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Lakonisch Elegant | Beitrag vom 20.02.2020

Lakonisch Elegant#71 Senden & Empfangen - Was Brecht über das Internet zu sagen hätte

Von Christine Watty und Johannes Nichelmann

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Bildnis von Bertold Brecht auf der Bühne. (Gemälde von Bert Heller) (akg-images)
Wandbild: Die Radiotheorie des Dramatikers Bertolt Brecht ist noch heute aktuell. (akg-images)

Brecht veröffentlichte in den 1930er-Jahren kritische Essays über das "Neuland" Radio, sprach von Utopien und Gefahren. Zu seiner Radiotheorie gibt es nun eine Ausstellung in München. Was hat das mit der digitalen Gesellschaft zu tun?

"Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen": Der Dramatiker Bertolt Brecht stand dem Radio Ende der 20er-Jahre, Anfang der 30-Jahre kritisch gegenüber. Damals war das Medium neu und revolutionär, für viele verbunden mit dem großen Traum der freien Rede. 

Brecht hat nicht auf das Radio gewartet

Brecht sah es als Problem, dass das Radio nur senden, aber nicht empfangen konnte. Er machte den Vorschlag, das Radio "aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln". Er stellte sich ein Medium vor, dass die Hörerinnen und Hörer nicht isolierte, sondern in Beziehung setze. 

Das klingt so, als hätte der im Februar 1898 in Augsburg geborene Schriftsteller beinahe auf soetwas wie das Internet gewartet. Die Verbindung von Brechts Sammlung an Texten über das Radio – der Radiotheorie – mit dem Hier und Heute scheint in der Kulturwelt gerade wieder ein großes Thema zu sein.

Brecht "würde das Internet feiern"

Am Münchner Lenbachhaus beschäftigt sich bis zum 23. August 2020 die Ausstellung "Radio-Aktivität – Kollektive mit Sendungsbewusstsein" mit Texten und Kunstwerken zum Thema. Die Kuratorinnen Stephanie Weber und Karin Althaus erzählen im Interview, dass damals vom Staat erkannt worden sei, dass von der Idee, jeder können selbst senden, wie er wollte, eine Gefahr ausgehen könnte. "Also hat man sehr früh durch Gesetzgebung und auch durch Teuermachen von gewissen Geräten verhindert, dass gefunkt oder gesendet werden kann", sagt Althaus. 

Nicht nur im Museum, auch im Theater spielt Brechts Blick auf das Radio wieder eine Rolle. An der Berliner Volksbühne inszenierte der Regisseur Kay Voges kürzlich das Stück "Don't be evil". Es ist ein Blick auf die untergangenen Träume und Utopien des Internets. Der Schauspieler Uwe Schmieder hält darin Brechts Rede "Der Rundfunk als Kommunikationsapparat" von 1932, setzt sie zum Internet in Beziehung. Regisseur Kay Voges ist sich sicher, dass Brecht "es feiern würde, wie wir heute in Kommunikation treten können". 

Brecht und der Podcastmarkt

"Die Brechtsche Radiotheorie ist eigentlich erst Mitte der 70er-Jahre berühmt geworden", erklärt Wolfgang Hagen. Er ist Medienwissenschaftler und ehemaliger Radiomacher, beschäftigt sich viel mit den Möglichkeiten des Massenmediums. Hagen erklärt, wie seiner Meinung nach die Renaissance des Audios diesertage mit Brechts Ideen und Ausführungen zusammenhängt. 

Der Journalist und Podcaster Malcolm Ohanwe kann den Wunsch von Brecht und dessen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen verstehen, selbst Gehör finden zu wollen und nicht nur zu empfangen. Bei Lakonisch Elegant erzählt er davon, warum er gemeinsam mit einem Mitstreiter den Podcast "Kanackische Welle" gegründet hat.

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