Seit 03:05 Uhr Tonart
Samstag, 28.11.2020
 
Seit 03:05 Uhr Tonart

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 08.04.2020

Landleben in der Stadt Was aus der Gartenstadt-Idee geworden ist

Ralf Bei der Kellen

Beitrag hören Podcast abonnieren
Die Siedlung Teutoburgiao in Herne, Nordrhein-Westfalen. (imago images/blickwinkel)
Die Siedlung Teutoburgia in Herne, Nordrhein-Westfalen. (imago images/blickwinkel)

Sich selbst versorgen mit Obst und Gemüse und frische Luft zum Atmen. Mit diesen Vorstellungen wurde vor mehr als 150 Jahren das Konzept der Gartenstadt erdacht. Auch in Deutschland wurde die Idee umgesetzt. Heute aber ist sie oft nur noch ein PR-Gag.

Gedacht war das anders. Ich wollte durch Deutschland fahren und an verschiedenen Orten die Geschichte und Gegenwart einer "begehbaren Utopie" studieren. Nach München habe ich es noch geschafft. Dann kam das Virus – und machte die Gartenstädte, die ich begehen wollte, zu "no go areas". Deshalb begebe ich mich erst mal in die Sphäre, die selbst beim schärfsten Ausgehverbot noch zugänglich bleibt: die eigene Erinnerung.

Geboren wurde ich 1970 – in Bramsche, einer damals knapp 24.000 Einwohner zählenden Stadt im südwestlichen Niedersachsen. Der Stadtteil, in dem ich aufwuchs, hieß Bramsche-Gartenstadt. Alle Nachbarn hatten große Gärten, viele hielten Hühner und Kaninchen. Man lieh sich gegenseitig Gartengeräte und half sich auch mal bei der Ernte.

Meine Großmutter gehörte noch zu den Selbstversorgern, sie baute ihr Gemüse komplett selbst an. Wenn Sie meinen Vater im Juni bitten musste, ihr ein paar Kartoffeln mitzubringen, war ihr das unangenehm. Denn das bedeutete, dass sie nicht gut gewirtschaftet hatte. Die eingekellerten Kartoffeln sollten eigentlich bis zur Ernte der Frühkartoffeln reichen, also bis Juni.

Auf den täglichen Fahrten zur Schule fiel mir irgendwann auf, dass viele der Häuser gleich aussahen. Mal hatte der Schneider die Front mit einem großen Schaufenster versehen, zwei Straßen weiter hatte der Schlachter einen Verkaufsraum angebaut. Oder es war ein Flachbau angesetzt worden, um Platz für die nächste Generation zu schaffen. Aber die meisten Häuser schienen vom gleichen Architekten geplant worden zu sein.

Im Studium erzählte dann ein Kommilitone, er käme aus der Dortmunder Gartenstadt. Eine Kommilitonin kam aus einem Ortsteil in Schweinfurt, der Gartenstadt hieß. Naja, woanders gab es halt auch Gärten.

Gartenstadt Falkenberg, Tuschkastensiedlung, erbaut 1913 bis 1934 von Architekt Bruno Taut. Siedlungen der Berliner Moderne. (picture alliance/dpa/imageBROKER/Thomas Born)Die Tuschkastensiedlung in Falkenberg bei Berlin wurde zwischen 1913 bis 1934 von Architekt Bruno Taut erbaut. (picture alliance/dpa/imageBROKER/Thomas Born)
Dann zog ich nach Berlin. Und kam eines Tages durch die Gartenstadt Falkenberg. Dann entdeckte ich die Gartenstadt Atlantic. Und irgendwann war klar: Das war kein Zufall, der Name war Programm. Bramsche-Gartenstadt, der kleine Ort, in dem ich groß wurde, war Teil von etwas Größerem.

"Das ist das Haus, das mein Urgroßvater gebaut und (das) seitdem jede Generation wieder erweitert oder umgebaut und herumgebaut hat. Ich glaube, das dahinter ist auch noch so alt. Aber das ist jetzt einzige Erstbebauung, quasi auf Schafweide 1919. Es ist echt ganz witzig: Der Antrag auf Baugenehmigungen ist aus dem Königreich Bayern, dann kommt Räterepublik und die Auflassung und Genehmigung ist dann schon Weimarer Republik, der nächste Eintrag im Akt."

