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Thema / Archiv | Beitrag vom 12.01.2010

Leerstand und Verfall als Chance

Wie die IBA 2010 versucht, schrumpfende Städte zukunftsreif zu machen

Dieter Kassel im Gespräch mit Sonja Beeck

Rucksackhotel in der Ludwigstraße in Köthen (Michael Uhlmann im Auftrag der IBA Büro GbR 2009)
Rucksackhotel in der Ludwigstraße in Köthen (Michael Uhlmann im Auftrag der IBA Büro GbR 2009)

Die diesjährige Internationale Bauausstellung (IBA), die in Sachsen-Anhalt veranstaltet wird, setzt auf Rückbau statt auf neue Häuser. IBA-Planerin Sonja Beeck erläutert, wie man zum Beispiel einer verfallenen Straße in Köthen mit einer homöopathischen Methode zu neuem Leben verhalf.

Dieter Kassel: Ich habe vor dieser Sendung mit Sonja Beeck gesprochen – sie ist Architektin und Stadtplanerin im IBA-Büro in Dessau – und habe sie gefragt, ob das nicht vor allen Dingen am Anfang der Planung ein sehr ungewöhnliches Gefühl war für Architekten, plötzlich nichts Neues zu bauen, sondern Altes zu zerstören oder umzubauen.

Sonja Beeck: Das war genau die große Herausforderung als Architektin und als Planerin, weil wir haben seit vielen, vielen Jahrhunderten immer nur gelernt, wie Städte wachsen. Das Ganze jetzt andersrum zu denken, ist sehr neu, eine wunderbare Aufgabe, die auch ausgesprochen kreativ ist. Was wir schnell gelernt haben, dass diese Konzepte komplexer sind als dazuzubauen, das heißt, der Planer alleine reicht nicht. Es muss eine Idee dahinterstehen, welche Ziele eine Stadt in Zukunft verfolgt, und dieser Aushandlungsprozess, was ist wichtig und was ist unwichtig, ist so viel schwieriger, als zu wachsen. Da ist eine Kommune wirklich in ihrer Ganzheit gefordert.

Kassel: Begreifen das denn die Städte, die Kommunen schon, wenn man da hingeht und sagt, ich möchte Ihnen gerne dabei helfen, wie Sie schöner werden und interessanter und besser, dadurch dass sie kleiner werden?

Beeck: Am Anfang des Prozesses war das für einen Bürgermeister ein schwieriger Gang, sich vor die Gemeinde zu stellen und zu sagen, wir haben ein Problem, wir haben mittlerweile ein Drittel der Bevölkerung verloren, und nun, ja, müssen wir Strategien dafür entwickeln, wie wir das gestalten. Das ist mittlerweile kein Problem mehr. In der ganzen Debatte hat die Finanzkrise enorm geholfen witzigerweise. Also das war zum ersten Mal, dass in den Feuilletons und auch in den Medien dieses Paradigma des Wachstums infrage gestellt wurde und auch ganz aufrichtig gefragt wurde, ob auch kleiner besser bedeuten kann, ob man immer nur wachsen muss.

Kassel: Dann gehen wir doch jetzt mal ins Detail, nehmen wir doch am besten gleich eine Stadt wie Dessau, bei der gerade die Zahlen, die Sie schon erwähnt haben, glaube ich, ziemlich genau zutreffen, die hat ja ungefähr ein Drittel ihrer Einwohner verloren. Das war mal eine Großstadt, selbst wenn man diese Grenze 100.000 als Großstadt nimmt, dann war sie das eben mal. Die hat sie mal gesprengt, die Grenze, inzwischen liegt man bei ungefähr 70.000. Das heißt, da konnten Sie ja nicht wirklich darauf verzichten, ganze Gebäude, Wohngebäude abzureißen. Das war, glaube ich, von Anfang an klar. Aber nur für einen Abriss braucht man ja noch keinen Architekten und Stadtplaner. Was haben Sie denn da gemacht?

Beeck: Sicher braucht man zum Abreißen Architekten und Stadtplaner.

Kassel: Schon wieder ein Denkfehler. Ich dachte, man braucht einen Bagger nur.

