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Interview | Beitrag vom 11.09.2019

Leben im Ruhrgebiet Hadern mit dem Niedergang

Jörg Sartor im Gespräch mit Ute Welty

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Graffiti an einer Hauswand in Essen-Karnap. (dpa / Picture-Alliance / Johannes Glöckner)
Im Ruhrgebiet ist in vielen Vierteln, wie hier in Essen-Karnap, Tristesse eingekehrt. (dpa / Picture-Alliance / Johannes Glöckner)

Der Niedergang seiner Heimatstadt und des Ruhrgebiets insgesamt bereitet dem Vorstand der Essener Tafel, Jörg Sartor, große Sorgen. Nun hat er darüber zusammen mit dem Journalisten Axel Spilcher das Buch "Schicht im Schacht" geschrieben.

Jörg Sartor, im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen, war früher als Bergmann unter Tage tätig und leitet heute über Tage ehrenamtlich die Essener Tafel. Im vergangenen Jahr geriet er bundesweit in die Schlagzeilen, weil er ausländische Neukunden zeitweise bei der Abgabe kostenloser Lebensmittel nicht mehr berücksichtigen wollte. Nun hat er zusammen mit dem Journalisten Axel Spilcher das Buch "Schicht im Schacht" über das Ruhrgebiet geschrieben.

Im Ruhrgebiet fehlen Jobs 

Das Ruhrgebiet sei zwar noch nicht am Ende, aber auf dem Weg dahin, sagt Sartor. Die Gründe dafür lägen im Niedergang der Wirtschaft, im Sterben der Zechen und der Stahlindustrie: Es fehlten Arbeitsplätze für Geringverdiener, aber auch die Zuwanderung in die großen Städte wirke sich aus. "Früher sind die Leute ins Ruhrgebiet gekommen und haben Arbeit gefunden", so Sartor im Deutschlandfunk Kultur. Heute fänden Zuwanderer keine Jobs mehr und belasteten das Sozialsystem: "Das ist natürlich eine andere Situation als damals."

Eine verkehrsreiche Straße lässt im Hintergrund des Blick frei auf ein ThyssenKrupp Stahlwerk in Duisburg-Bruckhausen. (picture alliance/ imageBROKER)Blick auf ein Stahlwerk in Duisburg-Bruckhausen: Früher fanden die Zuwanderer Jobs, heute nicht mehr. (picture alliance/ imageBROKER)

In Essen erlebe er stark rechts geprägte Aufmärsche, bei denen man aufpassen müsse, dass sie das Ruhrgebiet nicht ins falsche Bild rückten, berichtet Sartor. Ihm sei aufgrund des "Aufnahmestopps" bei der Essener Tafel vorgeworfen worden, dass er die Menschen zur AfD bringe. Sartor ist davon überzeugt, dass genau das Gegenteil der Fall ist: "Wenn alle offen über die Probleme reden, braucht kein Mensch mehr die AfD." Das sage ihm schon sein Bauchgefühl: "Wenn man Probleme verschweigt als Politiker, spielt man der AfD in die Hände."

Heimat und das Leben in Essen 

Heimat sei für ihn ein ganz wichtiger Begriff, betont Sartor. Er habe immer in Essen gelebt, berichtet er: "Es tut mir weh, wenn ich durch meinen Stadtteil gehe, über die Einkaufsstraße gehe." Er sehe eine Spielhölle, Döner-Bude und Shisha-Bar nach der anderen - da fühle er sich nicht mehr wohl.

(gem)

Jörg Sartor und Axel Spilcher: "Schicht im Schacht"
Heyne Verlag, München 2019
224 Seiten, 9,99 Euro

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