Tobias Roth ist Autor, Lyriker und Übersetzer. Ende 2019 hat er im Verlag "Das kulturelle Gedächtnis" eine Anthologie herausgegeben mit historischen Texten der Gartenstadtbewegung in Deutschland. In seinem Büro, passenderweise eine umgebaute Gartenremise, hängt ein Plan des urgroßelterlichen Hauses.

"Wunderschön hier auch das Detail am Stempel vom Katasteramt. Das ist das ´K. Bayerische Messungsamt` – und das ´K.`, also das ´königlich`, ist durchgestrichen. Offensichtlich hatten die im September `19, nach der Revolution, noch keinen neuen Stempel und mussten dann händisch das ´königlich` ausstreichen."

Auch bei Tobias Roth war der Ausganspunkt für die Beschäftigung mit dem Thema Gartenstadt ein autobiographischer. Nur eben – mit Münchner Vorzeichen.

"Ich bin quasi ausgehend von meinem Geburtshaus drauf gekommen, weil dies alles ist hier ja Gartenstadt und das Viertel daneben heißt auch Gartenstadt Trudering. Und insofern war dieser Begriff irgendwie immer schon in meinem Kopf verankert. Und dass es eben einerseits was Schönes, Grünes, Offenes ist und andererseits aber auch was Rotes, Sozialistisch-solidarisches irgendwie hat…"

Ebenezer Howard hat´s erfunden

Stadtluft und Landlust: die Gartenstadtidee von der Symbiose städtischen und ländlichen Lebens hat ein Brite entwickelt:

Ebenezer Howard, Jahrgang 1850, im Hauptberuf – nicht etwa Architekt, sondern: Parlaments-Stenotypist. Bei einem Aufenthalt in den USA von 1872 bis 1878 kommt er dort mit neuen städtebaulichen Konzepten in Kontakt. 

"Als junger Mann, 21-jährig, wandert er aus, zunächst nach Nebraska, um dort auf einer Farm zu arbeiten, erkennt dann aber schnell, dass er nicht als Farmer seine Zukunft sieht und zieht dann nach Chicago, vom absoluten Land in die Großstadt."

Undatiertes Bild des Stadtplaners und Mitbegründers der Gartenstadt Ebenezer Howard. Ein alter Mann sitzt an einem Tisch. (picture alliance/dpa/Mary Evans Picture Library)Der Mitbegründer der Gartenstadt, Ebenezer Howard, ließ sich vor allem in den USA inspirieren. (picture alliance/dpa/Mary Evans Picture Library)
Nils Schinker ist Professor für Denkmalpflege und Entwerfen an der Technischen Universität Dresden.

"Arbeitet da als Reporter, schreibt für Zeitungen, Gerichte etc. und wird eben Zeuge des Wiederaufbaus nach dem großen Stadtbrand – 1871 ist Chicago von einem schlimmen Brand betroffen gewesen. Und danach wird die Stadt, die zwar vorher schon auch den Ruf einer – in Anführungszeichen – ´Gartenstadt` besaß, weil sie wohl viele Gärten hatte, diese Stadt wird komplett neu aufgebaut, und das erlebte er mit, und das scheint ihn nachhaltig beeinflusst zu haben."

Auch ein 1869 vom Industriellen Alexander Turney Stewart auf Long Island gegründeter Erholungsort wird schon "Garden City" genannt. Der junge Howard schöpft aber auch aus Quellen, die in seiner Heimat entspringen.

"Howard war auch sehr belesen. Er kannte natürlich die Sozialutopien der Boden- und Gesellschaftsreformer des 19. Jahrhunderts. In England ist da vor allem Robert Owen zu nennen, ein philanthropischer Unternehmer und Gesellschaftsreformer, die auch als Begründer des Genossenschaftswesens gilt. Der hat in Schottland in New Lanark eine Baumwollspinnerei betrieben, wo er nicht nur für die Arbeiter enorme Erneuerungen geschaffen hat, wie Arbeitslosenversicherungen, Krankenversicherung, auch die Arbeitszeiten reduziert hat, Kinderbeschäftigung verboten hat… er hat aber auch dort eine Modellsiedlung angelegt, um auch das Thema Wohnen voranzutreiben. New Lanark ist heute auch Weltkulturerbe und war damals ja großes Vorbild, das hat viele Besucher angezogen."

Robert Owen – mitten im ausbeuterischen, bösen Frühkapitalismus gab es auch die anderen, eine Reihe von philanthropischen Unternehmern, die die Welt verbessern wollten.

