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Interview | Beitrag vom 17.08.2019

Leiter des Dresdner Kreuzchores"Sehr darauf achten, dass Mädchen nicht diskriminiert werden"

Roderich Kreile im Gespräch mit Shanli Anwar

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Mitglieder des Dresdner Kreuzchor Knabenchores nehmen zusammen mit anderen Chören in der Kreuzkirche in Dresden an einem Abendkonzert teil.    (Getty Images/ Carsten Koall)
Der Dresdner Kreuzchor kann auf eine etwa 650-jährige Tradition zurückblicken. Er zählt zu den fünf ältesten Knabenchören Deutschlands und Europas. Mädchen werden dort wohl auch vorerst nicht singen. (Getty Images/ Carsten Koall)

Sänger in Knabenchören haben ausgezeichnete Ausbildungsmöglichkeiten - sagt Roderich Kreile vom Dresdner Kreuzchor. Allerdings gebe es auch sehr gute Mädchenchöre. Auf die Gleichwertigkeit der Ausbildungen müssten die Kommunen achten.

Shanli Anwar: Herr Kreile, Knabenchöre bleiben ja erst mal Jungs vorbehalten. Sind Sie nach dem Berliner Urteil beruhigt?

Kreile: Ja, ich habe an sich mit einem solchen Ausgang des Prozesses gerechnet, denn aus meiner Sicht gibt es eine ganze Reihe von Faktoren, die zu berücksichtigen sind und die die Existenz von Knabenchören – aber auch umgekehrt eben von Mädchenchören – in ihrer reinen Form begründen können. Man darf nicht vergessen: Es geht ja auch um das Umgekehrte. Wenn Mädchen in Knabenchören mitsingen, müssen dann natürlich auch die Mädchenchöre für Knaben geöffnet sein.

Anwar: Und das sind dann einfach ganz unterschiedliche Klangbilder oder was ist so das vorderste Argument, das Sie sehen?

Kreile: Es sind unterschiedliche Klangbilder. Im Übrigen bin ich sehr gespannt auf eine ausführliche Urteilsbegründung, denn der Aspekt der Kunstfreiheit, den halte ich natürlich auch für einen sehr schätzenswerten und hochzuhaltenden. Aber wie ich es aus den Medien entnehmen konnte, heißt es, dass da gegebenenfalls eine mögliche Diskriminierung oder Benachteilung überwiegt. Und da bleibt natürlich ein etwas schales Gefühl zurück, denn das sollte nicht sein.

Im Übrigen, die klanglichen Unterschiede, ja, die sind natürlich vorhanden, die sind speziell für die Experten hörbar. Aber wir haben auch die Erfahrung gemacht, es gibt natürlich die Möglichkeit, auch Mädchenchöre für bestimmte Stücke auf eine Durchschlagskraft zu trainieren, wie sie Knabenchöre mit erfahrenen, älteren Knaben auch haben. Das Argument bleibt da natürlich: Warum soll man das machen? Warum soll man nicht die Spezifika der Mädchenstimme entwickeln und die Spezifika der Jungenstimme entwickeln?

"Die Mädchen wollen gerne ihren Brüdern folgen"

Anwar: Haben eigentlich bei Ihnen auch schon mal Mädchen für den Dresdner Kreuzchor vorgesungen oder dafür angefragt, ob sie vorsingen dürften?

Kreile: Na ja, angefragt schon, es kommt halt gelegentlich vor, dass Brüder von Mädchen im Chor sind, und dann wollen die Mädchen auch gerne ihren Brüdern folgen, eben, was ich mir umgekehrt auch für Mädchenchöre vorstellen könnte.

Anwar: Wenn jetzt ein Knabenchor vielleicht auch verpflichtet dazu wäre, auch Mädchen aufnehmen zu müssen, jetzt abgesehen vom spezifischen Klang, was würde aus Ihrer Sicht noch dagegen sprechen?

Kreile: Die Fragen der Koedukation sind ja in der Pädagogik nicht eindeutig entschieden. Es gibt Bereiche, in denen man sagt, Koedukation wäre förderlich, und andere, da heißt es, dass Jungs und Mädchen getrennt unterrichtet werden sollten. Ein bisschen ist das auch in dem musikalischen Bereich so. Knabenchöre leben auch davon, dass Jungs, die die entsprechende Begabung natürlich haben, das vorausgesetzt, in ihrer Gruppierung quasi als Mannschaft leistungsorientiert singen und dadurch auch gut fürs Singen zu begeistern sind.

