Landwärts

    Wenn Städter aufs Dorf ziehen

    30:18 Minuten
    Eine Frau hockt auf dem Boden vor einem alten Hof, umgeben von drei Hühnern.
    Von Berlin in die Prignitz: Seit Kurzem halten Jens Näumann und Valerie Frein zusammen mit ihren Töchtern fünf Sussex-Hennen. © Anna Goretzki
    Von Anna Goretzki · 08.08.2021
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    Immer mehr Menschen zieht es aus der Stadt hinaus aufs Land. Wer den Schritt wagt, muss sich gründlich umstellen. Handwerkliches Geschick mitzubringen, ist kein Fehler. Freude an der Gartenarbeit ein Muss. Die Idee, alles ist billiger, ein Mythos.
    Die Fahrt in die Prignitz ist unspektakulär. Autobahn. Die letzten 20 Minuten geht es über schmale Alleen, ab und an sorgt ein Wäldchen für Abwechslung. Die Kornfelder rechts und links des Weges sind abgemäht. Es ist Spätsommer 2020. Ein Transparent an einem Gartenzaun bietet Grundstücke und Häuser zum Verkauf.
    Dann kommt Halenbeck, ein 170-Einwohner-Dorf im nordwestlichen Brandenburg. Hier lebt seit wenigen Wochen die Familie Näumann/Frein. Aus Backstein sind die Häuser, die Straße ziert Kopfsteinpflaster.

    Aus Berlin-Neukölln in ein 170-Einwohner-Dorf

    Jens Näumann sitzt im Homeoffice an seinem Küchentisch. Kurze graue Haare, 44 Jahre alt, Laptop aufgeklappt, Handy daneben. Er ist Projektkoordinator einer Gesundheitsinitiative, die auf Herzklappenerkrankungen aufmerksam macht. Studiert hat er Wirtschaftssinologie.
    Er und seine Frau Valerie haben in Großstädten wie Berlin und Schanghai gelebt. "Valerie und ich waren anderthalb Jahre in China, wir haben da studiert und gearbeitet. Wir kommen halt beide vom Land, deswegen hat es uns wahrscheinlich auch hierher verschlagen, irgendwie ‚back to the roots‘."
    Valerie Frein kommt in die Küche. Sie, rotblondes Haar, Lachfalten, hat ihr Homeoffice im vorderen Teil des alten Bauernhauses verlassen, um fürs Mittagessen zu sorgen. Jens schneidet Tomaten aus dem eigenen Garten. In der Bratpfanne brutzeln Kartoffeln.
    Vor wenigen Wochen sind sie mit ihren beiden Töchtern, acht und elf Jahre alt, aus dem trubeligen Berlin-Neukölln in die ruhige Prignitz gezogen.
    "Uns hat das schon seit Jahren immer am Wochenende rausgezogen. Es war aber nie geplant, dass wir komplett rausziehen mit den Kindern. Wir dachten eher an das Wochenende und die Ferien. Dann hat sich das für uns beide langsam so entwickelt. Es gab natürlich Phasen, da hat der eine mehr geschwankt, dann der andere. Und dann natürlich auch noch die Frage mit der Arbeit, mit dem Beruflichen."

    Von der 100-Quadratmeter-Wohnung auf den Hof mit 3300

    Digitales Arbeiten ist für viele gerade die Lösung, Arbeit und Leben auf dem Land zu verbinden. Valerie Frein und Jens Näumann sind als Großstadtflüchtige Teil einer Bewegung, die immer mehr Menschen erfasst: raus aus der Stadt, rein ins Landleben. Während 2009 noch mehr Menschen aus den ländlichen Räumen in die Städte zogen, ist es heute umgekehrt.
    Jens Näumann ist es nicht leichtgefallen. "Also ich habe häufiger gezweifelt. Gerade wo es auch um die Kündigung der Wohnung ging, war es klar: Das war es jetzt mit Berlin, weil du kannst nicht mehr so einfach zurück. Das ist einfach zu teuer. Das ist mir schon sehr schwergefallen."
    Noch stehen die letzten Kisten in Berlin. Der Umzug soll im Oktober abgeschlossen werden.
    Nach dem Mittagessen gehen die beiden in den Innenhof und erzählen von ihrem Hof. Ein Vierseithof. Ein größeres Projekt. "Wenn eine Dachrinne kaputt geht, dann musst du halt 30 Meter Dachrinne kaufen. Da kriegt man es schon mit den Nerven, das sind einfach andere Dimensionen!"
    3300 Quadratmeter ist der Hof groß. Beim Besuch Ende August hängen die Pflaumen reif an den Bäumen, ein mächtiger Walnussbaum spendet Schatten, in einem Beet wachsen Mangold und Tomaten um die Wette. Wild und struppig steht das Gras.
    Jens und Valerie wirken zufrieden, wenn sie ihre Entscheidung überdenken. "Was halt in Berlin extrem auffällt: Die Stadt platzt aus allen Nähten. Dazu kommt, dass die Mieten so extrem in die Höhe geschossen sind. Also eine Familie, die eine 2-Zimmer-Wohnung hatte und zwei Kinder, die größer werden, die können in Berlin einfach nicht mehr umziehen. Das geht nicht. Das ist vorbei."