Die Weltverbesserung beginnt im Süden von Birmingham

Ab 1893 beginnt der britische Schokoladenfabrikant George Cadbury mit dem Bau der Siedlung Bournville im Süden von Birmingham. Im Jahr 1900 übergibt er die Siedlung einem Trust zur unabhängigen Verwaltung. Ab 1899 bauten die Brüder William Hesketh Leverand James Darcy Lever für die Arbeiter ihrer Seifenfabrik außerhalb von Liverpool die Siedlung Port Sunlight. 

Dann gab es noch den britischen Designer und Sozialaktivisten William Morris, den man heute vor allem als Mitbegründer der sogenannten "Arts & Crafts"-Bewegung vom Ende des 19. Jahrhunderts kennt.

Morris verdammte die Industrialisierung und die mit ihr einhergehende Entfremdung des Arbeiters von seinen Erzeugnissen. Er wollte zurück zum Handwerk. 1890 erschien sein utopischer Roman "News From Nowhere". In ihm ist London – aufgelöst. Als der Ich-Erzähler sich wundert, warum die Houses Of Parliament noch stehen, erklärt sein Begleiter:

"Ob wir sie noch benutzen? Nun, wir nutzen sie als eine Art Nebenmarkt und als Lagerplatz für Dung – und darin leisten sie uns gute Dienste, wo sie doch direkt am Wasser liegen."

Städte wie London und Manchester sind "Geschwüre"

Ebenezer Howard veröffentlichte 1898 ein Buch: "To-morrow. A Peaceful Path to Real Reform". Welchen friedenstiftenden Reformgedanken er darin entwickelte, verkündete der Titel der Neuauflage 1902: "Garden Cities of To-morrow – Die Gartenstädte von morgen."

Unter dem Eindruck der großzügig angelegten Siedlungen in der Neuen Welt sieht Howard das Wohnelend in den durch die industrielle Revolution explodierenden britischen Großstädten mit anderen Augen. Städte wie London und Manchester nennt er...

"Geschwüre, die das Antlitz unserer schönen Insel verunstalten."

Die Idee, die Ebenezer Howard aus diesem Missstand entwickelte, war radikal – er wollte den Unterschied von Stadt und Land aufheben.

Howard ist beeindruckt von den Ideen, die der Industrialisierungsgegner William Morris entwickelt hat, er beabsichtigt, einen Teil von Morris‘ Utopie in die Tat umzusetzen und die Großstädte – aufzulösen. In ein riesiges Geflecht von neuen Siedlungen. Ganz England – ein Gartenstadt-Rhizom.  

Zitat Howard: "Was verspricht bessere Resultate? Eine nach einem weitsichtigen Plan ausgeführte Neuanlage auf verhältnismäßig jungfräulichem Grund und Boden oder der Versuch, unsere alten Städte unseren neueren und höheren Bedürfnissen entsprechend umzugestalten? Wenn man sich die Frage so stellt, so kann die Antwort nicht zweifelhaft sein, und die auf diese Weise gewonnene Erkenntnis bedeutet den schleunigen Anfang der sozialen Revolution." 

Roth: "Eine Gartenstadt ist eine Stadt, eine Neugründung, die für ein bisschen mehr als 30.000 Einwohner geplant wird – auf die grüne Wiese, aufs grüne Feld. Und die Bevölkerung oder eine Gesellschaft, die quasi den Pionierakt vollzieht, kauft eben diese Fläche zu Ackerbodenpreisen und entwickelt dann quasi genossenschaftlich, gemeinschaftlich die Stadt, die da draufstehen soll. Es ist so eine Ratio von zwei Drittel zu ein Drittel – Grün, Garten, Ackerland zu wirklich Siedlungskern. Und diese Einheit soll auch nicht mehr darüber hinauswachsen."

Zeichnung einer Industrielandschaft in Manchester, England, während der industriellen Revolution. (imago images / United Archives International)Die Gartenstadt war der lebensbejahende Gegenentwurf zur Industrielandschaft wie in Manchester oder London. (imago images / United Archives International)
Der Bodenspekulation – wie man sie Ende des 19. Jahrhunderts in den großen Städten erlebte und dort auch heute wieder erlebt – soll so ein Riegel vorgeschoben werden. Auch die Verdichtung soll ausgebremst werden.