Anwar: Und die Mädchen würden Ablenkung bedeuten oder wie sehen Sie das?

Kreile: Na ja, da spielt noch ein Faktor rein, dass wir eine überwiegend in Schulen weibliche Pädagogik haben, viel mehr Lehrerinnen als Lehrer, und es mag schon sinnvoll sein, dass auch in Knabenchören männliche Rollenvorbilder – was übrigens auch nicht ausschließen muss, dass Frauen auch Knabenchöre leiten können –, männliche Rollenvorbilder hier auch positiv zum Tragen kommen.

Also das meinte ich in meinem Anfangssatz, dass es doch eine ganze Reihe von noch zu berücksichtigenden Aspekten gäbe. Nur in einem folge ich: Man muss sehr darauf achten, dass Mädchen nicht diskriminiert werden, denn zweifellos haben Jungs in diesen großen und berühmten Chören, sei es die Thomaner, die Regensburger, wir oder der eben jetzt betroffene Staats- und Domchor, ausgezeichnete Ausbildungsmöglichkeiten und lernen auch in bestimmten Bereichen eine Sozialkompetenz, gerade in den Chören, denen Internate angeschlossen sind.

"Es gibt auch sehr gute Mädchenchöre"

Anwar: Es ist unbestritten wirklich eine Eliteausbildung, Sie sprechen es ja auch schon an, und die dann auch wirklich später noch viele Türen öffnen kann. So was darf Mädchen eben nicht vorenthalten werden, oder?

Kreile: Das finde ich auch. Da muss man dann eben überlegen, wie die jeweiligen Bedingungen sind, also erst mal, was der jeweilige Träger anbieten kann, sei es eine Universität, oder in welchem Umfeld man sich bewegt. Also in den Städten, in denen die berühmten Knabenchöre sind, jetzt nenne ich Leipzig und Dresden, gibt es auch sehr gute Mädchenchöre, zum Beispiel haben wir hier, auch in der Trägerschaft der Stadt, wie der Dresdner Kreuzchor ja auch in Trägerschaft der Stadt ist, das Heinrich-Schütz-Konservatorium mit einem sehr, sehr guten Mädchenchor unter hervorragender Leitung. Da wird auch insgesamt in der Ausbildung Ausgezeichnetes geleistet. Sollte man noch feststellen, dass es immer noch nicht entsprechend auf dem Niveau ist, was den Jungs geboten ist, ist es dann natürlich Aufgabe der Stadt, dafür zu sorgen, denn Diskriminierung insgesamt darf natürlich nicht vorkommen.

Anwar: Im Grunde plädieren Sie dann eher für eine weitere Professionalisierung auch der Mädchenchöre.

Kreile: Ja, das mag für bestimmte Mädchenchöre auch gelten. Schauen Sie, wir haben eine sehr reiche Knabenchor-Landschaft, aber in unterschiedlichstem Niveau. Und hier ging es ja um einen der Spitzenchöre, und daraus wird ja auch die ganze, ja, sage ich jetzt auch: Das Medieninteresse hängt sich sicher auch daran auf. Genauso gibt es hervorragende Mädchenchöre, vielleicht nicht in der Zahl, aber wenn ich an den Mädchenchor Hannover denke, aus deren Reihen ja auch sehr viele bekannte Sängerinnen und Musikerinnen hervorgegangen sind. Ja, wenn das irgendwo in der Vergleichbarkeit nicht gegeben ist, ist es eine Aufgabe, sich darum zu kümmern.

Anwar: Wie verfolgen eigentlich Ihre jungen Männer im Knabenchor diese Debatte? Könnten die sich denn vielleicht vorstellen, dass ein Mädchen in ihren Reihen mitsingt? Oder haben sie das gar nicht besprochen?

Kreile: Doch, besprochen, natürlich ist die Diskussion nicht an uns vorbeigegangen und ich habe meine Jungs, also jetzt den Knabenchor, mal gefragt, und das war halt so die Altersgruppe um die zehn Jahre, und da hat einer so nett gesagt: "Mädchen? Ach nö." Das ist jetzt nun kein wirklich differenziertes Urteil. 

Anwar: Aber es scheint jetzt auch noch keine richtige Begeisterung zu geben unter den Knaben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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