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Lesart | Beitrag vom 01.11.2019

Lauren Groff: "Florida"Eine rigorose Innenschau

Von Daniel Haas

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Das Buchcover zeigt auf schwarzem Untergrund eine Raubkatze, die rechts aus dem Bild läuft. (Hanser Berlin / Deutschlandradio)
Unbehagen ist die Reaktion von Lauren Groff auf die gesellschaftlich vorgegebenen Rollenmuster. (Hanser Berlin / Deutschlandradio)

Frau, Intellektuelle und Mutter: Was es heißt, all das zu sein, erzählt Lauren Groff lakonisch und spannend in "Florida". Und auch darüber, wie Emanzipation aussehen könnte. Doch darauf gibt es keine simple Antwort.

"Seit Jahren war ich nur gut in Dingen, die mich interessierten, und da mich eigentlich nur meine Bücher und meine Kinder interessierten, hatte sich der Rest nach und nach davon geschlichen." So formuliert es die Erzählerin der Short Story "Die Mitternachtszone". Dieser schnoddrige Satz kann auch als Programm von "Florida" gelten, des neuen, 2018 für den National Book Award nominierten Erzählungsbands von Lauren Groff. Elf Geschichten, die ausloten, was das heute heißt: Frau, Intellektuelle und Mutter sein, welche Begrenzungen es gibt und wie Emanzipation aussehen könnte.

Unbehagen, das kurz vor der Revolte steht

"Florida" ist deshalb noch lange keine Erbauungsliteratur - im Gegenteil. Die glänzend von Stefanie Jacobs ins Deutsche übertragenen Stories porträtieren Mütter und ihre Kinder als prinzipiell gefährdet. Gefährdet von überkommenen Traditionen, aber auch von den eigenen Ansprüchen. "Meistens bekomme ich die Mütter aus meinem Bekanntenkreis nur flüchtig zu Gesicht, wenn sie krumm wie Schäferhaken den Boden nach winzigen Legosteinen, halb zerkauten Weintrauben oder den Menschen, die sie einmal waren, absuchen, zusammengesackt in einer Ecke."

Das ist der lakonische Ton, in dem Groffs Heldinnen ihr eigenes Schicksal inspizieren. Auf die gesellschaftlich vorgegebenen Rollenmuster reagieren sie mit Unbehagen, das kurz davorsteht, sich zur Revolte zu verdichten. Entsprechend ist der Gestus dieser Prosa: Sie ist spannend im Sinne von angespannt, ein Erzählton, der meisterhaft die Stimmung aufziehender Gefahren beschwört.

Flucht vor der Angst

Die erste und letzte Story bestreitet dieselbe Erzählerin. "Irgendwie ist aus mir eine Frau geworden, die herumschreit", heißt es zu Beginn von "Geister und Leerstände". Und am Ende des Bandes begleitet man diese Frau mit den beiden Söhnen von Florida nach Frankreich, ins Städtchen Yport.

"Ihr mieser Köter Angst käme bestimmt nicht auf die Idee, sie hier zu suchen", erklärt die Erzählerin, aber die Rechnung geht nicht auf. Das Forschungsprojekt über Guy de Maupassant (wie Groff ein glänzender Story-Autor) verliert sich in Aversionen gegen den Dichter ("moralisch widerlich", "durchtränkt von männlicher weißer Arroganz"); am Ende verschaffen weder Orts- noch Sprachwechsel die erhoffte Befreiung aus einer öde gewordenen Beziehung.

Eine rigerose Innenschau

Zwischen diese beiden Geschichten sind neun exzellente Prosastücke geschaltet, sie fächern das Thema Emanzipation auf verschiedenste Weise auf: in "Oben und Unten" driftet eine Doktorandin nach mehreren Schicksalsschlägen in die Obdachlosigkeit ab, kann sich aber auf der Straße besser behaupten als erwartet.

In "Auge in Auge" bleibt eine Frau entgegen aller Warnungen in ihrem Haus, obwohl sich ein Hurrikan "blutergussartig ausbreitet" und der Nachbar, ein Macho im Landrover, auf Evakuierung drängt. In der Story "Blumenjäger" wird eine Halloween-Nacht zum Anlass für eine rigorose Innenschau: "Was habe ich an mir, dass immer alle eine Pause brauchen?" fragt die Erzählerin. Dass Lauren Groffs Prosa sich eine simple Antwort versagt, genau das macht ihr Buch zu einem exzellenten Lesestoff.

Lauren Groff: "Florida". Erzählungen
Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs
Hanser Berlin, Berlin 2019
320 Seiten, 22 Euro

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