Die Industrie ist im direkten Umland der Stadt angesiedelt, sodass die Arbeiter kurze Wege haben. Dort befinden sich auch große Bauernhöfe, die die Stadt nachhaltig versorgen. Im Zentrum liegt ein Park, umgeben von einer gläsernen Arkade. Hier bieten Händler und Handwerker ihre Waren an, hier lustwandeln aber auch Spaziergänger. Ebenfalls um den Park herum angesiedelt sind das Rathaus, ein Konzerthaus, ein Museum, ein Theater, eine Bibliothek und das Krankenhaus.

Howards Gartenstadt ist keine Vorstadt, sondern eine kulturell, sozial und ökonomisch autarke Einheit.

Postkartenansicht der Gartenstadt Letchworth in Hertfordshire von 1909. (picture alliance/dpa/Mary Evans Picture Library)Postkartenansicht der Gartenstadt Letchworth in Hertfordshire von 1909. (picture alliance/dpa/Mary Evans Picture Library)
Gemeinsam mit George Cadbury und den Lever-Brüdern gründete Ebenezer Howard 1903 die Gartenstadtgesellschaft in Letchworth. An diesem Ort zwischen London und Cambridge wurde im selben Jahr mit dem Bau der ersten Siedlung nach Howards Konzept begonnen.

Nils Schinker: "England war in der Industrialisierung Vorreiter und natürlich Vorbild auch in Deutschland. England war aber auch Vorreiter bei der Suche nach Lösungen für die Probleme, die mit der Industrialisierung einhergingen. Und das betrifft natürlich soziale, künstlerische und technische Fragen gleichermaßen."

1907 erscheint Howards Buch unter dem Titel "Gartenstädte in Sicht" auf Deutsch. Da ist die Idee aber längst auf dem Festland angekommen.

Roth: "Die Gartenstadt ist schon ein Teil dieser, ich nenn’s mal so, ´Lebensreform-Bewegung` oder quasi diese ganzen Vereine und Vereinigungen, die so in Wilhelminischer Zeit aufkommen, die sich tatsächlich von Freikörperkultur bis zu diversesten verschiedenen Ernährungsvorschriften – genauso exotisch: Frauenrechte!, auch ganz komisch… also, da ist irgendwie schon eine sehr gärige Stimmung."

Deutschland entdeckt die Gartenstadt

Experimente mit neuen Siedlungsformen gibt es zu dieser Zeit bereits. 1893 ist in Berlin die Vegetarische Obstbau-Kolonie Eden e.G.m.b.H. gegründet worden. Die bekannteste Siedlung ist ab 1900 die Kolonie einer Gruppe von Aussteigern in der Nähe von Ascona: der sogenannte Monte Verita, der "Berg der Wahrheit". 1902 wird dann die Deutsche Gartenstadtgesellschaft gegründet, unter anderem von Gustav Landauer und den Brüdern Paul und Bernhard Kampffmeyer.

Roth: "Dieses Klima, auf das die Gartenstädtler treffen oder aus dem sie kommen, ist ein sehr experimentelles. Die leben auch in Künstlergemeinschaften, in irgendwelchen ererbten Villen an Berliner Vorortseen ganz malerisch. Und es ist quasi eine kleine Lebensgemeinschaft, die von der neuen größeren Lebensgemeinschaft von Leuten irgendwie träumt."

Auch der Volkswirt Hans Kampffmeyer, ein Cousin von Paul und Bernhard, wird Mitglied der Deutschen Gartenstadtgesellschaft. 1909 definierte er ihre Ziele wie folgt:  

"Eine Gartenstadt ist eine planmäßig gestaltete Siedlung auf wohlfeilem Gelände, das dauernd im Obereigentum der Gemeinschaft (Staat, Gemeinde, Genossenschaft und dergleichen) erhalten wird, derart, dass jede Spekulation mit dem Grund und Boden für immer ausgeschlossen und der Wertzuwachs der Gemeinschaft gesichert bleibt. Diese soziale und wirtschaftliche Grundlage bringt und erhält der neu entstehenden Stadt auch den Garten – selbst den Minderbemittelten –, macht sie zur ´Gartenstadt`."
 
Mit den "Minderbemittelten" meinte Kampffmeyer das Industrieproletariat, das auch in Deutschland zu hunderttausenden in den expandierenden Metropolen vegetierte – in schlimmsten sozialen wie hygienischen Verhältnissen. Obwohl sie erst vor ein oder zwei Generationen vom Land gekommen waren, hatten sie kaum mehr einen Bezug zur Natur.

