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Thema / Archiv | Beitrag vom 07.12.2011

Lehrer: Einsatz von Schultrojanern ist "ein Schock"

André Spang kritisiert Schnüffelpläne und Kontrollsoftware

André Spang im Gespräch mit Frank Meyer

Der Einsatz von Spionagesoftware an Schulen ist umstritten. (picture alliance / dpa)
Der Einsatz von Spionagesoftware an Schulen ist umstritten. (picture alliance / dpa)

Verlage wollen mit dem sogenannten Schultrojaner illegal kopierte Software an deutschen Schulen ausfindig machen - nun <papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="146825" text="wollen die Kultusminister erneut über die Initiative beraten." alternative_text="wollen die Kultusminister erneut über die Initiative beraten." /> Der Kölner Lehrer André Spang hält die Pläne für kontraproduktiv, auch weil sie Ängste schüre.

Frank Meyer: Tilko Gries zum Streit über den Schultrojaner. Für Deutschlandradio Kultur ist jetzt am Telefon André Spang, er ist Musiklehrer und Leiter eines iPad-Projekts am Kölner Kaiserin-Augusta-Gymnasium. Ich grüße Sie, Herr Spang!

André Spang: Ja, ich grüße Sie nach Berlin!

Meyer: Wie stehen Sie denn erst mal grundsätzlich zum Einsatz, zum geplanten Einsatz dieses Schultrojaners?

Spang: Ja, also für mich war das ein Schock. Also ich bin sehr aktiv, was den Einsatz von Medien anbetrifft und versuche, an meiner Schule zusammen mit Kollegen da was zu entwickeln. Und wir sind eben seit zwei Jahren da ganz konkret an Projekten, haben ein eigenes Schul-Wiki aufgesetzt, wo mittlerweile 600 Schüler mitschreiben, Inhalte ins Internet produzieren, und das sieht auch aus wie die Wikipedia, die man so gemeinhin kennt, und wir merken, dass jetzt so ein Ruck durchs Kollegium geht und die Kollegen das auch immer stärker annehmen. Zudem haben wir ja dieses iPad-Projekt, wo wir eben 30 Tablet-Computer an der Schule zur Verfügung haben und im Unterricht täglich einsetzen. Und ja, so was ist absolut kontraproduktiv, weil das bei den Kollegen wieder Ängste schürt und Bedenken, und die dann eventuell den Medieneinsatz wieder zurückfahren zu altbewährten (…).

Meyer: Aber kann man darüber nicht aufklären? Sind das nicht unberechtigte Ängste? Also wenn wir bei diesem Beispiel bleiben, Sie machen dieses Schul-Wiki-Projekt. Es geht ja bei diesen Auseinandersetzungen um den Schultrojaner um die Frage: Werden da Ausschnitte aus Schulbüchern regelwidrig oder rechtswidrig eingesetzt? Das würden Sie ja nicht tun bei Ihrem Schul-Wiki, oder?

Spang: So ist es. Uns geht es ja genau darum, eben Medienkompetenz, respektvollen Umgang, Mündigkeit, all diese Geschichten zu fördern, die man ja auch unbedingt fördern muss. Wir müssen ja mit all diesen Medien umgehen, und das können wir nur, indem wir sie auch in die Schule hereinholen und die Schüler daran trainieren.

Das ist klar, das ist die eine Sache. Auf der anderen Seite braucht man ja auch dann Endgeräte, um eben im Internet zu schreiben, und dann kommen die Computer ins Spiel, auch die Computer der Kollegen, die sie dann mitbringen, und die Computer, die in der Schule stehen, an die dann zum Beispiel ein USB-Stick angesteckt wird oder was auch immer. Und dann wird die ganze Sache undurchschaubar und auch gefährlich, sage ich jetzt mal, zumindest für einen Kollegen, der sich vielleicht nicht genau auskennt, der hat dann diese latenten Ängste direkt wieder auf dem Plan.

Meyer: Aber ich habe das immer noch nicht verstanden, weil eigentlich geht es doch im Kern – das, was jetzt verhandelt wird in Sachen Schultrojaner – geht es eben wie gesagt um konkrete Texte aus Schulbüchern. Wenn man das voneinander abgrenzt und sagt, okay, Schulbücher nicht digitalisieren, dürfen wir nicht, aber alles andere dürfen wir machen – wo ist denn das Problem?

Spang: Durch das Projekt iPad sind wir natürlich auch mit Verlagen einfach in Kontakt gekommen, weil die da sehr interessiert dran sind.

Meyer: Erklären Sie uns erst bitte das Projekt. Was machen Sie da mit iPads?

Spang: Ja. Also wir haben wie gesagt diese 30 Tablets, nenne ich sie einfach mal, weil es geht ja eigentlich jetzt nicht um eine Marke, sondern das kann man mit jedem beliebigen mobilen Endgerät machen, und das Gute daran ist eben, dass diese Geräte jetzt im Gegensatz zu einem Computerraum, in den ich dann gehen muss, einfach spontan eingesetzt werden können im Unterricht. Also man kann zum Beispiel die Methode wechseln, man hat die dann für kurze Zeit im Einsatz, dann macht man wieder was anderes.

Und wir nutzen die eben, um auch besagtes Wiki zu schreiben oder eben Weblogs zu schreiben, dann natürlich auch für traditionelle Recherche, um Präsentationen zu erstellen – also ein ganz breites Spektrum. Und die Verlage haben das natürlich auch mitbekommen, dass wir da sehr aktiv sind, und sind da hochinteressiert, weil: Was ja fehlt auf den Geräten, ist eine Schulbuchanwendung, und zwar nicht ein pdf-Schulbuch, weil also wenn ich ein Schulbuch habe, brauche ich es nicht auf dem Tablet, sondern einfach etwas, was darüber hinausgeht.