    Digitales Arbeiten braucht erstklassiges Internet

    Für Valerie steht und fällt das erfüllte Landleben mit der Aussicht, für den Job nicht ständig pendeln zu müssen.
    "Seit mehr und mehr digitales Arbeiten möglich ist, ist das gar kein Problem mehr. Aber Voraussetzung ist, dass entsprechende Internet- und Telefonleitungen gelegt sind, und da hatten wir hier echt Glück", erzählt sie.
    Die Ruhe, Einsamkeit und Ungestörtheit, die das Landleben und vor allem die dünn besiedelte Prignitz für die Familie attraktiv macht, ist auch gleichzeitig die Herausforderung: Anschluss finden, Leute kennenlernen.
    Jens erzählt: "Wir haben hier in der Prignitz eine Bevölkerungsdichte von 37 Menschen auf einen Quadratkilometer. Das ist wirklich ein Witz. Dorfentwickler oder Regionalplaner, die schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, weil ich sage halt, das ist die Ressource. Das ist genau das, was es woanders nicht mehr gibt. Man muss dann natürlich auch in Kauf nehmen, dass viele andere Sachen nicht da sind, zum Beispiel ein funktionierender öffentlicher Nahverkehr."
    Ohne Auto geht nichts. Jens holt nach der Mittagspause seine Töchter im 15 Minuten entfernten Heiligengrabe von der Schule ab.
    Ein Mann schraubt an einem historischen blauen Trecker.
    Jens Näumann liebt es, an seinem „neuen“ Fordson Super Dexta, Baujahr 1963, herumzuschrauben.© Anna Goretzki
    Die Montessori-Schule liegt mitten auf einem Klostergelände. Hohe Bäume, helle Kieswege. Das Schulgebäude, aus dem Jens mit der achtjährigen Claire und elfjährigen Nora kommt, wirkt freundlich. Die beiden haben die Haare zum Zopf gebunden, laufen fröhlich neben ihrem Vater her.
    Jens bestellt Schorle und Kaffee im Klosterladen, die Mädchen inspizieren das Angebot an selbst gemachten Bonbons und setzen sich nach draußen.

    Gleichaltrige gibt es im Dorf nicht, aber in der Schule

    Die Frau vom Klosterladen bringt die Getränke und fragt gleich: "Wohnen Sie auch hier jetzt?" Neulinge fallen hier auf. Nora, der größeren der beiden Schwestern, sind die Unterschiede zu ihrem Leben in Berlin noch sehr präsent.
    Erst seit rund zwei Monaten lebt sie auf dem Land, die Eindrücke sind frisch. Die Schule beginnt erst um neun und das Montessori-Konzept sieht sehr viel mehr freies und selbstbestimmtes Arbeiten und Lernen vor. Immer wieder ist der Unterricht auch nah am Landleben:
    "Unsere Lehrerin und Schulleiterin hat Schafe und ein bis drei Mal im Jahr wird ein Schaf geschlachtet", erzählt sie. "Dann bringt sie Wolle und Leder mit und das können wir dann zusammen bearbeiten. Und die Wolle machen wir dann, wie es im Mittelalter gemacht wurde, zu Garn. Und das Leder bearbeiten wir, dass man da auch noch was draus machen kann."
    Neue Freundschaften haben sie in der Schule schon geschlossen. In Halenbeck selbst ist das schwierig. Kinder im gleichen Alter gibt es nicht.
    Trotzdem sagt Nora: "Ich bin hier glücklich. In Berlin war es auch sehr anders, also noch mal anders als hier, wenn man hier wohnt. Da hatten wir hier halt nicht so ein großes Haus, da konnten wir uns nicht so bewegen."