1903 dichtet Rainer Maria Rilke:

Da wachsen Kinder auf an Fensterstufen,
die immer in demselben Schatten sind,
und wissen nicht, daß draußen Blumen rufen
zu einem Tag voll Weite, Glück und Wind, -
und müssen Kind sein und sind traurig Kind.

Die Gartenstadt Hellerau in Dresden. Häuser mit Gärten davor.  (picture alliance/dpa/mageBROKER)Die Gartenstadt Hellerau in Dresden. (picture alliance/dpa/mageBROKER)
1909 wird in Dresden die erste deutsche Gartenstadt gegründet: Hellerau.

Schinker: "Ich bin in Süddeutschland, in Freiburg groß geworden, und meine Großeltern kamen aber aus Dresden und – Kriegserlebnisse… sind dann im Westen groß geworden und schwärmten immer von Dresden und vor allem von Hellerau, wo sie gewohnt haben."

Einen autobiographischen Bezug zum Thema hat auch Nils Schinker. 2013 legte er seine Promotion vor mit dem Titel: "Die Gartenstadt Hellerau 1909-1945: Stadtbaukunst. Kleinwohnungsbau. Sozial- und Bodenreform".

Was in Großbritannien George Cadbury und die Lever-Brüder sind, das ist in Dresden der Möbelfabrikant Karl Schmidt. Er gründete die Gartenstadt Hellerau als Wohnstätte für die Angestellten und Arbeiter seiner Deutschen Werkstätten. In genossenschaftlicher Trägerschaft.

1906 stellt Karl Schmidt in Dresden seine "Maschinenmöbel" aus. Ihr Name leitet sich vom innovativen Design wie auch von den modernen Herstellungsmethoden ab. Schmidt bietet seine Möbel zum Festpreis in drei Preisklassen an.

Schinker: "Und diese Idee, die Einrichtung eben für alle möglich zu machen, wollte er dann auch in eine Stadt Siedlungsgründungen übertragen. Und da bot sich dann natürlich das Konzept der Gartenstadt an, und diese Siedlungsgründungen wollte er auch in Verbindung bringen mit einem Fabrikneubau, den er dringend brauchte." 

Die Architekten, unter ihnen Richard Riemerschmid und Hermann Muthesius, planen nun eine Siedlung auf die grüne Wiese. Und orientieren sich dabei an den britischen Gartenstädten. Diese kommen ihnen entgegen – nicht zuletzt, weil es sich dabei eigentlich um einen Re-Import handelt.  

Schinker: "Wir haben ja ein abstraktes Modell, Kreisdiagramme. Und kein Mensch baut in der Zeit kreisförmige Städte: Was für ein Bild von Stadt, was für eine Architektur soll dort umgesetzt werden? Und natürlich, wir haben schon erwähnt, die Begrenzung auf 30, 33, 35.000 Einwohner, also eher eine kleinere Stadt. Und da orientieren sich die englischen Architekten, vor allem Parker und Unwin, die in Letchworth und in Hampstead bauen, an den deutschen Kleinstädten. Und die fahren nach Deutschland. Vor allem Rothenburg ob der Tauber ist dort Vorbild, was aufgesucht wird. Und man kann direkt an Architekturmotiven, kann man das nach sehr gut nachvollziehen, dass dort ein Import von Architektur nach England passiert."

Die Erfolgsgeschichte Gartenstadt

In der Folge entstehen viele Siedlungen wie z.B. die Gartenstadt in Karlsruhe-Rüppurr, die Gartenstadt Hohenhagen in Hagen, die Gartenstadt Wandsbek bei Hamburg, oder die Margarethenhöhe in Essen.

Viele davon, so auch die Werkssiedlung Gartenstadt Marga bei Senftenberg, beanspruchen heute, die erste deutsche Gartenstadt gewesen zu sein. Für die war damals ein Gedanke wichtiger als in England: der des Selbstversorgergartens. Ein Erbe der Lebensreformbewegung.  

Roth: "In Deutschland ist es auch vor dem Ersten Weltkrieg schon ein bisschen prominenter, dass wirklich die Gartenstadt auch eine gärtnerisch produktive Seite für alle Bewohner hat. Und gerade eben diese superinteressante Figur Leberecht Migge, der ist der große Selbstversorger-Guru, der sagt es auch Anfang der Zehnerjahre schon und dann nach dem Ersten Weltkrieg umso mehr. Zum Jahreswechsel 18/19 erscheint sein Buch ´Jedermann Selbstversorger`. Wo gesagt wird, ein Job in der Fabrik oder im Büro ist kein Argument, kein Selbstversorger zu sein. Das geht schon."

