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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.10.2012

Kurz und kritisch

"Der Libyen-Krieg" von J.M. Becker und G. Sommer, "Ich kehre zurück, Dadabé" von N. Siege, "Reportagen zur afrikanischen Gegenwart" von U. Schaeffer

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Brennpunkt Afrika: Ein Gestell mit afrikanischen Flaggen.  (picture alliance / dpa / Matthias Tödt)
Brennpunkt Afrika: Ein Gestell mit afrikanischen Flaggen. (picture alliance / dpa / Matthias Tödt)

Um Afrika geht es in drei Neuerscheinungen: Während Johannes M. Becker und Gert Sommer Libyen und das Öl thematisieren, erzählt Nasrin Siege die Geschichte eines madagassischen Mädchens. Ute Schaeffer beschäftigt sich mit Afrikas Machern und Entwicklern.

Das militärische Eingreifen der NATO in den libyschen Bürgerkrieg habe das Völkerrecht beschädigt – wie zuvor schon die Einsätze in Jugoslawien, Irak und Afghanistan. Und deshalb bleibe der Weltsicherheitsrat wie zu Zeiten des Kalten Krieges in Krisenfällen handlungsunfähig, weil Russland und China dem Westen misstrauten, wie der syrische Bürgerkrieg zeige.

Cover Johannes M. Becker, Gert Sommer (Hg.): "Der Libyen-Krieg. Das Öl und die "Verantwortung zu schützen" (LIT Verlag Münster)Cover Johannes M. Becker, Gert Sommer (Hg.): "Der Libyen-Krieg. Das Öl und die "Verantwortung zu schützen" (LIT Verlag Münster)Johannes Becker und Gert Sommer vom Marburger Zentrum für Konfliktforschung sowie der Zeitschrift "Wissenschaft und Frieden" belegen in einem Sammelband gemeinsam mit anderen Friedensforschern, warum sie das Konzept der humanitären Intervention als gescheitert ansehen, mit Waffengewalt um der Menschenrechte willen in fremden Staaten einzugreifen.

Das UN-Mandat, die Bevölkerung Libyens vor Luftangriffen der eigenen Streitkräfte zu schützen, sei ausgenutzt worden, einseitig die Opposition zu unterstützen, einen Regimewechsel herbeizuführen und einer Vasallenregierung zur Macht zu verhelfen. Die hohe Zahl an Toten und Verletzten, die immensen Kriegskosten würden die angeblich humanitären Ziele widerlegen.

Es ist schade, dass die Autoren mit tendenziöser, altlinker Attitüde mehr danach trachten, westlichen Neoimperialismus zu entlarven, anstatt zurückgenommen und sachlich zu analysieren. So preisen sie die Vermittlungsinitiative der Afrikanischen Union, beklagen ihr Scheitern, aber setzen sich nur kurz mit ihr inhaltlich auseinander.

Mit vielen Worten verschleiern sie ihre kühle Botschaft: das Völkerrecht, allemal das Prinzip der Gewaltfreiheit, zwinge die Weltgemeinschaft dazu, einem Völkermord zuzuschauen, jedenfalls dann, wenn politischer Einfluss erfolglos bleibe.

Der Libyen-Krieg. Johannes M. Becker und Gert Sommer über das das Öl und die "Verantwortung zu schützen", LIT Verlag Münster.

Dadabé, der Großvater, hatte die kleine Enkeltochter zum Friedhof mitgenommen. Dort auf dem höchsten Hügel des Dorfes, so erzählte er ihr, würden die toten Verwandten weiterleben. Dorthin gingen die Lebenden, um Rat und Hilfe zu erbitten. Und dorthin würden auch jene irgendwann zurückkehren, die ihr Glück in der Stadt versucht hätten.

Cover Nasrin Siege: "Ich kehre zurück, Dadabé. Die Geschichte eines madagassischen Mädchens" (Brandes & Apsel Verlag Frankfurt)Cover Nasrin Siege: "Ich kehre zurück, Dadabé. Die Geschichte eines madagassischen Mädchens" (Brandes & Apsel Verlag Frankfurt)Gleichsam als Schutzengel stellte er dem madagassischen Mädchen die Razana vor. Und auch er begleitet nach seinem Tod das Kind weiter – nunmehr im Traum. Er ist im Geiste dabei, als die Familie nach einem Orkan verzweifelt das zerstörte Haus und die verschwundenen Felder verließ. Doch die Flucht in die Stadt brachte auch nur Armut und Hunger, Gewalt und Demütigung, weshalb die Eltern mit den Kindern wieder aufs Land zurückkehrten.

Nasrin Siege lässt offen, ob sie diesem Mädchen in den Elendsvierteln der Hauptstadt begegnet ist, als sie in Madagaskar lebte. Wenn nicht, dann wurde Tody nur erfunden, um all das auszudrücken, was die Schriftstellerin und Psychotherapeutin recherchiert und beobachtet hat.

Ich kehre zurück, Dadabé. Nasrin Siege erzählt die Geschichte eines madagassischen Mädchens, Brandes&Apsel Verlag Frankfurt.

Afrika habe Potential, stellt Ute Schaeffer fest. Und darum bereiste die Chefredakteurin der Deutschen Welle als Korrespondentin den Kontinent, um sich von einfachen Bürger, Frauen wie Männern, erklären zu lassen, warum einige Länder wirtschaftlich wachsen, sich demokratisch entwickeln, andere Staaten aber in Chaos, Korruption und Bürgerkrieg versinken.

Cover Ute Schaeffer: "Afrikas Macher – Afrikas Entwickler" (Brandes&Apsel Verlag Frankfurt)Cover Ute Schaeffer: "Afrikas Macher – Afrikas Entwickler" (Brandes&Apsel Verlag Frankfurt)
Die Schuld an der Misere gibt die Mittelklasse einer egoistischen, ignoranten Elite, die ihre Macht im Geiste und mit den Methoden der früheren Kolonialherren ausübe. Und diese Mittelklasse wird ungeduldig, ja zornig, selbst wenn sie politisch noch nicht durchdringt, ja sich selbst gefährdet, wo der einzelne sich wehrt.

Macher und Entwickler hat die Journalistin gesucht und gefunden: die resolute Leiterin einer unabhängigen Wahlkommission, die Initiatoren eines Internetdorfes oder die Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen, welche sich um Frauenrechte, Bildung oder faire Produktionsbedingungen kümmern.

Sie arbeiten in eher kleinen Projekten, die nicht selten von schlechten Rahmenbedingungen ausgebremst werden, beispielsweise von einem Agrarmarkt, der die heimische Landwirtschaft zerstört, oder einem Abbau von Rohstoffen, deren Verkaufserlöse nicht der Entwicklung des Landes zugute kommen. Dieses Potential könnte kluge Politik eben viel besser nutzen.

Reportagen zur afrikanischen Gegenwart. Ute Schaeffer über Afrikas Macher – Afrikas Entwickler, ebenfalls bei Brandes&Apsel erschienen.

Lesart

Nora Bossong über"Rapefugee"
Nora Bossong über "Rapefugee" (unsplash.com/dpa)

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