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Lakonisch Elegant | Beitrag vom 21.11.2019

Lakonisch Elegant#59 #prinzdumm & die Hohenzollern: Aufmerksamkeit per Hashtag?

Von Johannes Nichelmann und Christine Watty

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Porträt von Jan Böhmermann, Moderator, und Grimme-Preisträger, aus einer 3nach9 Talkshow. (imago/nordphoto/Ewert)
Betreibt Satire als Crowdsourcing-Prozess für die Wahrheitsfindung im Hohenzollern-Streit: Jan Böhmermann. (imago/nordphoto/Ewert)

Jan Böhmermann erklärt die Entschädigungsverhandlungen Deutschlands mit den Hohenzollern – in seinem Satire-Magazin. Erreicht man nur so ein großes Publikum für ein eher vernachlässigtes Thema? Wie funktioniert die mediale Aufmerksamkeitsökonomie?

Eine halbe Stunde widmete Böhmermann im "Neo Magazin Royale" dem Hohenzollernprinz Georg Friedrich Prinz von Preußen und seiner Familie, die seit Jahrzehnten Kunstwerke vom deutschen Staat fordert und über deren Rolle im NS-Regime unterschiedliche Gutachten vorliegen. Diese Gutachten leakte Böhmermann auf hohenzollern.lol und gibt mit der ganzen Aktion dem Publikum keine leichte Aufgabe: Sich im "historischen Stimmengewirr", wie die Süddeutsche Zeitung schrieb, zurechtfinden zu müssen, ist eigentlich keine typische Herausforderung für das junge Publikum einer Satire-Show. 

Wie bekommt ein Thema Aufmerksamkeit?

Wir wollen in diesem Podcast über die konkrete Setzung dieses Themas sprechen – aber auch über die Aufmerksamkeitsökonomien in der Medienblase: Wann schafft es ein Thema wohin, wie lange sind die Halbwertszeiten und eignet sich eine junge Show vielleicht besser als ein staubiges Nachrichtenmagazin? Der Historiker und Afrikawissenschaftler Jürgen Zimmerer findet die Böhmermann-Aktion gut. Er sieht allerdings neben der Rolle des Prinzen noch andere Punkte in der Debatte unterbelichtet: "Genauso skandalös ist ja, dass die Bundesrepublik mit den Hohenzollern verhandelt und zum Zweiten das ja ganz traditionell hinter verschlossenen Türen und geheim macht, damit es ja keine Debatten gibt – und drittens direkte Verhandlungen mit Herero und Nama verweigert."

Meinungen platzieren

Zimmerer, der sich mit Themen wie Kolonialismus oder Restitution nicht nur im Rahmen seiner Arbeit an der Uni Hamburg beschäftigt, sieht auch die Medien in der Kritik: "Die Medien haben ihre eigene Zugangsweise zu diesen Fragen, das sind ja auch politische Fragen, nicht nur wissenschaftliche Fragen." Gehör finde man zwar auch mit kritischen Meinungen in den Medien, so Zimmerer: "Wenn man dann gegen die großen Kulturinstitutionen steht, dann bekommt man auch die ganze PR-Maschinerie zurück und innerhalb dieser Flut an Artikeln, die eigene Stimme, die kritische Stimme, die Aufklärung zu platzieren, ist einfach schwierig."

Wer ist das Publikum?

Christiane Habermalz ist die Kulturkorrespondentin des Deutschlandradios und lobt die Aktion von Jan Böhmermann als wirklichen Coup. "Die Veröffentlichung der Gutachten", so Habermalz, "erzwingt eine Diskussion, die auf der Ebene zumindest nicht stattfinden konnte." Müssen solche Themen aber vielleicht auch von den Medien anders aufbereitet werden? Auch das ist eine Frage, die wir im Podcast stellen. Christian Habermalz betont, dass Themen wie jetzt von Böhmermann auch von den traditionellen Medien angesprochen werden, "in verschiedenen Aspekten, in verschiedenen Ansprechhaltungen und es bleibt trotzdem immer die gleiche Blasen, man erzählt den Leuten etwas, die es ohnehin schon wissen und die man auch nicht mehr groß erreichen muss eigentlich, und das ist das Dilemma, in dem wir uns befinden."

Per Crowdsourcing zur Wahrheit

Markus Beckedahl von netzpolitik.org kennt die Schwierigkeit, eher unbeliebte (Internet)-Themen in den Medien zu platzieren. Was ihm an der Böhmermann-Aktion gefällt, ist, dass "die Redaktion Historiker und Juristen aufgerufen hat, die Originalquellen zu durchforsten und quasi in einem Crowdsourcing-Prozess möglicherweise der Bundesregierung und ihren Anwälten viel mehr Argumente zur Hand zu geben, damit diese absurden Forderungen vor Gericht auch abgelehnt werden."

Das perfekte Thema?

Duygu Gezen ist Content-Strategin und Formatentwicklerin beim Jugendangebot funk. Sie erzählt, wie die Redaktionen zwischen Anlassberichterstattung, eigener Themensetzung und dem, was das Publikum beschäftigt, entscheiden und welche Rolle dabei Formatfragen spielen. Einen Masterplan für das perfekte Thema gibt es eher nicht, sie sagt: "Wir wissen natürlich im Vorhinein schon, es gibt gewisse Themen, da wird das Interesse nicht so groß sein, bestes Beispiel jetzt: der Digitalpakt, der von der Bundesregierung beschlossen wurde. Da haben wir relativ schnell gesehen, nachdem das Video veröffentlich wurde: Das zieht nicht so richtig an, da ist das Interesse nicht so groß, aber das Thema ist uns wichtig. Was wir dann machen: Wir gucken: Gibt es andere Creator, die darauf aufmerksam machen können?" Wie also trifft man den Punkt, das Thema, das viele mitreißt? Gezen: "Da gibt es kein richtiges Rezept, man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und das richtige Thema haben."

"Lakonisch Elegant. Der Kulturpodcast" erst heute neu entdeckt? Kein Problem! Wir haben unsere liebsten Episoden gesammelt, entweder zum Reinschnuppern und Reinhören für Interessierte oder zum zeitlosen Genießen für Kenner! 

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