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Im Gespräch | Beitrag vom 28.11.2018

Langstreckenreiterin Tina Boche3000 Kilometer entlang der Balkanroute

Moderation: Britta Bürger

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Langstreckenreiterin Tina Boche (Susanne von Schenck)
Die Begegnung mit einem "Pferdeflüsterer" veränderte das Reitverhalten der Langstreckenreiterin Tina Boche grundlegend. (Susanne von Schenck)

Tina Boche sitzt auf dem Pferd, seit sie denken kann. Sie ist durch die Anden und die Schweizer Alpen geritten. Ihr größtes Abenteuer führte sie auf ihrem Haflinger Paco von der Athener Documenta nach Kassel: 3000 Kilometer in 100 Tagen.

Ihre ersten Ritte erlebt Tina Boche noch vor ihrer Geburt. Bei Buenos Aires, wo sie 1962 zur Welt kommt, hat die deutsch-argentinische Einwandererfamilie eine Farm, und die schwangere Mutter reitet, so lange es geht. Mit 22 Jahren zieht Tina Boche mit ihrem Mann nach Deutschland, möchte sich von der Familie abnabeln. Eigentlich nur, um sich das Land ihrer Großeltern "mal anzuschauen", doch sie bleibt.

"Mir ist ganz wichtig, dass die Pferde mit mir kommunizieren"

Einschneidend für Tina Boches weiteren Weg: die Begegnung mit Fred Rai, einem "Pferdeflüsterer" und Verfechter der Reitweise ohne Gebissstück beim Freizeit- und Wanderreiten. Seither reitet sie Pferde ausschließlich ohne Metallknebel im Maul, was schonender für das Tier sei, dem Reiter aber einiges an Einfühlungsvermögen abverlangt.

"Mir ist ganz wichtig, dass die Pferde mit mir kommunizieren, mehr als dass ich sie kontrollieren will. Dazu gehört natürlich eine sehr fundierte Ausbildung und eine sehr große Vertrauensbasis, die man sich erarbeiten muss, um so mit dem Pferd unterwegs zu sein."

Die deutsche Reiterin Tina Boche und der ungarische Reiter Zsolt Szabo am 09.04.2017 mit ihren Pferden am Fuße der Akropolis in Athen (picture alliance / Alexia Angelopoulou/dpa)Tina Boche und der ungarische Reiter Zsolt Szabo im April 2017 mit ihren Pferden am Fuße der Akropolis in Athen (picture alliance / Alexia Angelopoulou/dpa)
Was für den reitenden Menschen auch ein Stück Selbsterfahrung bedeuten kann.

"Das Pferd reflektiert mich. Deswegen kann ich mich nicht ganz rausnehmen aus einer Situation mit dem Pferd. Und somit meine ich, dass man wirklich selber an sich arbeiten muss, dass man mit diesem Tier, dass ganz ehrlich sagt: 'Ich mag dich, oder ich mag dich nicht, oder ich finde es dumm, was du jetzt mit mir machst, oder ich finde es anstrengend' – dass man da hinterfragt, dass man nicht einfach sagt: 'Ich zwinge dich jetzt, dass zu machen'."

Pferd und Mensch - kein negatives Herrschaftsverhältnis

Womit Tina Boche Pferd und Mensch nicht gleichsetzen will. "Natürlich haben wir Menschen noch den kognitiven Bereich. Aber ich finde es oft überheblich, dass man aus diesem Grund heraus sagt: 'Ich bestimme, ich bin Herrscher im negativen Sinne'".

Tina Boche reitet über 1000 Pferde, bis sie ihren eigenen Stall eröffnet und die "Säumer-Akademie" ins Leben ruft. Sie organisiert Trails, bringt Menschen bei, wie sie für lange Ritte durch weitgehend unbewohnte Landstriche ihr Pferd richtig bepacken. Hier kann ein kleiner Fehler verhängnisvolle Folgen haben.

Ein Kunstprojekt und der Amtsschimmel

Ihr größtes Abenteuer: 3000 Kilometer zu Pferd von Athen nach Kassel. Ein Kunstprojekt des Schotten Ross Birell im Rahmen der Documenta 14. In 100 Tagen ist Tina Boche im vergangenen Jahr mit einem Team quer durch Europa geritten, entlang der Balkanroute, über die viele Flüchtlinge nach Mitteleuropa kamen. Dabei erlebte die erfahrene Weit-Reiterin ungewohnte Schwierigkeiten:

"Es waren nicht die Menschen, es war nicht die Bevölkerung, die waren sehr, sehr nett, sehr, sehr hilfreich. Es war der Amtsschimmel, das war das Schwierigste. Es waren die Grenzen, die Vorschriften. Die haben uns manchmal Kopfzerbrechen und sehr viel Zeit gekostet".

So saß die Reitgruppe sechs Tage lang an der serbischen Grenze fest, weil angeblich Papiere fehlten.

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