sichtlich begeistert davon, wie intensiv die Drittklässler dabei waren.

"Das hier ist wirklich eine Lernform, die die Kinder in sich stärkt und auch ihre Wahrnehmung dafür schärft, dass man in der Gruppe viel mehr erreichen kann als alleine. Man kann ja alleine nicht so eine tolle Geschichte erzählen wie wir es heute gemacht haben. Und einer alleine hätte auch nicht genug Schnipsel sammeln können, um die Köchin zurück zu verzaubern. Es ist wirklich dieses Kooperativ-Spielerische, was dazu führt, dass es so eine wirkungsmächtige Methode ist."

Klassenfahrt mit einem Spiel aus dem Jahr 1532

Ein kopfsteingepflasterter Innenhof eines Schlosses. Durch ein großes Holztor schreiten erhaben und in lange Gewänder gehüllte Gestalten. Manche tragen Kapuzen oder Hüte, einige haben spitz zulaufende Elfen-Ohren. Bei vielen ziehen sich rote oder schwarze Streifen über Gesicht und Hände.

Die Østerskol-Efterskole ist auf dem thüringischen Schloss Windischleuba auf Klassenfahrt. Heute inszenieren die Schüler, Lehrer, das gesamte Schulpersonal, inklusive Köchin und Hausmeister, das besonders aufwändig inszenierte eintägige Rollenspiel "Mitternachtskonklave". Die Geschichte: Wir schreiben das Jahr 1532. Die Inquisitoren exekutieren die magischen Wesen.

Die mächtige Magierin Baronin von Münchhausen ist daher in großer Sorge. Gemeinsam mit Vampire, Feen, Magier und Werwölfen will sie auf ihrem Schloss eine Lösung finden und die Welt befrieden. Aber das ist nicht einfach: alte Fehden und Feindschaften brodeln zwischen ihnen.

Emma steht zwischen all den magischen Wesen. Sie trägt ein bodenlanges rot-goldenes Kleid, einen Fellumhang, die große Kapuze tief in die Stirn gezogen. Sie spielt die Vampirin Elvira: "Es ist überwältigend für sie, denn bisher hat sie nur eine von drei Vampirarten kennengelernt. Und hier ist sie gleich von zehn verschiedenen magischen Wesen umgeben."

Emma betritt das Schloss und mischt sich ins Getümmel. Ab jetzt wird sie acht Stunden lang Elvira vom Sentire-Vampirclan spielen.

Soziale Dynamiken werden spielerisch erprobt

Das Live-Rollenspiel ist komplex. Unzählige Erzählstränge, komplizierte Beziehungskonstellationen, Dutzende über das ganze Schloss verteilte Spielorte. 34 Seiten stark ist das Heft, das die Spielregeln des Rollenspiels beschreibt. Es liegt auch im sogenannten "Plot Bunker" aus.

Ein Raum, der an den Schlosshof grenzt und in dem ein reges Kommen und Gehen herrscht. Gamemaster Morten Kjærgaard, einer der Lehrer, sitzt an einem Tisch. Von hier aus zieht er backstage die Fäden:

"Wir haben eine Gamemasterin im Spiel als Hauptrolle - das ist die Baronin von Münchhausen. Sie nimmt aus dem Spiel heraus Einfluss auf seine Entwicklung. Und ich tue das von außerhalb, hinter den Kulissen helfe ich der Gamemasterin und kommuniziere ständig mit ihr."

Die Klassenfahrt und das eintägige Rollenspiel zu Beginn jedes Schuljahres haben Tradition, erzählt Morten.

"Sie lernen unheimlich viel über soziale Dynamiken, über Führungspersönlichkeiten, wie man Geschichten erzählt. Ich meine, das eine ist etwas über Spannungskurven in einem Klassenraum zu lernen. Das andere ist, sie selbst zu erleben, indem man an einem zehnstündigen Rollenspiel teilnimmt. Der Unterschied ist enorm. Aber das wichtigste an dieser Klassenfahrt ist, dass wir einen Teamgeist in der Schule schaffen wollen, eine Gemeinschaftserfahrung."

"Du wirst respektiert"

Für Emma scheint das genau das Richtige zu sein. Sie hat sich eine kurze Auszeit vom Spielen genommen und sitzt hinter dem Schloss auf einer massiven Holzbank in der Herbstsonne. Ein Elf mit spitzen Ohren lehnt an einer Mauer, spielt Flöte. An der Østerskov habe sie nun erstmals Freunde im gleichen Alter gefunden.

