Donnerstag, 17.10.2019
 

Lakonisch Elegant | Beitrag vom 19.09.2019

Lakonisch Elegant#50 Sehnsucht Supermann – Relotius & die Suche nach modernen Helden

Von Johannes Nichelmann und Katrin Rönicke

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Aus der Froschperspektive sieht man Superman zwischen Häuserschluchten hindurch fliegen. (Eyeem / Mike Chan)
Dieter Thomäs Buch "Warum Demokratien Helden brauchen" erscheint Ende Oktober. (Eyeem / Mike Chan)

Superhelden retten Menschenleben, Demokratien oder den Journalismus. Claas Relotius war für viele als Reporter ein Held, bevor sein Kollege Juan Moreno ihn als Hochstapler entlarvte. Ist der jetzt ein Held? Und: Was für Helden brauchen wir?

Er wurde als Held gefeiert, als "Jahrhunderttalent": Claas Relotius, der einen Journalistenpreis nach dem anderen einheimste, zuletzt für seine Geschichte "Ein Kinderspiel". Eine Reportage, die von einem Jungen aus Syrien handelt, der mit seinen Graffitis im Jahr 2011 den Syrienkrieg ausgelöst haben soll. Große Teile der Geschichte sind - wie große Teile fast aller seiner Geschichten - erfunden.

Plötzlich selbst ein Held?

Juan Moreno, freier Reporter beim Spiegel, deckte den Schwindel auf. Er war im Rahmen einer gemeinsamen Reportage, die er eigentlich zusammen mit Relotius schreiben sollte, auf Ungereimtheiten und Lügen gestoßen. Als er Vorgesetzte darauf aufmerksam zu machen versuchte, glaubten sie ihm nicht. Relotius? - Unmöglich! Der Held schien fest im Sattel.

Moreno hat darüber ein Buch mit dem Titel "Tausend Zeilen Lüge: Das System Relotius und der deutsche Journalismus" geschrieben, das jetzt, neun Monate später, veröffentlicht wurde. Inzwischen ist klar, dass nicht er der Lügner war. Nun erscheint er selbst als eine Art Lichtgestalt, die den Journalismus von einem Lügner und Betrüger befreit hat, und wird als "der große Held des deutschen Journalismus" bezeichnet. Sogar Vergleiche mit Edward Snowden sind gefallen – und das nicht, weil beide gerade auf Promotour für ihre Bücher sind. Warum sich Moreno selbst nicht als Held sieht und wer für ihn wahre Helden sind, verrät er in Lakonisch Elegant. Der Kulturpodcast

Was brauchen echte Helden?

Dieter Thomä ist Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen, sein Buch, "Warum Demokratien Helden brauchen", erscheint Ende Oktober. Im Gespräch mit Lakonisch Elegant. Der Kulturpodcast erklärt Thomä, was Heldentum von Vorbildern unterscheidet, warum wir dringend Helden (und hoffentlich auch Heldinnen) brauchen, woran wir echte Held*innen erkennen und wie wir mit ihnen umgehen sollten.

Für ihn kann von einem postheroischen Zeitalter nicht die Rede sein - im Gegenteil: Die Demokratie brauche Held*innen - etwa wackere Bürgermeister*innen, die auf dem Land von Rechtsextremen bedroht und schikaniert werden, sich dadurch aber nicht von ihrer Arbeit abbringen lassen. Auch Edward Snowden sei ein moderner Held, findet Thomä, denn Helden kennzeichne vor allem eines: 

"Sie müssen bereit sein, Opfer zu bringen."

In der Geschichte bedeutete Opfer lange vor allem, im Zweifel das eigene Leben zu lassen. Doch ein moderner Mensch, so Thomä, riskiere eher den sozialen Tod in Form von Ausgrenzung. Ob das auf Juan Moreno zutrifft?


Wir feiern: Ein Jahr Lakonisch Elegant!

Auch wenn wir noch keinen Journalistenpreis eingeheimst habe - es gibt trotzdem Grund zu feiern: Lakonisch Elegant wird ein Jahr alt und wir laden euch am 01. November nach Berlin, ins R.E.H. in der Kopenhagener Straße ein! 

Gemeinsam mit lakonisch eleganten Special Guests wird es einen Live-Podcast mit anschließender Party geben. Die Tickets sind limitiert und wenn ihr dabei sein wollt, dann schreibt uns eine Mail an lakonischelegant@deutschlandfunkkultur.de 

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