Lärmkanonen gegen Flüchtlinge

    Fortsetzung des Zivilisationsbruchs mit anderen Mitteln

    03:50 Minuten
    Ein Mann beugt sich vor Kopfschmerzen
    Das Ohr ist unsere Achillesferse, sagt Sieglinde Geisel: Attacken über diesen Weg zielen darauf, die Persönlichkeit auszulöschen. © imago/Ikon Images/Claus Lunau
    Ein Kommentar von Sieglinde Geisel · 22.06.2021
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    Griechenland will an der Grenze zur Türkei Flüchtlinge mit Lärmkanonen von Europa fernhalten. Wäre eine solche Waffe überhaupt rechtmäßig – und was würde sie für die Abschottungspolitik bedeuten? Das fragt die Journalistin Sieglinde Geisel.
    Lärm ist potenziell ein Herrschaftsinstrument. Es steht auch jenen zur Verfügung, die keine Macht haben, denn wer Schall verbreitet, herrscht über alle Ohren in Hörweite.
    Kleinkinder wissen das intuitiv, ebenso Jugendliche, die im Park die Boombox aufdrehen oder der Motorradfahrer, der durch die Straßen röhrt und sich damit die Aufmerksamkeit verschafft, die ihm sonst versagt bleibt.

    Ein Mittel aus der psychologischen Kriegsführung

    Lärm ist jedoch nicht nur eine Waffe der Ohnmächtigen, er gehört auch zum Arsenal der psychologischen Kriegsführung.
    Diese Tradition reicht bis zu den Posaunen von Jericho zurück. Am siebten Tag der Belagerung umrundeten die Priester die Stadt sieben Mal, so heißt es im Alten Testament, sie bliesen ihre Posaunen, worauf das ganze Volk in ein Kriegsgeschrei einstimmte, bis die Stadtmauern einstürzten.
    Im Zweiten Weltkrieg verbreiteten die sogenannten Jericho-Trompeten beim Bombenabwurf Angst und Schrecken unter der Zivilbevölkerung. Auch im Irakkrieg setzten die Amerikaner Lärm als Überwältigungsstrategie ein.

    Kriegsopfer unter Beschuss

    Der Einsatz von Schallkanonen gegen Flüchtlinge allerdings wäre ein Novum. Hier würde der Lärm keine Mauern zum Einsturz bringen – er wäre selbst die Mauer, mit einem Schall, der lauter ist als die Triebwerke eines startenden Flugzeugs.
    Statt gegen Kriegsgegner würde die Waffe sich gegen Kriegsopfer richten, gegen Menschen, die kein Verbrechen begangen haben, sondern ihr Recht auf Asyl wahrnehmen wollen.

    Die rechtliche Lage ist unklar

    Ob es für die Abschreckung durch Lärm überhaupt eine gesetzliche Grundlage gibt, scheint mehr als fragwürdig. Die EU-Innenkommissarin Ylva Johansson nannte die Maßnahme zurückhaltend "eine merkwürdige Art, seine Grenzen zu schützen".
    Der griechische Migrationsminister dagegen stellte den Grenzschutzbeamten einen Blankoscheck aus: "Was die Polizei tut, muss sie auf ihre Weise tun", so seine Worte auf der gemeinsamen Pressekonferenz.

    Eine Auslöschung der Persönlichkeit

    Eine Lärmkanone verschont keinen Millimeter in ihrem Wirkungsbereich. Sie ist eine totalitäre Waffe, und der enorme Schalldruck, den sie erzeugt, richtet sich gegen unser empfindlichstes Organ: Das Ohr ist unsere Achillesferse – ein Organ auf dem Feld des Unbewussten, wie der Psychoanalytiker Jacques Lacan einmal gesagt hat.
    Es leitet den Schall direkt ins Zentrum unserer Wahrnehmung, nur so kann es uns bei Gefahr alarmieren. Deshalb ist ein Angriff auf die Ohren auch ein Angriff auf die Nerven. In gewisser Weise sind wir, was wir hören.
    Der Beschuss mit einer Lärmkanone führt daher zu einer temporären Auslöschung der Persönlichkeit, von körperlichen Schäden, wie dem Verlust des Gehörs und inneren Verletzungen ganz zu schweigen.

    Die Menschenverachtung an den Außengrenzen der EU

    Die Lärmkanone ist eine entwürdigende, ja: dehumanisierende Waffe. Damit allerdings würde sie nur zu gut zur Menschenverachtung an den Außengrenzen der EU passen. Der Einsatz von Lärmkanonen gegen Flüchtlinge wäre zwar eine neue Dimension der Abschottungspolitik.
    Doch im Grunde würde damit nur der Zivilisationsbruch von Lagern wie Moria fortgesetzt.
    Wer kein Problem damit hat, Menschen im Winter bei Minusgraden im Zelt ausharren zu lassen und sie im Sommer ohne Schatten der griechischen Sonne auszusetzen, der wird auch nichts dabei finden, wehrlose Menschen mit Lärm zu bombardieren.

    Sieglinde Geisel studierte in Zürich Germanistik und Theologie und arbeitet als freie Journalistin. Sie ist für verschiedene Medien als Literaturkritikerin, Essayistin und Reporterin tätig und lehrt an der Freien Universität Berlin sowie an der Universität St. Gallen. Geisel ist Gründerin von "tell - Onlinemagazin für Literatur und Zeitgenossenschaft" und schreibt dort regelmäßig.

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