Neben administrativer und kultureller Eigenständigkeit wird hierzulande auch eine agrarische Unabhängigkeit angedacht.  

Roth: "Bei Migge ist es schon auch eine Emanzipationsbewegung für den einzelnen, der halt aus dem Markt aussteigen kann, als auch für das deutsche Volk, das unabhängig wird von Lebensmittelimporten, deswegen auch der wundervolle Kapiteltitel ´Mehr Obst und Gemüse – eine nationale Aufgabe`. Wo man sagt, wenn Leute sich beschweren, wenn irgendwie Kantinen an einem Tag vegetarisch sein soll. ´Mehr Obst und Gemüse – eine nationale Aufgabe`." 

Die Gartenstadt wird zu Gartenvorstadt

Der Erste Weltkrieg war die große Zäsur für den Bau der Gartenstädte. Der Begriff war zu schön, um nicht für Vorstadt-Vermarktungsstrategien genutzt zu werden. Die Aufweichung des Konzepts hatte aber schon früher begonnen:

Die Gartenstadt wird immer mehr zu einer Gartenvorstadt, und damit entweder zu einer Schlafstadt oder zu einer Art bewohntem Naherholungsgebiet für Städter. Für begüterte Städter. Womit auch die sozialreformerische Idee der sozialen Durchmischung schwindet.  

In der Anthologie von Tobias Roth befindet sich ein Werbetext, vermutlich aus dem Jahr 1910. Ein gewisser Matthias Grundler, Spross einer Ziegeleidynastie in Berg am Laim, die dort traditionell den Bürgermeister stellten, wirbt um das wohlhabende Bürgertum:

"Wie schnell hat sich die Münchner Bevölkerung in letzter Zeit einem Drange angepasst, der zur Lebensnotwendigkeit geworden ist – hinauszuziehen in die nahe gelegenen Waldungen, um dort auszuruhen und wiederaufzuleben. Das Anwachsen Münchens zur Großstadt, der Existenzkampf und der Konkurrenzkrieg sowie die hohen Anforderungen in den Betrieben sind es, die die Nerven des Menschen mit überraschender Schnelligkeit zur Abnutzung bringen!"

Vom sozial- und bodenreformerischen Programm bis zum griffigen Werbeetikett – der Begriff "Gartenstadt" erwies sich schon damals als sehr dehnbar. Vor allem in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte er ein Eigenleben. Howards ambitioniertes Konzept spielte kaum noch eine Rolle.

"Der Kibbuz ist die härteste Gartenstadt"

"Die Frage danach, was mit dem Begriff ´Gartenstadt` gemeint sei, lässt sich nicht ohne Widersprüche beantworten."

Schreibt denn auch der Vorgänger von Nils Schenker an der TU Dresden, Thomas Will, 2007 in einem Sammelband anlässlich des 100. Geburtstages von Hellerau. Die Gartenstadt war ein großer Entwurf – der so wie Howard ihn geplant hatte, eigentlich nur in den frühesten britischen Gartenstädten überlebt hat.

Schinker: "Sowohl Letchworth als auch Lwellyn sind eigenständige Städte mit etwa 35.000 Einwohnern. Da kann man wirklich sagen: Das Konzept funktioniert auch heute noch. Trotz einiger Privatisierung ist der gemeinnützige Gedanke immer noch, wird noch gelebt. Das heißt konkret: Es gibt Pachteinnahmen, mit denen die Gartenstadtgesellschaft oder ein Trust, eine Stiftung, die das dort verwaltet, auch für das Gemeinwohl etwas erreichen kann, also wieder das Geld investieren kann. Und das ist schon sehr eindrucksvoll."

In Deutschland hat die Gartenstadt vor allem als Gartenvorstadt großer Ballungszentren überlebt. Weltweit erlebt die Gartenstadt aber immer wieder Renaissancen.  

Roth: "1921 hat der Zionistische Weltkongress beschlossen: Das ist unser Konzept, so machen wir das jetzt. Wo dann plötzlich dieses sozialreformerische, utopische Gespinst zu einer Staatsdoktrin avant la lettre wird. Das ist schon auch erstaunlich."

Auch die Kibbuzim im späteren Israel sind mit Howards Gartenstädten verwandt.

