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Lakonisch Elegant | Beitrag vom 09.01.2020

Lakonisch Elegant#65 Roll over Beethoven – Auf der Suche nach neuen Genies

Von Christine Watty und Katrin Rönicke

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Der Künstler Roger Baker erschuf ein Porträt von Ludwig van Beethoven als Grasrelief, welches nur aus der Luft zu erkennen ist. (laif/ NYTNS/ Piotr  Redlinski)
Eingebrannt ins kollektive Gedächtnis – und manchmal auch in den heimischen Garten: Ludwig van Beethoven. (laif/ NYTNS/ Piotr Redlinski)

Beethoven wäre dieses Jahr 250 Jahre alt geworden und wird deshalb von den Feuilletons gefeiert. Wir nehmen das zum Anlass, um über Geniekult zu reden und fragen: Welche Künstlerinnen und Künstler von heute wird man wohl in 250 Jahren noch feiern?

1770 war ein gutes Jahr für Genies. Beethoven, Hölderlin, Hegel, sie alle wurden in diesem Jahr geboren und würden bald ihren 250. Geburtstag feiern. Natürlich nur, wenn sie nicht gestorben wären.

So bleiben vor allem die Feuilletons übrig, die sich im Auftrag des Gedenkens und Lobpreisens große Teile der außergewöhnlichen Leben zurechtglitzern: Man feiert die Jubilare mit Interview-Marathons, Titelgeschichten, CD-Boxen und Konzertreihen.

Ein Glücksfall für "Lakonisch Elegant", denn so müssen wir das nicht auch noch machen. Lautlos verstreichen lassen wollen wir das Jubiläumsjahr als Kulturpodacst aber natürlich auch nicht.

An wen wird man sich in 250 Jahren erinnern?

Wir nutzen den Anlass, um nach vorn statt zurück zu blicken und fragen: An welche Künstler, Ikonen, Philosophen aber auch vielleicht Spieleentwickler aus der heutigen Zeit wird man sich wohl in 250 Jahren noch erinnern?

Was braucht es, um zum zeitlosen Genie zu werden, zum Vor- und manchmal auch Abziehbild, das jahrhundertelang neu interpretiert, neu erzählt, aber nie vergessen wird? Und ist das überhaupt erstrebenswert?

Die Kulturjournalistin Lisa Ludwig ist sich sicher, dass es in Zeiten von Streamingdiensten und ständiger Verfügbarkeit kultureller Güter nicht mehr reicht, ein musikalisches Genie zu sein, um in ferner Zukunft noch gehört zu werden.

Für ein großes Vermächtnis müsse da noch mehr hinzukommen. Zum Beispiel ein "kultureller Nachhall", ein "Impact", wie ihn die Sängerin Beyoncé insbesondere für People of Color und Schwarze Menschen hat.

Todeszuckungen des Geniekults

Ein solchen Nachhall sieht Simone Miller, Moderatorin der Sendung "Sein und Streit" auch bei der Philosophin Judith Butler: "Sie ist die einzige Geisteswissenschaftlerin, der es in der Gegenwart gelungen ist, weit über ihre Kreise hinaus wirksam und schon zu Lebzeiten zur Legende zu werden."

Das liege nicht in erster Linie an dem, was Butler geschrieben habe, sondern an dem, was in den Menschen passiert, die weiter über Butler nachdenken, unterstreicht die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mithu Sanyal. Und merkt gleichzeitig an: "Wir erleben die Todeszuckungen des Geniekults."

Community macht sich Spiele zu eigen

In der Welt der Computerspiele zeigt sich das besonders deutlich. Vom Genie gelöst entwickeln die Werke ein Eigenleben. Natürlich gibt es auch hier exzentrische Entwickler wie etwa den Japaner Hideo Kojima.

In Wirklichkeit sei es aber vor allem die Community, die sich die Spiele zu eigen mache, sie modifiziere und weiterdenke, sagt Caspar von Au, Host des E-Sports-Podcasts "unmuted".

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