Meyer: Vielleicht eine interaktive Anwendung zum Beispiel.

Spang: Genau, mit Videos, und wo auch die Schüler dann wirklich wieder Content erstellen können und sich vernetzen.

Meyer: Und wenn Sie sagen, da sind Schulbuchverlage interessiert – gibt es da schon eine Zusammenarbeit? Weil das wäre ja dann vielleicht ein Ausweg aus diesem Dilemma, das sich da im Moment zwischen Schulbuchverlagen einerseits und Lehrern andererseits auftut.

Spang: Also Zusammenarbeit - ich will da jetzt noch nicht zu viel erzählen, das ist ja auch alles in der Entwicklung, ich hatte aber den Eindruck, dass die Schulbuchverlage eben da wirklich nach vorne gehen, und sie haben da auch sehr gute Konzepte. Und deswegen bin ich also jetzt quasi wie vor den Kopf gestoßen, dass eben gerade, wo da Konzepte sind und anscheinend der Wille ist, was zu bewegen, dann so was hier aufgefahren wird, also quasi so noch mal die Pfründe betoniert werden.

Meyer: Sie sind ja, Herr Spang, Sie sind ja eine Art Pionier des digitalen Unterrichts, wenn ich das mal so nenne, eben mit diesem iPad-Projekt und mit diesem Schul-Wiki-Projekt, an dem Sie auch beteiligt sind. Wenn Sie mal für einen Moment sich die Zukunft vorstellen, die Zukunft des Unterrichtens mit digitalen Medien: Wie könnte die aussehen?

Spang: Also ich denke mal, dass wir da hinkommen werden, dass eben gerade diese Mobilität in die Schule reinkommt. Also wir hatten jetzt auch gerade ein Gespräch mit dem Schulamt hier in Köln, und das wird eben da gefordert, und dass wir da auf jeden Fall sowieso vom Schulbuch weg kommen.

Meyer: Die klassische Angst solchen Lernformen gegenüber ist ja immer, dass man fragt: Ja, okay, die Schüler lernen heute, sich überall Informationen zu besorgen, bei Wiki, bei Google und so weiter, aber holen sie sich eigentlich noch etwas in den eigenen Kopf hinein, oder sind sie nur noch so eine Durchgangsstation für Informationen? Wie beobachten Sie denn das?

Spang: Also ich merke eben durch diesen Einsatz, dass die Schüler es konkret tun, und dadurch bleibt was hängen. Also egal, ob die jetzt einen Podcast produzieren oder eben so einen Eintrag, sie müssen ja dann recherchieren und mehrere Quellen angeben, sie können mir dann auch nicht nur kommen mit einer einzigen Quelle, weil das ist ja das, worauf Sie so anspielen.

So läuft es ja: Man gibt bei Google ein, man hat direkt oben einen Wikipedia-Eintrag natürlich, man liest ihn kurz und schon ist das Referat fertig. Aber ich denke, indem sie wirklich da im Netz wieder publizieren und auch kontrollgelesen werden von ihrer Gruppe und die dann auch Rückmeldung geben, dadurch sind sie aktiv damit befasst, und es klappt dann besser als mit dem traditionellen Arbeitsblatt.

Aber das geht nur durch den aktiven Umgang. Auf der anderen Seite müssen wir auch diese Recherchefähigkeit Schulen dann ... Die Erhebungen sagen ja, die Datenmenge, die wir jetzt mittlerweile im Netz schon haben, ist ja schon so unvorstellbar groß, dass wir es uns als Mensch gar nicht mehr wirklich vorstellen können, nur noch mit Beispielen, und die wird sich in zwei Jahren verdoppelt haben, und die Prognosen sind ja, dass die dann in absehbarer Zeit, wenn die sogenannten Digital Natives ins Berufsleben kommen, ungefähr 2020, da wird sich diese Wahnsinnsdatenmenge alle 15 Minuten verdoppeln. Und damit muss man ja dann auch umgehen können, dass man überhaupt noch was findet und ganz anderen Zugang zu den Informationen bekommt.

Meyer: Und Sie meinen, für diese Zukunftsaufgabe, also diese Art des Lernens lernen, die dann die Digital Natives auch brauchen werden für die Zukunft, das wird jetzt zurückgeworfen durch die Initiative der Schulbuchverlage und der Länder, die digitale Nutzung von Inhalten zu beobachten, zu kontrollieren?

Spang: Das wäre vielleicht ein bisschen arg viel. Ich finde es einfach viel sinnvoller, wenn man miteinander spricht und wenn man dann mal auf die Lehrer zugehen würde und ihnen vielleicht sagen würde, wir bieten euch an hier die Medienkompetenz und auch in Sachen Urheberrecht und so weiter noch mal mit euch zu sprechen.

Vielleicht hat es ja auch was Positives, kann ja auch sein, dass die Kollegen, die man jetzt im Netz natürlich auch schon an vielen Stellen gelesen hat, einfach sagen: Wir machen unsere Materialien sowieso schon selber, lasst uns zusammenschließen, wir produzieren den eigenen Content, dann brauchen wir das nicht mehr. Könnte auch passieren.

Meyer: Dann wären natürlich die Schulbuchverlage ganz außen vor. Das war André Spang, Lehrer für Musik und Religion am Kaiserin-Augusta-Gymnasium in Köln. Heute Abend wird er dabei sein bei einem Podiumsgespräch in der Heinrich-Böll-Stiftung, bei der genau über unser Thema diskutiert wird unter der Überschrift "Schulbuchtrojaner – Urheberschutz oder Gefahr für die Freiheit von Lehre und Forschung?" Herr Spang, vielen Dank für das Gespräch!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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Kultusminister beraten über Schultrojaner

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