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Frühkritik | Beitrag vom 18.04.2019

Leonardo Padura: "Die Durchlässigkeit der Zeit"Erschreckendes Sozialpanorama des heutigen Kuba

Von Tobias Gohlis

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Im Vordergrund das Cover zu Leonardo Paduras "Die Durchlässigkeit der Zeit", im Hintergrund Heiligenstatuen in einer Kirche. (Unionsverlag/ Unsplash/ Steven Kamps)
Das kubanische Volk glaubt inzwischen mehr an die schwarze Madonna als an den Maximo Lider, macht Paduras Buch deutlich. (Unionsverlag/ Unsplash/ Steven Kamps)

Die Suche nach einer gestohlenen Statue führt Mario Conde in die Slums von Havanna. Was er dort sieht, schockiert selbst den hartgesottenen Detektiv. Lesenswerter Krimi und gleichzeitig Porträt eines Landes, das jede sozialistische Hoffnung verloren hat.

Weltweit bekannt geworden ist Leonardo Padura durch das Havanna-Quartett, eine subversive Erzählung aus dem Herzen der "verborgenen Generation", wie er sie nennt. Padura, geboren 1955, gehört ihr selber an. Es ist jene Generation von Kubanern, die nichts anderes erlebt hat als den Sozialismus Castro'scher Prägung. Mario Conde, der Anti-Held der Tetralogie, gehört auch dazu, wie auch der Kreis seiner Freunde, deren Schicksale in jedem Band miterzählt werden.

Mario Conde fühlte sich schon immer als Außenseiter – sein Nachname bedeutet wenig sozialistisch  – und als solcher konnte er auch nur wenige Jahre Polizist sein. Resigniert zog Conde sich 1989 nach zehn Jahren zurück und wurde Antiquar, der sein Näschen nur noch zum Auffinden seltener Bücher nutzte. Nur manchmal, wenn ihm finanziell das Wasser bis zum Hals steht, lässt er sich darauf ein, als Privatdetektiv zu ermitteln.

Ein bitteres Porträt des heutigen Kuba

So auch im aktuellen Fall der schwarzen Madonna, die seinem ehemaligen Schulkameraden Bobby von einem Lover gestohlen wurde. Die Suche nach dem Dieb und dem Verbleib der vermutlich extrem wertvollen, weil aus dem Mittelalter stammenden Statue bildet den roten Faden von Paduras jüngstem Roman "Die Durchlässigkeit der Zeit", einem bitteren Porträt des heutigen Kuba. Der diebische Lover ist ein Stricher aus dem unterentwickelten und miesen Osten der Insel.

Er gehört zu den abfällig "Palästinenser" genannten wilden Siedlern an den Rändern der Hauptstadt. Selbst Conde, der schon einiges gesehen hat, ist schockiert über die Lebensbedingungen in den Slums, in denen die Madonna verschwunden zu sein scheint. Umso abstoßender kommt ihm der Luxus der superreichen Kunsthändler vor, aus deren Kreis wohl der Diebstahl in Auftrag gegeben wurde.

Das erschreckende Sozialpanorama, das Padura hier ausbreitet, widerspricht allen sozialistischen Idealen, wie auch die notorische Verfolgung der Homosexuellen, die der schwule Bobby mit bitterer Ironie "Machismo Leninismo" nennt und erleiden musste. Dass alle sozialistischen Hoffnungen perdu sind, wird deutlich an der volksreligiösen Verehrung, die nicht mehr dem Maximo Lider Castro, sondern der schwarzen Madonna zuteil wird.

Madonna als Hoffnung der Unterdrückten?

Hier allerdings nimmt Padura nicht nur im Romantitel "Die Durchlässigkeit der Zeit" eine verstörende Wende. Unter dem dramaturgisch dünnen Vorwand, die Provenienz der schwarzen Madonna zu rekonstruieren, geht der Erzähler des Romans weit zurück in der spanisch-europäischen Geschichte, in der die Madonna immer wieder von einzelnen tapferen Männern beschützt und gerettet wurde, um ihnen wiederum ihren besonderen Schutz angedeihen zu lassen.

Maria, die weibliche, traditionell barmherzige und beschützende Verkörperung des Göttlichen soll die wahre Hoffnung der Unterdrückten über alle Zeiten sein? Aus dieser antirationalistischen Disharmonie rettet Padura nicht einmal der Trick, den er sich mit der Figur seines Erzählers erlaubt. Der natürlich nicht verraten wird. Denn insgesamt ist "Die Durchlässigkeit der Zeit" schon ein sehr lesenswerter historischer und Kriminalroman.

Leonorado Padura: Die Durchlässigkeit der Zeit 
Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein 
Unionsverlag, Zürich 2019 
440 Seiten, 24 Euro

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