Roth: "Der Kibbuz ist ja eigentlich die härteste Gartenstadt, was jetzt so Eigentumsverhältnisse angeht, wo das Privateigentum wahnsinnig minimiert ist und alles quasi Gemeinschaftsgeschichte ist."

Zwei Männer bei der Feldarbeit in einem Kibbuz in Israel. Aufnahme von 1958. (icture-alliance/dpa/UPI)Das Konzept der Gartenstadt wurde auch im Kibbuz in Israel gelebt. Hier 1958. (icture-alliance/dpa/UPI)
Gartenstädte gibt es überall in Europa. Howards Buch wurde Ins Französische, Niederländische, Russische und Tschechische übersetzt. Selbst in Buenos Aires gibt es eine Gartenstadt. Und auch der Australischen Hauptstadt Canberra liegt Howards Modell zugrunde. Die Gartenstadt wurde zum vielleicht folgenreichsten Modell der Stadtplanung im 20. Jahrhundert.

Als Howard Ende des 19. Jahrhunderts sein Gartenstadtkonzept entwickelte, konnte er noch grenzenlos planen, genug Land schien es ja zu geben.

1901 hatte Großbritannien gut 38 Millionen Einwohner, heute sind es über 66 Millionen. Sie komplett in Gartenstädten, also in der Fläche unterzubringen, würde vielleicht noch gehen – für freie Natur wäre dann aber nicht mehr viel übrig. Die konsequente Umsetzung von Howards "Vermählung mit der Landschaft" würde letztere heute arg in Bedrängnis bringen.

Dennoch inspiriert Howards Konzept noch immer.

"Der Wunsch nach neuen Formen des städtischen Lebens weist unter anderem Parallelen zur Gartenstadtbewegung des frühen 20. Jahrhunderts auf. In der aktuellen Debatte um innovative Ansätze der Stadtentwicklung wird mancherorts auf die über 100 Jahre alte Idee der Gartenstadt von Ebenezer Howard zurückgegriffen."

Ein vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung 2016 ausgeschriebenes Forschungsprojekt trug den Titel "Gartenstadt 21 – ein neues Leitbild für die Stadtentwicklung in verdichteten Ballungsräumen – Vision oder Utopie?". Ausgehend von Howards Modell beschäftigten sich verschiedene Teams mit der Frage, wie heute Gartenstädte aussehen könnten. In einer zum Abschluss des Projekts veröffentlichten Broschüre heißt es weiter:

"Ihr Gegenentwurf zur damaligen verdichteten, überlasteten und lebensfeindlichen Stadt wird immer dann, wenn der Zuzug in die Ballungsräume so stark ansteigt, dass in kurzer Zeit viele neue Wohnungen gebaut werden müssen, für viele wieder erstrebenswert. So werden auch heute wieder in vielen dynamisch wachsenden Ballungsräumen größere und kleinere Stadtentwicklungsprojekte unter dem Namen "Gartenstadt" gebaut. Nicht immer beziehen diese sich auf die Ideen der historischen Gartenstadt. Gerne wird der Begriff auch zur Vermarktung von Neubauten im Grünen verwendet."

Früher Plattenbausiedlung und heute Gartenstadt Drewitz in Potsdam. (imago images/impress picture)Früher Plattenbausiedlung und heute Gartenstadt Drewitz in Potsdam. (imago images/impress picture)
Zu diesen Ballungsräumen gehört auch Potsdam. Seit 2007 heißt das dort als Schlafstadt erbaute Plattenbauviertel Drewitz: Gartenstadt Drewitz.
 
Hagenau: "Warum hat man diesen Namen gewählt? ´Gartenstadt` ist schon ein Begriff, der nicht nur historisch einen Wert darstellt, sondern gerade auch so ab Mitte der 90er bis 2010 etwa von der Immobilienwirtschaft ziemlich penetriert wurde. Jede Siedlung aus Spucke, Leim und Pappe, die irgendwo noch einen Baum da hatte, ist dann Gartenstadt genannt worden und ist so in den Vertrieb gegangen. Wir haben uns da schon an dem historischen Gartenstadtbild orientiert. Aber im Wesentlichen war die Wahl dieses Namens auch eine Provokation."

Für viele Potsdamer war die Plattenbausiedlung Drewitz ein Unort. Carsten Hagenau und sein Team wollten neugierig machen, indem sie das Unmögliche proklamierten. 2005 bis 2007 haben sie das Konzept für Umgestaltung zu einer Gartenstadt Drewitz erarbeitet. Heute kümmert sich Hagenau u.a. um Kommunikation und Partizipation im Stadtteil.