    Der Traum vom gemeinschaftlichen Wohnen

    Zwei Autostunden südöstlich von Halenbeck liegt der Hof Prädikow im Landkreis Märkisch-Oderland. Die niedrigen Häuser von Prädikow liegen der Straße zugewandt, in der Dorfmitte steht eine Feldsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert. Philipp Hentschel hebt eine große alte Holztür aus der Aufhängung.
    Er, seine Lebensgefährtin Susan Schulze, eine selbstständige Web-Entwicklerin, und die beiden Kinder, fünf und zwei Jahre alt, wollen in Zukunft mit vielen anderen einen der größten Vierseitenhöfe Brandenburgs bewohnen. Ein Projekt zum gemeinschaftlichen Wohnen.
    Die alten Türen wollen sie vor Beginn der Bauarbeiten entfernen, aufarbeiten und nach der Gebäudesanierung wieder einsetzen. Noch ist es ein langer Weg bis das Schweizer Haus, eines von 14 Gebäuden auf dem Hof, wohnlich und die Familie die geplanten 100 Quadratmeter ihrer Wohnung beziehen kann.
    Inzwischen ist es Ende September, der Regen tropft durch die Decken, durch die Fenster pfeift der Wind. Susan, Anfang 30, blonde Haare, führt in Gummistiefeln und Regenjacke durch das Haus. "Die Balken werden wieder frei gelegt. Und die Zwischendecken kommen raus. Viel Abrissarbeiten hier also."

    Es ist nicht alles günstiger auf dem Land

    Die Baukosten für den Hof belaufen sich auf insgesamt mehrere Millionen Euro. Eine Stiftung hat Grund und Boden gekauft. Eine Genossenschaft koordiniert den Ausbau. Die Mitglieder beziehungsweise zukünftigen Hofbewohner zeichnen von der Wohnungsgröße abhängig unterschiedlich große Genossenschaftsanteile.
    Zusätzlich zu diesen Einlagen im mittleren bis hohen fünfstelligen Bereich zahlen sie Miete für ihre Wohnungen, erklären die beiden. "Wir bewegen uns hier bei zehn Euro den Quadratmeter netto kalt. Dann kommen noch Nebenkosten dazu. Das heißt, wir sind bei 12,50. Wir wohnen günstiger in Berlin, das muss man leider sagen!"
    Die beiden hatten einen günstigen, alten Mietvertrag in Berlin. "Man denkt immer: Hier draußen ist alles viel günstiger. Ist es aber nicht. So ist nur die Vorstellung. Aber dann kommen die Baukosten, Architekten, Denkmalschutz, Bauamt, Holzgutachten, Statik."
    Horizontale Ansicht eines Hofes bei bewölktem Himmel. Im Vordergrund ist eine geodätische Halbugel aufgebaut.
    Umfasst insgesamt 14 Gebäude: Hof Prädikow vor Beginn der Bauarbeiten im Herbst 2020.© Anna Goretzki
    Susan und Philipp kommen hier aus der Gegend, sie wollten nach mehreren Jahren Stadtleben zurück in die alte Heimat – gelockt von der Weite der Landschaft und dem Versprechen einer größeren Bewegungsfreiheit für die Kinder.
    Und sie wollten etwas in Gemeinschaft aufbauen, erzählt Susan. "Wir wollen was anderes als ein Eigenheim. Und haben uns superviele Projekte angeguckt, um zu merken: Okay, es gibt auch auf dem Land Gemeinschaftsprojekte. Man kann in so einer Gemeinschaft auch ganz andere Gelände bespielen."

    "Wir sind keine Kommune"

    Zwischen 50 und 60 Erwachsene und etwa 25 Kinder sollen hier bis spätestens 2023 leben. Philipp ist Mitgründer des Netzwerks Zukunftsorte, ein gemeinnütziger Verein, der sich dafür engagiert, Wohn- und Arbeitsprojekte auf dem Land zu ermöglichen und Leerstand im ländlichen Ostdeutschland umzunutzen – und neu zu beleben. So wie hier in Prädikow.
    "Es geht auch um Werte, ich nenne das die Werte des Co-Workings: also kollaborativ, zugänglich, offen für alle und eben dieses Miteinander. Wir sind keine Kommune, wo jeder alles mit allen machen muss. Auf keinen Fall. Wir haben alle eigene Mietwohnungen", erklärt er.
    Aus den Fenstern des Schweizer Hauses fällt der Blick auf die Dorfscheune, die zukünftig Co-Working-Space, Café und Dorftreffpunkt werden soll. Noch ist außer tiefen Furchen im matschigen Boden der Scheune und nackten Dachbalken, die dem Regen trotzen, nichts zu sehen. Aber Susan und Philipp sind zuversichtlich.