Beeck: Nein, nein, da braucht man erst mal ein kluges Konzept. Dessau hat einen viel zu großen Stadtkörper, also dementsprechend durch die radikale Abwanderung auch ausgedünnt. So sieht jetzt das Konzept in Dessau vor, einzelne Quartiere, die stabil sind, also schöne Wohnlagen, die Innenstadt, verschiedene andere Quartiere zu stärken und in den sehr dünnen, fragmentierten Bereichen großräumig abzureißen. Dessau-Rosslau ist von dem Garten reich umgeben, und die Zielstellung ist jetzt, diese Landschaften, die so identitätsprägend auch für Dessau sind, in die Stadt hineinzuziehen und großflächig Parks und Landschaftszonen zu entwickeln.

Kassel: Wie reagieren denn da die Einwohner, denn ich würde mir vorstellen, dass der eine oder andere von einer Bauausstellung bei solchen Problemen eher was viel Simpleres erwartet, dass die diese naiven Hoffnungen haben, wir wollen hier wieder Arbeitsplätze, wir wollen hier wieder einen neuen Supermarkt. Wie reagiert denn die Bevölkerung, wenn Sie sagen, wir reißen einen Teil ab und da ist dann eine schöne Wiese?

Beeck: Man darf die Bevölkerung nicht unterschätzen. Es ist jedem Bürger klar, was in einer Stadt passiert. Viel bedrohlicher ist, dass es leerer wird auf den Straßen, dass man merkt, dass ganze Atmosphären in Städten schwieriger und anders werden, als es vorher, vor 20 Jahren noch gewesen ist. Das bedroht die Bürger viel mehr als der physische Eingriff. In dem Moment, wo die Wiesen angelegt sind, ist das Gedächtnis für den Raum sehr, sehr kurz, das ist ganz erstaunlich.

Kassel: Wir reden im Deutschlandradio Kultur mit der Architektin und Stadtplanerin Sonja Beeck über die internationale Bauausstellung "Stadtumbau Sachsen-Anhalt 2010". Wir können leider nicht alle 19 Städte und das, was da geplant ist, besprechen, aber ich möchte nicht Köthen ignorieren, weil das ist nun wirklich ein ganz spezieller Fall. Ich habe auch nicht gewusst, dass Köthen so etwas wie die Wiege der Homöopathie ist oder zumindest eine der Wiegen. Und Sie haben es nicht nur gewusst, Sie bauen nun darauf ein neues Image auf. Erzählen Sie mal die Geschichte von Köthen. Das fand ich, auch wenn es vielleicht andere schöne Beispiele gibt, mit am interessantesten bei diesem Projekt.

Beeck: Köthen ist eine kleine Residenzstadt gewesen, die immer ein wenig im Windschatten der großen Fürstentümer Anhalt-Dessau gelegen hat und schon im 18. Jahrhundert ein Klima entwickelt hat, dass ungewöhnliche Denker und Kulturschaffende sich niedergelassen haben. Also Bach hat dort seine Brandenburgischen Konzerte komponiert, der Vogelforscher Friedrich Naumann hat dort gelebt, es gab die "Fruchtbringende Gesellschaft". Und Fürst Leopold hat dem Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann, einen geschützten Raum angeboten. Er hat sich sogar als Patient für Hahnemann angeboten. Hahnemann hat dort die längste Zeit seines Lebens gelebt und geforscht. Also wir haben ein Crossover angefangen, inwiefern Planung von der Homöopathie als Disziplin, als Strategie, als Methode lernen kann. Wir haben ein Testfeld in einer sehr desolaten Straße eröffnet, wie ein Patient. Mittlerweile ist die europäische Bibliothek für Homöopathie in Köthen angesiedelt, wir schreiben gerade ein Buch über die Methode Homöopathie als Planungsinstrument. So kann man wirklich Köthen als eine Erfolgsgeschichte der IBA beschreiben.

Kassel: Wie hat denn das in dem Fall funktioniert, homöopathische Stadtplanung? Sie haben da eine besonders problematische Straße erwähnt, was haben Sie da gemacht am Ende?

