Lena Gorelik: "Alle meine Mütter"

Mitgefühl statt Disziplin

06:05 Minuten
Cover des Romans "Alle meine Mütter" von Lena Gorelik
© Rowohlt

Lena Gorelik

Alle meine MütterRowohlt, Hamburg 2026

272 Seiten

24,00 Euro

Von Miriam Zeh |
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Migrierte Mütter, alte Mütter, Mütter von behinderten und kranken Kindern, Tanten und Bonusmütter – sie alle stehen in Lena Goreliks Roman nebeneinander. Mit Empathie erweitert die Autorin damit Vorstellungen von Mutterschaft und Familie.
Das Ideal der aufopferungsvollen, ganz auf das Kind ausgerichteten “deutschen Mutter” hält sich hartnäckig. Begründet mit der Reformation, als Martin Luther die Erziehung der Kinder zum Gottesdienst erhob, lässt es sich – gerade als protestantische Tradition – durch die Jahrhunderte verfolgen.

Mütter und das Volk von "reinem Blut"

Johann Heinrich Pestalozzi machte im 18. Jahrhundert die Mutter zur zentralen Figur in der frühkindlichen Erziehung und fesselte sie damit an den Haushalt. Im Dritten Reich verschränkten sich schließlich Religion, Pädagogik und Biologie in einer besonders fatalen Weise, als Mütter angeblich mit jeder Geburt das ewige Überleben eines Volks von “reinem Blut” sicherstellten.
Wie langlebig dieses Denken war, zeigen nicht nur einzelne Titel. Johanna Haarers NS-Ratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, der frühe Disziplin und emotionale Härte fordert, wurde in bearbeiteter Form bis weit in die 1980er-Jahre millionenfach verkauft. Barbara Vinken fordert in einer einflussreichen Studie zum Mutterschaftsmythos schon vor fast 20 Jahren: “Unseren Kindern sollten wir deutsche Mütter ersparen und ihren Schatten, der sich erst über Generationen verlieren wird, durch die Vielfalt anderer Verhältnisse aufhellen."

Entlastung der Mutterschaft

Lena Gorelik hat jetzt genau das getan, allerdings nicht in kulturhistorischer, sondern literarischer Form. Und vermutlich hat die 1982 in St. Petersburg geborene und 1992 mit ihren Eltern nach Deutschland emigrierte Schriftstellerin und Journalistin genau richtig daran getan, eine empathische und offene Romanform dafür zu wählen. Anstatt sich an alten Mythen abzuarbeiten, zeigt Gorelik in “Alle meine Mütter” die vielfältigen Wirklichkeiten von Mutterschaft, die jenseits dieses Ideals längst existieren.

Ich zähle auf, versammle Geschichten von Mutterschaft, von Versehrtheit. [...] Ich zähle auf und weiß; Dies ist ein Versuch. An der Vollständigkeit werde ich scheitern. Weiß: Die Mütter, sie sind mehr als die Summe ihrer Versehrtheit.

Seine Kraft entfaltet der collageartige Text gerade dadurch, dass eine Vielzahl verschiedener Mütter nebeneinandersteht und Mutterschaft so von reglementierenden, normativen und biologistischen Vorstellungen entlastet wird. Es sind alte Mütter und migrierte Mütter, die hier zusammenkommen, Tanten und Bonusmütter, die als neue Partnerin in eine Patchworkfamilie kommen, aber auch Mütter von behinderten und kranken Kindern. Dass diese Menschen gleichberechtigt nebeneinanderstehen, ist überhaupt nur möglich, weil Gorelik so behutsam und selbstreflexiv vorgeht.

Ich habe zugehört, zugesehen, ausgedacht. Habe gezweifelt, ob ich ihre Geschichten sammeln darf, verbinden, auskleiden, erfinden – Geschichten von Müttern, die statt der Rollstühle, der Diagnosen, der Tabellen, der Bürokratie, der Sorgen ihre Kinder sehen.

Fürsorge und Versehrtheit

Alle diese Mütter beschreibt Gorelik in Bildern oder kurzen Szenen, die ihre Fürsorge oder Versehrtheit, ihre Einsamkeit oder Ungeduld, eben ihre Mutterschaft beschreiben. Inas Abu Maamar, die Tante eines getöteten Kindes aus Gaza, steht neben Emre, Annie und Felicitas, Mütter, die Expertinnen werden für die Syndrome, chronische Erkrankungen und Entwicklungsstörungen ihrer Kinder. Und daneben auch: die neue Freundin ihres Ex-Partners, die für Goreliks eigene Kinder auch eine Mutter geworden ist.
Der Romantext ist so gebaut, dass eine individuelle Perspektive auf Mutterschaft stets in die strukturelle übergeht. So kehrt Gorelik zwar auch immer wieder zu ihrer eigenen Mutter zurück, die sich nach einer Brustkrebsdiagnose durch die Chemotherapie kämpft und der Tochter nie viel von sich erzählt. Sie schließt aber einen Blick auf das Land an, in dem auch ihre Mutter aufgewachsen ist und das den “Weltrekord an Schwangerschaftsabbrüchen” hielt. Und das ergänzt auch etwas in dem Bild, das sich Gorelik von ihrer eigenen Mutter gemacht hat.

Was ich nicht ahne, sondern weiß: dass die Sowjetunion bereits im Jahre 1920 Schwangerschaftsabbrüche legalisiert hat und dass ich, statistisch gesehen, kaum eine Frau, die in der Sowjetunion gelebt hat, kennen kann, die keinen Schwangerschaftsabbruch hinter sich hat.

Luft und Licht statt muffiger Mythos

Lena Gorelik hat einen Roman geschrieben, der die Tür öffnet. Durch den muffigen Mythos der deutschen Mutter lässt sie Luft und Licht und ja, auch Liebe wehen. Denn auch die schönen und zarten Momente von Elternschaft finden sich in diesem Text. Und daneben: Platz für Jules, die keine Kinder bekommen kann und ihre Trauer zwischen den Kernfamilien ihrer Freunde aushalten muss. Dass Gorelik den Blick auch auf jene richtet, die von den gängigen Mutterschaftsbildern ausgeschlossen bleiben, dass sie ihnen mit derselben Genauigkeit und Empathie begegnet, ist eine besondere Stärke dieses Buches.
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