    "Raumpioniere" – so nennen sich die Trendsetter

    In Halenbeck hingegen geht es sichtbar voran. Auf die Stufen vor der Halenbecker Haustür hebt Jens Näumann eine eiserne Bodenplatte samt nagelneuer Fahne. In orange und grünen Lettern steht: "Raumpionierstation Prignitz" und darunter "Landebahn für Landlustige". Ein Tag zum Feiern. Die Sektgläser werden erhoben.
    Mittlerweile ist es Oktober. Jens trägt einen grauen Norweger. Valerie hat sich einen grünen Schal um den Hals geschlungen. Ab diesem Tag sind die beiden Ableger der Raumpionierstation Oberlausitz. Deswegen ein Treffen.
    Malte Ehrich von der Raumpionierstation Westmecklenburg ist auch da. Und auch Jan Hufenbach und Arielle Kohlschmidt sind zu diesem Anlass angereist. Um stadtmüden Menschen die Landung auf dem Land zu erleichtern, haben die beiden 2015 die erste Raumpionierstation in der Oberlausitz gegründet.
    Arielle Kohlschmidt blickt zurück. "Das ist ein Begriff, den haben wir nicht erfunden, sondern der wurde schon durch die Wissenschaft geprägt. Und dieser Begriff dreht etwas um. Also normalerweise hinterlässt der ländliche Raum so ein Gefühl von: Da geht alles unter, da ist das Ende der Welt. Also etwas ganz Schweres, da will man auf gar keinen Fall hin. Und die Raumpioniere drehen das um. Das ist ein Abenteuer. Das ist das, wo ich mich selber verwirklichen kann, wo ich was finde, wo ich nützlich sein kann."
    Fünf Menschen stehen auf einem Feld in der Sonne und schauen lächelnd in die Kamera.
    Raumpioniere auf Wanderschaft: Ganz rechts stehen Jens Näumann und Valerie Frein, die mit ihren Töchtern in die Prignitz gezogen sind.© Anna Goretzki
    Arielle Kohlschmidt und ihr Partner wollen mit ihrer Begeisterung für die Oberlausitz, den östlichsten Osten Deutschlands, für die Region werben, potenzielle Zuzügler anstecken und die Gegend mit Projekten und Kultur – noch – lebenswerter machen.
    Jens und Valerie haben das gleiche Ziel in der Prignitz. "Ich will Einfluss darauf nehmen, dass sich hier was entwickelt," sagt Jens. "Deswegen ist es wichtig, dass man was macht, dass Leute hierherziehen. Deshalb sind wir bei den Raumpionieren."
    Valerie sieht potenzielle Mitstreiter in den Städten. "In Berlin sind viele, die auch gerne den Schritt machen würden, aber die sich nicht so richtig trauen. Wir haben uns ja auch sehr lange nicht getraut. Wir sind noch nicht so alt, wir haben Kinder. Wir würden es eben auch schön finden, wenn hier nicht nur Rentner hinziehen, dass eine gute Durchmischung da ist. Und deswegen wollen wir ein bisschen Werbung für die Region machen."