Beeck: Wir haben das Licht ausgeschaltet. Aber um das Ganze noch mal genauer zu erklären: Das auffälligste Symptom, was wir nach einer homöopathischen Anamnese – so heißt die Analysemethode bei homöopathischen Ärzten – herausgefunden haben, war der drohende Abriss von 17 Häusern in dieser gründerzeitlich geprägten Straße. Und die homöopathischen Ärzte haben dann vorgeschlagen, einen Impuls zu setzen, welcher im ersten Schritt das Problem verschlimmert, und diese Krise soll soweit anregend wirken, dass dann sich das Problem wieder von selber regelt. Also das ist das Prinzip der Homöopathie: Das Gleiche mit dem Gleichen bekämpfen, keine Angst vor einer sogenannten Krise oder Kunstkrankheit zu haben, und dann löst sich das Problem. Und ein homöopathischer Arzt fragt die Baudezernentin: Wie können wir das Problem verschlimmern? Und dann sagt die Baudezernentin: Na ja, wir können den Fernverkehr und die Lkws durch die Straße schleusen, wir können die Müllabfuhr abstellen oder das Licht ausmachen. Und dann strahlten die Augen des homöopathischen Arztes und sagte: Wir machen das Licht aus! Das haben wir dann an einem Dezemberabend auch gemacht, für 20 Minuten war die Straße dunkel, die Menschen kamen an die Fenster, es wurde gemunkelt, die IBA sprengt heute Nacht die Häuser, und es war eine ganz mysteriöse Stimmung. Und dann nach 20 Minuten haben wir mit Theaterstrahlern die Abrisskandidaten, also die 17 Häuser grell angestrahlt, und danach alle Eigentümer der Häuser im Hotel an der Ecke zu einer Versammlung eingeladen. Es sind alle gekommen – es gab Schreierei, Klagen und so weiter, also richtig emotionale Entladung. Und nach ungefähr anderthalb Stunden hat der Erste vorsichtig gefragt, was denn der Nachbar kosten würde. Und damit war das Eis gebrochen. Das war der Erste, der angefangen hat, aktiv zu überlegen, was passiert, wenn ich die Ruine, also den Nachbar kaufe und mit dieser Immobilie etwas Neues anfange. Und dann ist in einem relativ schnellen Prozess für mehr als zehn Häuser Lösungen gefunden worden, also Nachbarn haben Nachbarn gekauft, dort Gärten gemacht, die Wohnungsgesellschaft selber hat fünf Häuser abgerissen, um dort einen Beispiel gebenden Neubau zu errichten. Andere haben das Haus saniert und wieder neu vermietet. Also die Ludwigstraße heute sieht ganz anders aus als vor zwei Jahren. Und Auslöser war diese Provokation, das Licht ausschalten, dieser sogenannte homöopathische Impuls.

Kassel: Seit 2002 laufen die Planungen für die IBA, in diesem Jahr ist nun das offizielle Datum der internationalen Bauausstellung in Sachsen-Anhalt, da wird man an allen 19 Orten viel betrachten können. Aber was passiert danach? In Zusammenhang mit der IBA gab es natürlich auch viele Fördermittel aus diversen Töpfen, das heißt, Sie konnten auch zu dem einen oder anderen Bürgermeister gehen und sagen, wir wollen das und das machen, Sie müssen es aber nicht bezahlen oder nur zu einem kleinen Teil. Was ist, wenn die IBA vorbei ist, die Fördermittel sind geflossen, was wird dann aus Ihren Projekten?

Beeck: Ich gehe davon aus, dass die Städte, die sehr erfolgreich im Rahmen der IBA gearbeitet haben, für sich gelernt haben, wie man strategischer die Probleme anfasst, wie man besser mit sich umgeht. Ich weiß, dass die Landesregierung im Moment darüber nachdenkt, die Prozesse zu verstetigen. Aber das ist auch interessant, dass ein kleines Land wie Sachsen-Anhalt auf einmal in Europa Vorreiter wird, Vertreter der Regierung oder wir von der Stiftung Bauhaus Vorträge halten, mit welchen Strategien man diesen Phänomenen begegnen kann und das auch gestalten kann.

Kassel: Wer weiß, vielleicht wird Sachsen-Anhalt dann zum Vorbild für Regionen, die jetzt noch glauben, sie hätten viel weniger Probleme. Wer sich das mal angucken möchte, wir haben drei von 19 Orten und Projekten erwähnt, es gibt natürlich eine Internetseite dazu: www.iba-stadtumbau.de, da können Sie alle 19 Städte nachschauen, ungefähr schon erfahren, was da los ist, und sich dann entscheiden, ob Sie sich vielleicht das mal persönlich vor Ort ansehen möchten. Danke Ihnen, dass Sie da waren, Sonja Beeck vom IBA-Büro in Dessau-Rosslau, danke fürs Kommen!

Beeck: Gerne!

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Die IBA als Labor für schrumpfende Städte

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