Hagenau: "Drewitz ist entstanden, das Plattenbaugebiet Drewitz ist entstanden als eine Antwort auf die Wohnungsnot in der DDR. Die Gartenstadt Drewitz ist entstanden als eine Antwort auf die sozialen Nöte der Menschen, die dort leben."

Eine Trabantenstadt wird zur Gartenstadt

Drewitz wurde ab 1984 als Trabantenstadt errichtet – mit vielerlei städtebaulichen Mängeln. Es gab kein Zentrum, der Stadtteil war von einer Hauptstraße durchschnitten, die man nur an zwei Stellen überqueren konnte. Die öffentlichen Räume waren größtenteils versiegelt. Es gab wenig Raum für Gemeinschaft und so gut wie keine soziale Infrastruktur. Hier lebten nach 1989 mehr und mehr Menschen, die sich die Mieten in besseren Lagen nicht leisten konnten.

Hagenau: "Unser Anspruch war es schon, diesen Menschen… oder unsere Idee war, wenn es schon so viele Menschen gibt, denen es schlecht geht und die dort wohnen, dann müssen die nicht auch noch am schlechtesten Ort dieser Stadt Potsdam wohnen. Die sollen auch eine Adresse haben, auf die sie stolz sind, wo sie gerne auch ihre Adresse sagen, ich wohne in Drewitz, und ich wohne halt jetzt in der Gartenstadt."

Heute ist die Hauptstraße verschwunden, an ihrer Stelle ist jetzt ein sechs Fußballfelder großer Park. Der Durchgangsverkehr ist minimiert. Die Folgen: Mehr Ruhe, mehr Sicherheit, bessere Luft. Es gibt private und gemeinschaftliche Gärten, eine Begegnungsstätte. Die Energieversorgung besteht zu 2/3 aus grüner Fernwärme. Bereits jetzt hat man 40 Prozent weniger CO2-Emmission in der Siedlung.

So lebt Howards Idee der Gartenstadt in anderer Form weiter – als Inspiration zur Umgestaltung einer zuvor öden Stadtrandsiedlung.

"Die Wohndauer in vielen Gartenstädten und gartenstädtischen Siedlungen ist außerordentlich hoch."

Heißt es in der Broschüre des Forschungsprojekts "Gartenstadt 21".

Weniger Interesse für Gärten in Bramsche

Bramsche-Gartenstadt – meine alte Heimat in Niedersachsen. Manch altes Haus ist inzwischen abgerissen worden und hat zwei neuen Platz gemacht. Gartenstadt? Auf den wenige Quadratmeter großen Grünflächen summt heute der Rasenmähroboter. Für Gärten scheint sich die heutige Bewohnergeneration nicht mehr so zu interessieren.   

Ich lebe heute, wie erwähnt, in Berlin. Vor zwölf Jahren bin ich hier einer Baugruppe beigetreten. Gemeinsam haben wir das Haus geplant, die Umsetzung überwacht, auf Nachhaltigkeit geachtet, sind durch Photovoltaik und Solarthermie sowie eine Grauwasseranlage zumindest teilweise unabhängig. Auf einen Seitenflügel haben wir verzichtet, zugunsten eines gemeinsam genutzten Gartens. Keine Gartenstadt, aber ein Großstadtgarten.

Mehr zum Thema

Die Gartenstadtbewegung - Bürgerlich, revolutionär und grün
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 20.01.2020)

Berliner Gartenstadt Atlantic - Mit Renditenverzicht gegen Gentrifizierung
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 06.04.2019)

Wohnungsbau in Köln - Ein lang geplantes Viertel wird vielleicht doch noch gebaut
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 11.06.2019)

Zeitfragen

Literatur und WissenschaftVom Leben der Häuser
Die Villa Riehl in der Spitzweggasse in Potsdam-Babelsberg wurde 1907 von dem Architekten Ludwig Mies erbaut, der sich später Mies van der Rohe nannte. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Können Häuser ein Eigenleben entwickeln, womöglich dem Leben seiner Bewohner schaden? In dem neuen Roman "Das Gartenzimmer“ von Andreas Schäfer geht es um eine 1909 gebaute Villa, um den Architekten, die Bewohner und um ein dunkles Geheimnis. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur