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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 08.06.2013

Langlebige Ernährungsmythen

Über Märchen, die nicht auf den Esstisch gehören

Von Udo Pollmer

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Wegen eines Tippfehlers wurde der Spinat lange als Power-Lebensmittel verklärt. (picture alliance / Kreuziger)
Wegen eines Tippfehlers wurde der Spinat lange als Power-Lebensmittel verklärt. (picture alliance / Kreuziger)

Wir alle kennen die Geschichte vom "gesunden" Spinat - weil voller Eisen. Es dauerte zwei Generationen, bis dieser Mythos endlich vom Tisch, vom Esstisch war. Unser Lebensmittelchemiker erklärt, wo solche Märchen herkommen und warum sie sich solche so lange frisch halten.

Der Mythos vom Eisen im Spinat hat einen langen Bart. Da hatte sich jemand beim Tippen einer Nährwerttabelle vertan – und schon fütterten die Mütter ihre Kleinen mit Spinat. Dass die sich wehrten und die grüne Pampe Mama auf die Schürze spuckten, wurde schon damals als "Beweis" für die Richtigkeit des ernährungspädagogischen Treibens gewertet. Dabei machte das Putzen des Spinats deutlich mehr Arbeit als Kartoffeln aufzusetzen und diese mit der Gabel und etwas Butter zu zerdrücken.

Dumm nur, dass in der Nachkriegszeit vom Spinat nicht wenige Kinder krank wurden, einige sind daran sogar verstorben. Das konsequente Ausspucken hat so manchem das Leben gerettet, denn da war statt Eisen giftiges Nitrit mit drin. In den Nachkriegsjahren wurde der Spinat vorgekocht; Kühlschränke gab es noch keine, und so hatten die Bakterien genug Zeit und Wärme das Nitrat allmählich in das gefährliche Nitrit umzuwandeln. Und damit bestand für Kleinkinder Lebensgefahr.

Aus jener Zeit stammt auch die Sache mit den Häschen. Die brauchen nämlich keine Brille, weil sie ständig Karotten knabbern. In Karotten steckt der rote Farbstoff Carotin und der sei für die Augen gut. Das weiß heute jede Mutter und deshalb füttern sie ihren Kleinen mit Hingabe Karottenbreichen. Manchmal sogar, bis sie im Gesicht gelb anlaufen. Der Arzt spricht dann vom "Karottenikterus". Doch wo kommt die Geschichte mit den Karotten her? Sie stammt aus dem Zweiten Weltkrieg.

Propagandalügen und Vereinfachungen

Die Briten hatten das Radar erfunden. Das leistete ihnen beim Abschuss deutscher Flieger gute Dienste. Damit der Feind nicht dahinterkam, erzählten sie die treuherzige Geschichte von den großen Portionen an Karotten, die die Angehörigen der Luftwaffe vertilgen mussten. Mit Carotin gestärkt, könnten sie die deutschen Flieger schon auf große Entfernungen sehen. Speziell in der Nacht sei das Carotin besonders vorteilhaft. Es war eine britische Propagandalüge, die präzise auf die Ideologie der Nazis abgestellt war. Hitler war fasziniert von den Vitaminen, und alle Argumente für vegetarische Lebensmittel wurden begierig aufgegriffen und verbreitet.

Die meisten Ernährungsmärchen sind nicht so anspruchsvoll durchgestylt. Je einfacher, desto besser. Von Vorteil sind die typischen Merkmale von Grimms Märchen: Böse Hexen, heute "freie Radikale" genannt, joggende Helden, die furchtlos der Gefahr ins Auge blicken und bewaffnet mit Spinat und Karotten den fetten Lindwurm töten. Damit das gemeine Volk artig seine Ohren spitzt, verbrämen sie ihre Ratschläge mit biochemischem Hokuspokus, erzählen von "natürlichen Antioxidantien", von Krebszellen, die sich vor phenolischen Verbindungen in Himbeeren fürchten und von magischen Vitamincocktails als wären sie Flaschengeister, die einem drei Wünsche erfüllen.

Was halten Sie davon: "Deutschland ist - wie viele andere Länder auch - ein Jodmangelgebiet. Da das Jod während der Eiszeit mit dem Schmelzwasser der Gletscher weitgehend ins Meer geschwemmt wurde, sind die Lebensmittel, die auf unseren Böden wachsen, jodarm." Das aktuelle Statement stammt vom "Arbeitskreis Jodmangel", der von Ärzten und Ernährungswissenschaftlern betrieben wird.

Eigentlich ist der Text schon für einen Schüler durchschaubar. Denn dort, wo die Gletscher unterwegs waren, gab's keinen Mutterboden mehr. Da gab's auch nichts mit dem Schmelzwasser wegzuschwemmen, da war nur Geröll. Zudem würde das natürlich nicht nur für Jod, sondern auch für andere Spurenelemente genauso zutreffen. Wenn schon etwas theoretisch den Mutterboden auswaschen könnte, dann doch nicht die Bäche mit Schmelzwasser, sondern der Regen, der auf die Acker fällt. Unter uns: Der Spurenelementgehalt der Ackerkrume wird primär bestimmt durch die Entnahme bei der Ernte und die Ausbringung von Spurenelementdünger, um die Verluste auszugleichen. Mit der Eiszeit hat das noch weniger zu tun, als der Storch mit dem Kinderkriegen.

Mahlzeit!

Literatur:
Goldacre B: Die Wissenschaftslüge. Fischer, Frankfurt/M. 2009
Pollmer U, Warmuth S: Lexikon der populären Ernährungsirrtümer. Piper, München 2009
Sinios A, Wodsak W: Die Spinatvergiftung des Säuglings. Deutsche Medizinische Wochenschrift 1965; 90: 1856-1863
Chan TYK: Vegetable-borne nitrate and nitrite and the risk of methaemoglobinaemia. Toxicology Letters 2011; 200: 107-108
Schuphan W: Der Nitratgehalt von Spinat (Spinacia oleracea L.) in Beziehung zur Methämoglobinämie des Säuglings. Zeitschrift für Ernährungswissenschaft 1965; 5: 207-209
Sanchez-Echaniz J et al: Methemoglobinemia and consumption of vegetables in infants. Pediatrics 2001; 107: 1024-1028

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