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Buchkritik | Beitrag vom 23.06.2020

Leonid Zypkin: "Die Brücke über den Fluss"Verschmelzung von Zeit und Raum

Von Olga Hochweis

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Das Covermotiv des Romans "Die Brücke über den Fluss" von Leonid Zypkin besteht aus einem ein historischen sepiafarbigem Foto eines kleinen Jungen mit einem Fahrrad vor einem Fluß. (Aufbau Verlag / Deutschlandradio)
Schlaglichtartig, wie in fotografischen Momentaufnahmen, schaut Leonid Zypkin in "Die Brücke über den Fluss" zurück auf sein Leben. (Aufbau Verlag / Deutschlandradio)

Die autobiographische Erzählung "Die Brücke über den Fluss" des Russen Leonid Zypkin erscheint nach 50 Jahren erstmals auf Deutsch: ein unendlicher, assoziativer Erinnerungsstrom über Themen wie Krieg, Tod, Liebe und das Altern.

Die posthum erschienene Prosa des russisch-jüdischen Schriftstellers Leonid Zypkin (1926-1982) fand Jahrzehnte nach seinem Tod eine prominente Fürsprecherin. Die Kulturwissenschaftlerin Susan Sontag sagte, Zypkins einziger Roman - "Ein Sommer in Baden-Baden" - sei einer der aufregendsten des 20.Jahrhunderts. Die US-Amerikanerin hatte in einem Londoner Antiquariat eine englischsprachige Taschenbuch-Ausgabe aus den 1980er Jahren entdeckt.

Jüdische Medizinerfamilie aus Minsk

Nun ist erstmals Zypkins autobiographische Erzählung "Die Brücke über den Fluss" auf Deutsch erschienen - sein erstes längeres Prosawerk, das 1973 entstand und zunächst in der Schublade verschwand. Alle Namen und Orte hatte Zypkin anonymisiert, um sich vor etwaiger politischer Verfolgung nach Auftauchen des Manuskriptes zu schützen.

Der Sohn einer jüdischen Medizinerfamilie aus Minsk, später selbst als Pathologe in Moskau tätig, war dem Holocaust mit seinen Eltern nur knapp entkommen. Eine Ausreise zu seinem einzigen Sohn in die USA wurde ihm bis zum Lebensende verwehrt.

Schlaglichtartig, wie in photographischen Momentaufnahmen, schaut Leonid Zypkin in "Die Brücke über den Fluss" zurück auf Lebensepisoden unterschiedlichster Jahrzehnte. Zeit und Raum verschmelzen.

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Assoziativ mäandert der Autor zwischen den Zeitläufen, springt zwischen Themen und Figuren, trägt einzelne wiederkehrende, aufgeladene Gegenstände wie ein Still-Leben mit wechselndem Hintergrund durch die Jahrzehnte, zum Beispiel den Mantel des Vaters, den er selbst später tragen wird.

Überblendet von verschiedenen Lebensphasen

Zypkin kehrt an prägende Orte zurück wie etwa den titelgebenden Fluss seiner Heimatstadt, die nie namentlich genannt wird. Auch der Erzähler scheint vielgestaltig, wie überblendet von verschiedenen Lebensphasen. Die Ich-Perspektive wechselt immer wieder mit der "Er-Form", was permanente Bewegung, aber auch Unruhe evoziert.

Ein quasi unendlicher Lebensstrom spiegelt sich in langen, von Bindestrichen und Kommata unterbrochenen Sätzen - wie ein Bewusstseinsstrom, der zwischen dem Kind und dem erwachsenen Mann hin-und herpendelt, und in wenigen Abschnitten dank eines einzelnen Motivs ganze Jahrzehnte überspringt.

Es scheint die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. In den Vordergrund rücken existentielle Themen wie Tod, Liebe, Angst oder das Altern.

Detailgenaue Bilder aus den ersten Kriegstagen

Den inhaltlichen Kern bilden detailgenaue Bilder aus den ersten Kriegstagen im Juni 1941 - nach dem Überfall auf die Sowjetunion, als das brennende Minsk bereits als "Hinterland der Deutschen" erobert ist.

Zentrale Figuren tauchen auf, denen das Überleben nicht gelingt: Verwandte, Medizinerkollegen des Vaters oder der binnen weniger Tage gefallene "Held aus Kindertagen" Tussik - ein vermeintlich unbesiegbarer junger Mann, der dem Jungen durch das Erlernen des Fahrradfahrens auch erste Freiheitsgefühle schenkt:

"In seinen Ohren hämmert sein Herzschlag, er drückt mit dem Fuß auf die Rücktrittbremse, er wird von rumpelnden Fuhrwerken überholt, doch ihm scheint, als jagte er in atemberaubendem Tempo dahin, überholte jeden und alles, und so wird es ihm sein Leben lang vorkommen."

Bleierne Schwere der Sowjetzeit

Den zentralen Erzählrahmen setzen die Jahre 1936 und 1972. Am Anfang steht die Metrofahrt des 10-jährigen bei seinem ersten Moskau-Besuch. 36 Jahre später kehrt der Erzähler per Zug von Minsk nach Moskau zurück. Dazwischen liegt die Beerdigung des Vaters Anfang der 60er Jahre, für die der Erzähler noch einmal in seine Heimatstadt Minsk zurückkehrt.

Vor allem die Episoden über die frühen 1970er Jahren tragen die bleierne Schwere von Anpassung und Lethargie während der Sowjetzeit. Diese Passagen erreichen nicht die literarische Stärke der ersten Buchhälfte. Doch in ihrer subjektiven Realität hinterlassen auch sie Bilder, die nachwirken.

Leonid Zypkin: Die Brücke über den Fluss
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Mit einer Nachbemerkung von Michail Zypkin
Aufbau Verlag, Berlin 2020
208 Seiten, 22 Euro

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