"Das ist ein gutes Gefühl, sehr anders. Dieses Gefühl, dass du respektiert wirst und du deinen Freunden vertrauen kannst. Und dass sie wirklich deine Freunde sein wollen. Sie reden nicht nur mit dir, weil sie Mitleid haben. Auch Leute, mit denen ich nicht wirklich viel rede, kommen einfach auf mich zu und sagen: 'Oh, es ist ein wirklich schönes Kostüm. Du bist so nett und hilfsbereit'. Das fühlt sich gut an. Es ist sehr gut für mein Selbstwertgefühl."

Emma schlüpft wieder in ihre Rolle und verschwindet in einem der unzähligen Säle, wo sie wie die anderen Rollenspieler Rätsel lösen, geheime Gegenstände finden, Intrigen aufdecken, diskutieren, kämpfen wird.

Die Spiele sind intensiv - und nicht ganz ungefährlich

Bei einem von der Baronin geführten Ritual bricht eine der Schülerinnen in heftiges Weinen und Zucken aus. Plötzlich ist die Grenze zwischen Rollenspiel und Realität verwaschen, nicht mehr klar: spielt die Schülerin ihre Rolle zu intensiv oder geht es ihr wirklich schlecht? Die Baronin, verkörpert von Mitarbeiterin der Schule Friederikke Bech Høyer, bricht das Ritual ab, widmet sich der Schülerin. Alle anderen verlassen den Raum.

Wer auf die Unterrichtsmethode "Rollenspiel" setzt, muss sich das Gefahr bewusst sein, dass für manche Teilnehmer, vor allem psychisch labile, das Spiel zur Wirklichkeit werden kann.

Im Schlosshof steht Iris Sanders-Depscik, die Deutschlehrerin. Die Lehrer sind geschult darin, die Schüler im Live-Rollenspiel auch an ihre Exit-Strategien zu erinnern:

"Dass man da in der Situation, wenn es zu viel wird, zurückgehen kann. Und da steht auch immer einer der Erwachsenen dabei und bereit, einen zu empfangen und sagen 'hey, komm, jetzt helfe ich Dir mal'. Und das ist auch für uns sehr wichtig, dass wir das haben."

Am Abend steuert das Rollenspiel seinem Höhepunkt zu. Emma nimmt an einem Ritual teil. In einem schummrigen Saal kauert sie mit zwei Mitschülern auf dem Boden. Im Kreis stehen rund 20 Rollenspieler. Die Baronin von Münchhausen leitet das Ritual.

"Wir haben ihnen jetzt ihre Erinnerungen genommen, aber noch nicht ihre magischen Kräfte. Das machen wir jetzt."

Elvira alias Emma schluchzt leise. Elvira lässt sich in einen Menschen verwandeln und hilft so dabei, die magischen Wesen zu retten, die Welt friedlicher zu machen. Dann verlässt sie den Raum mit den Worten:"Das war heftig."

"Ich bin ich!" 

Draußen auf dem Schlosshof im Dunklen der Nacht umringen Emma einige Mitschüler. Ihr laufen Tränen übers Gesicht. Ihr Make-up verwischt. Vor allem das Ende des Rituals bewegt sie:

"Das war aufregend. Es geht mir sehr gut, auch wenn es vielleicht anders aussieht. Jeder konnte uns etwas sehr Persönliches sagen. Das war sehr berührend. In einem guten Sinne. Ich fühle mich geborgen. Deswegen macht es mir auch nichts aus, dass ich hier weinend herumlaufe."

Ein Mitschüler nähert sich ihr, umarmt sie:

- "Du hast echt gut gespielt, Emma!"
- "Danke!"
- "Geht es Dir gut?"
- "Ja, es geht mir richtig gut."

Schon jetzt - nach nur wenigen Wochen auf der Østerskol Efterskole - fühlt sich Emma viel besser gewappnet fürs Leben.

"Østerskov gibt mir eine Rüstung, die ich anlegen kann, damit ich für mich selbst einstehen und den Leuten sagen kann, dass es nicht mein Problem ist, wenn sie mich nicht mögen. Weil ich, ich bin und sie mich akzeptieren und respektieren müssen, wie ich bin."

Der Hof liegt still. Emma lehnt an der Schlossmauer, lässt den Tag noch einmal Revue passieren. Fast noch ein ganzes Jahr auf der Live-Rollenspielschule liegt vor ihr. Danach will sie eine Ausbildung zur Erzieherin anfangen und später mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, die es schwer haben.

So wie sie selbst einmal.

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