    Zuzügler gegen rechte Tendenzen auf dem Land

    Die Gruppe von Raumpionieren bricht zu einem Spaziergang durchs Dorf und in die Felder und Wiesen auf. Die elfjährige Nora schaut fasziniert an den Himmel. Sie hat ein Faible für Raubvögel und die Falknerei und kommt hier auf dem Land auf ihre Kosten.
    "Ich vermisse Berlin jetzt nicht so groß," erzählt Nora. Und wir haben uns ja jetzt auch schon sehr gut eingelebt. Wir haben hier Freunde und in Berlin. Also haben wir jetzt eigentlich doppelt so viele Freunde."
    Beim Spaziergang wird das Gespräch politisch. Arielle Kohlschmidt betont, dass Zuzügler und Rückkehrer auch wichtig seien, um rechten Tendenzen auf dem Land entgegenzuwirken:
    "Dadurch, dass Zuzügler und Rückkehrer in eine Region gehen, wo viele weggegangen sind, bringen sie ihre neuen Ideen und neue Erfahrungen mit", sagt sie. "Unter anderem die Erfahrung: Ich kann mit Menschen aus der ganzen Welt zusammenleben und das klappt. Insofern hat es eine ganz sanfte politische Dimension, würde ich sagen."
    Bei der Europawahl 2019 hat die AfD in Sachsen, wo die Raumpionierstation Oberlausitz liegt, als stärkste Partei abgeschnitten, in Mecklenburg-Vorpommern hat sie nach der CDU die meisten Stimmen erhalten.
    Malte Ehrich von der Raumpionierstation Ostmecklenburg sieht die Problematik rechten Denkens, plädiert aber als Zuzügler trotz dieser Zahlen erst einmal für Unvoreingenommenheit: "Bevor du die Entscheidung getroffen hast, weißt du ja nicht, wer da ist. Und dann gibt es die Stereotypen der AfD-Wähler. Da muss man sich erst mal durchbeißen und erkennen, dass das ein Stereotyp ist und dass das im Zweifel nicht so sein muss."

    Endgültiger Abschied von Berlin-Neukölln

    Rechte Gesinnungen sind Jens und Valerie noch nicht begegnet. Im Gegenteil: Neulich erst haben sie ein "Black Lives Matter"-Graffiti in einem Nachbardorf entdeckt. Über die AfD-Wahlplakate in Halenbeck und Umgebung regten sich auch die Nachbarn auf, meint Jens. Gemeinsam mit ihnen etwas bewegen, das wünschen sie sich.
    Begonnen haben sie damit schon. "Wir haben jetzt hier einen Weg in so einer mehrwöchigen, wenn nicht sogar mehrmonatigen, Aktion mit Freischneidern und Motorsägen wieder freigelegt. Das ist schon cool, weil das war so ein Gemeinschaftsprojekt im Dorf mit so einer Whatsapp-Gruppe und dann hat man da gemeinsam im Regen gestanden. Aber jetzt ist das Ding halt wieder frei und das ist ein total wichtiger Weg."
    Berlin-Neukölln. Wenig später, Ende Oktober 2020. Valerie zieht mit einer Zange die letzten Nägel aus den Altbauwänden ihrer alten Wohnung, spachtelt Löcher zu. Die letzten Kisten kommen nach Halenbeck. Das Ende von 13 Jahren in dieser Wohnung. Der graue Herbsttag macht den Abschied für Valerie leichter.
    "Berlin ist für mich abgeschlossen", sagt sie. "Ich freue mich auf das Neue, was kommt. Wir hatten hier echt eine gute Zeit. Aber wir haben uns verändert, wir sind älter geworden. Berlin hat sich verändert. Und dann muss man auch nicht den alten Träumen nachhängen, sondern auch einfach mal den Schritt wagen. Ich finde diese Altbauwohnungen schon toll. Einfach runter zu gehen, ein Café zu haben, diese Kiezatmosphäre, die habe ich total genossen und die werde ich bestimmt auch vermissen."

    Gemeinschaftsprojekt mit Dorfwohnzimmer

    Ein Café im Dorf – im Gemeinschaftsprojekt im kleinen Prädikow wird es das geben. Susan und Philipp schauen sich zum ersten Mal die umgebaute Dorfscheune mit der Hochebene für den Co-Working-Bereich an. Es ist inzwischen Frühling 2021. Die Vorfreude ist gewachsen. Schon im November wird die Familie hierher ziehen.
    Susan freut sich. "Es ist megaschön. Wenn man daran denkt, wie es vorher war. Das war so eine ganz alte dunkle Traktorscheune und ganz dreckig und muffig und hat nur nach Öl gerochen. Und jetzt riecht es ganz doll nach Holz, ist schön hell."
    Acht Co-Working-Plätze sollen auf der Hochebene entstehen. Durch Glaswände schauen die Co-Worker dann in den großen Scheunenraum mit dem Café.
    In Regenjacken stehen Susan Schulze und Philipp Hentsche vor dem Eingang ihres neuen Hauses.
    Susan Schulze und Philipp Hentschel werden zukünftig mit ihren beiden Kindern und vielen anderen den Hof Prädikow bewohnen.© Anna Goretzki
    Auch Susan wird von hier aus weiter als Web-Entwicklerin arbeiten. Sie stellt sich das so vor: "Hier drunter, das wird so ein Dorfwohnzimmer. Das ist wirklich auch frei für alle, es ist zugänglich."
    Explizit steht das "Dorfwohnzimmer" auch den Alteingesessenen von Prädikow offen. Die Neu-Prädikower wollen sich nicht auf ihrem riesigen Hof einschließen, sondern wünschen sich Austausch und eine lebendige Nachbarschaft. Philipp Hentschel steigt die Leiter zur zukünftigen Co-Working-Ebene hoch.

