Die Kybernetik ist eine interdisziplinäre Wissenschaft der Steuerung, Regelung und Kommunikation in Maschinen, lebenden Organismen wie den Menschen und sozialen Systemen. Ihre zentralen Ideen entstanden maßgeblich in den 1940er-Jahren und wurden von Mathematikern wie Norbert Wiener geprägt. Grundprinzip sind sogenannte Feedbackschleifen: Ein System erhält Informationen, verarbeitet dieses und passt sein Verhalten an. Der historische Ursprung liegt in der militärischen Forschung des Zweiten Weltkriegs, insbesondere bei der Entwicklung von Flugabwehrsystemen.
Kybernetik
Wie wir handeln bestimmt unsere digitale Umwelt und diese provoziert unser Handeln - sind wir noch frei in unseren Entscheidungen? © imago / Ikon Images / Andrew Baker
Wie unser Verhalten gesteuert wird

Die Kybernetik entstand in den 1940er-Jahren als Wissenschaft der „Maschinenmenschen“. Heute prägen Kybernetik-Anwendungen laut der Philosophin Anna-Verena Nosthoff unsere Gegenwart – und werden auch unsere Zukunft bestimmen.
Die Kybernetik ist überall, doch das ist den wenigsten bewusst. Dabei strukturiert und bestimmt sie unsere Gegenwart – davon ist die Philosophin Anna-Verena Nosthoff überzeugt.
Einen Instagram-Feed oder ChatGPT würde es ohne die Kybernetik gar nicht geben, so Nosthoff. Mithilfe der Kybernetik lasse sich aber auch erklären, warum Social-Media-Plattformen und KI-Chatbots überhaupt so programmiert wurden, wie wir sie heute kennen.
Die Professorin der Universität Oldenburg hat das Buch „Kybernetik und Kritik” geschrieben – darin warnt sie, dass wir uns bereits mitten in einer autoritären Wende der Kybernetik befänden.
Wie die Kybernetik unseren Alltag prägt
Ob Robotik, Informatik oder Datenanalyse – all diese Forschungsbereiche sind stark geprägt von der Kybernetik. Entsprechend findet sie sich auch in unserem Alltag wieder. Dabei zeigt sich, dass die Theorie stimmt: Menschen reagieren auf maschinelle Informationen und verändern daraufhin ihr Verhalten.
Beispiel Smartwatch: Viele Nutzer tracken damit ihren Schlaf und ihre Fitness. Auf Grundlage der Daten passen sie ihren Schlafrhythmus oder ihr Fitnessprogramm an. In der Kybernetik bezeichnet man das als „Feedback“.
Das Feedback funktioniert aber auch in die andere Richtung: Durch liken, teilen, googeln und Ähnliches lernt die Maschine, was wir mögen und was nicht. Das Ziel: Die Nutzer möglichst lange in der digitalen Umgebung zu halten. Denn am Ende steht dahinter ein monetäres Interesse.
Kybernetik: Alles berechenbar?
Die Kybernetik gesteht dem handelnden Organismus, also uns Menschen, durchaus eine gewisse Autonomie und Selbstbestimmung zu, erklärt Nosthoff. Diese Autonomie sei allerdings immer unter den Vorzeichen der Kontrolle zu denken. „Die Kybernetik denkt Freiheit und Kontrolle immer in einer Schleife, ja, immer in einem Wechselverhältnis“, so die Philosophin.
Darin sieht sie ein zentrales Charakteristikum dessen, was sie „kybernetische Regierungskunst“ nennt: Der Nutzer hat das Gefühl frei zu entscheiden, jedoch wird dabei dieses Gefühl systematisch dazu genutzt, ihn zu lenken.
Ein Kernmerkmal der kybernetischen Regierungskunst sei es, auf Basis von vergangenen Verhaltensdaten zukünftiges Verhalten vorauszusehen. Dabei denkt Nosthoff nicht nur an Regierungen, sondern auch an Unternehmen mit algorithmischen Steuerungssystemen. Es bleibt allerdings eine große Leerstelle: In der Theorie der Kybernetik wird das Verhalten auf äußerlich sichtbare Reaktion reduziert. Kognition – also Wahrnehmung, Denken und auch Reflexion – blende die Kybernetik aus.
Wer soziale Medien nutze, wisse aber durchaus um die Suchtpotenziale solcher Plattformen und ihrer Algorithmen. Gleichzeitig sei Social Media jedoch hochgradig verfänglich - und darüber hinaus zu einer Existenzgrundlage unserer Kommunikation und Diskussionskultur geworden. Für den Einzelnen sei es daher schwer, sich diesen Systemen zu entziehen, meint Nosthoff.
Damit stellt sich aus Sicht der Philosophin die Frage: Wie werden wir eigentlich in der digitalen Gegenwart regiert? Wie reproduzieren wir vielleicht auch als Subjekte spezifische Machtverhältnisse der digitalen Gegenwart?
Die Gefahr des kybernetischen Autoritarismus
Kybernetisches Denken birgt Risiken für Freiheit und Demokratie. Derzeit sähe man ein Erstarken des „Technikfaschismus“, was Nosthoff auch als „kybernetischen Autoritarismus“ bezeichnet. Tech-Milliardäre wie Elon Musk würden sich auf die Kybernetik beziehen und von Cyborgs und kybernetischen Superintelligenzen sprechen. Plattformen wie X, deren Besitzer Musk ist, sind keine neutralen Blackboxes. So kam es dort 2024 zu Fällen von Wahlbeeinflussung.
Einher mit den kybernetischen Superintelligenz-Träumen von Musk gingen auch transhumanistische, maskuline Vorstellungen und der Gedanke, dass technische Apparate eine Alternative zu demokratischen Ordnungssystemen darstellen könnten.
Beispiele wie Singapur, wo ein Smart-City-Konzept eingeführt wurde, zeigen, wie Staaten bereits heute kybernetische Ansätze nutzen, um mithilfe digitaler Daten das Verhalten ihrer Bevölkerung vorherzusagen und zu steuern. Auch China setzt auf digitale Überwachung, um seine Bevölkerung zu kontrollieren.
Die Philosophin Anna-Verna Nosthoff fordert deshalb eine intensivere gesellschaftliche Auseinandersetzung und mehr Bewusstsein für die Wirkungsweise der Kybernetik, um ihren Gefahren begegnen zu können.
Online-Text: Nora Bath