    Sorgen die Großstädter für Verdrängung?

    Kritik, dass sie als Großstädter nun auch für Gentrifizierung und Verdrängung auf dem Land sorgen, weist er zurück.
    "Es ist ein schmaler Grat. Natürlich werten wir solche Orte auch ein Stück weit auf und machen sie sichtbar. Da muss man eben genau aufpassen: Was passiert denn in der Umgebung. Hier ist es ja durch eine Stiftung und durch eine Genossenschaft ausgeschlossen, dass hier jetzt ein Spekulationsobjekt entsteht", erklärt er.
    "Es gibt aber auch eine Ärztin, die sich hier im Nachbardorf niederlässt mit einer Landarztpraxis. Es gibt also auch vielfältige Effekte, die von solchen Orten ausgehen, die dann auch für die Region ganz klar Infrastruktur mitbringen."
    Mai 2021. Fünf weiß-graue Sussex-Hennen scharren und gackern seit Kurzem im Halenbecker Garten und Hof der Familie Näumann/Frein.
    "Hier ist ein alter Hühnerstall und den haben wir zu Homeschooling-Zeiten, als uns die Decke auf den Kopf gefallen ist, renoviert. Die Kinder haben mich die ganze Zeit genervt wegen Hühnern. Das alte Holz rausgerissen, Wände abgeklopft und alles halbwegs sauber gemacht. So ein bisschen hat das den Geschmack von Selbstversorgung. Mit Eiern haben wir jetzt echt keine Probleme mehr. Jeden Tag fünf Eier."
    Die beiden wirken zufrieden. Erleichtert, dass die Coronazeit ohne Besucher und Abwechslung im Frühjahr 2021 vorbei zu sein scheint. Jetzt können sie den Garten wieder genießen, Gemüse und Obst beim Wachsen zuschauen. Über all das sind sie froh.

    Corona hat manches verhindert

    Aber in Sachen Selbstversorgung wäre vor allem Jens, der unter dem Walnussbaum steht, gerne schon weiter. "Wir haben uns am Anfang schon übernommen. Gerade mit Haus renovieren, Garten in den Griff kriegen, das ist halt ein Lebensprojekt. Das macht man nicht einfach mal kurz. Auch der Garten, das wird sich jetzt noch nach und nach weiterentwickeln. Auch die Sachen mit dem Backhaus."
    Das Backhaus wollen sie herrichten für Back-Events mit den anderen Dorfbewohnern. Noch ist das nichts geworden.
    Auch Corona hat das verhindert, meint Jens. "Also wenn jetzt kein Corona gewesen wäre, dann wären wir wahrscheinlich ja auch umgezogen. Und dann wäre alles viel einfacher gewesen. Wir haben uns schon auch vorgestellt, dass die Kinder ihr eigenes Leben haben in Form von Freizeitaktivitäten, Vereinen, Freundinnen, die sie hier gefunden haben. Das war bisher kaum möglich. Zwischenzeitlich war es echt hart."
    Valerie ist hoffnungsvoll. "Dass man sowohl die alten Kontakte einfach nicht treffen kann und hier keine neuen Kontakte knüpfen konnte, das war schon schwierig. Aber es kommt jetzt alles."
    Seit Neuestem lernen die beiden Kinder ein Musikinstrument, Freundinnen übernachten bei ihnen und sie bei denen. Homeschooling ist vorbei. Die Mädchen sind auch jetzt gerade in der Schule.
    "Ja, und jede Freundin hat Hühner," lacht Jens. "Also die tauschen sich über Hühner aus in der Schule. Das ist schon echt was anderes als in der Stadt. Und wollen einem immer irgendwelche Hähne vermitteln und so: Euren Hühnern geht es doch gut, nehmt doch unseren Hahn, sonst muss der in den Kochtopf. Das sind so die Themen."

    Die Nachbarin freut sich über den Zuzug

    Jens und Valerie schauen bei ihrer Nachbarin Edelgard Neumann vorbei. Gegenseitig greifen sie sich immer mal wieder in Haus und Hof unter die Arme. Während des Lockdowns haben sie sich nicht gesehen. Jetzt ist die 80-Jährige zwei Mal geimpft und der Austausch in der Nachbarschaft kann wieder beginnen.
    Edelgard Neumann, die seit 1948 in Halenbeck lebt, beobachtet, dass in den letzten Jahren vermehrt Großstädter in die Prignitz ziehen. "Die Schwierigkeiten gibt es, wenn die Leute hier aufs Land ziehen und sagen: Der Hund bellt mir zu laut, der Hahn kräht mir zu laut. Wenn denen so was alles nicht passt, die müssten sich dann schon ein bisschen anpassen."
    Mit ihren neuen Nachbarn ist sie rundum zufrieden. "Ja, also die Näumanns, das sind richtig prima Leute. Ja, Jens, das ist so, das kann man ja auch mal sagen! Ihr seid richtig gut und du hast mir ja auch Hilfe angeboten. Edelgard, hast du gesagt, wenn du mal Hilfe brauchst, du brauchst dich nur zu melden, ich fahr mit dir wohin. Besser geht es ja wohl gar nicht, oder?"
    Edelgard Neumann, weiße Haare, gebeugter Rücken, faltet die Hände, lacht vergnügt Valerie und Jens über die Tischdecke hinweg an. Mit dem Wissen, eines Tages zu gehen, und ihr Dorf lebt weiter, schaut sie beruhigt auf die ihr noch verbleibende Zeit.
    "Viele Leute sterben weg, die Jungen sind wegen der Arbeit woanders hin. Und dann ist es doch gut, wenn hier Leute zuziehen und die Grundstücke in Ordnung halten, so wie Näumanns. Denn sonst würde doch alles zerfallen", sagt sie.
    Zurück auf dem Hof ziehen Valerie und Jens Bilanz: Finanziell sei es eine Entlastung, keine Miete mehr zahlen zu müssen. Dafür seien die Wege weiter. Das Auto ist viel öfter im Einsatz als in Berlin.
    Die Raumpionierstation ruht noch. "Es ist im Moment einfach wirklich eine Zeitfrage. Es ist enorm viel jetzt mit Homeschooling, Corona, Homeoffice, das war gar nicht machbar. Jetzt müssen wir gucken, vielleicht lichtet sich ja der Nebel ein bisschen und dann ist auch dafür mehr Zeit. Es ist nach wie vor wichtig für mich, da dran zu bleiben."

    "Ich habe es keinen Tag bereut"

    Valerie schaut nach draußen in den Hof, in dem sie zum Teil schon das alte Pflaster frei gelegt hat. Jetzt nach bald einem Jahr in der Prignitz hat sie das Gefühl, ihre Visionen mit dem Hof, die anstehenden Reparaturen und Sanierungsarbeiten, langsam in den Griff zu bekommen.
    "Zum Leben habe ich es keinen Tag bereut, hier raus zu ziehen. Das ist für mich abgeschlossen. Natürlich freue ich mich, wenn wir nach Berlin fahren können und da einfach mal einen Tag verbringen können", sagt sie.
    "Corona hat einiges erleichtert. Also den Abschied leichter gemacht, weil Berlin nicht das Berlin ist, was ich kenne. Und deshalb ist es mir leichter gefallen, aber wenn es diese Einschränkungen nicht mehr gibt, dann finde ich schon die Stadt sehr lebenswert. Und deswegen werde ich es schon vermissen."
    Noch in Berlin hatte Jens die Sorge, dass es einsam werden könnte auf dem Land, dass der Austausch mit anderen Gleichgesinnten fehlen könnte. "Was ich mir erhofft habe, dass tatsächlich ähnliche Familien, also ähnlich in Form von gleichaltrige Kindern, hierher ziehen. Da ich hätte nicht gedacht, dass es tatsächlich passiert. Aber das kommt jetzt. Das gibt mir irgendwie Mut."
    Die Sorge, auf die eigene Familie beschränkt zu sein, habe sich als unbegründet erwiesen. Jetzt nach dem Lockdown kündigen sich jedes Wochenende andere Berliner Freunde an. Großstädter, die es rauszieht, gibt es viele.
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