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Lesart / Archiv | Beitrag vom 06.05.2012

Kurz und kritisch

Donald D. Gerste: "Roosevelt und Hitler"; Heike Delitz: "Arnold Gehlen"; Axel Honneth: "Das Recht der Freiheit"

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Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Donald D. Gerste beschreibt in seinem Buch eine Feindschaft, die die Welt veränderte. Arnold Gehlen stellt das Leben und Werk eines umstrittensten Vertreters der Philosophischen Anthropologie dar. Axel Honneth befasst sich mit dem Thema Gerechtigkeit.

Cover: "Ronald D. Gerste: Roosevelt und Hitler" (Verlag Ferdinand Schöningh)Cover: "Ronald D. Gerste: Roosevelt und Hitler" (Verlag Ferdinand Schöningh)Ronald D. Gerste: Roosevelt und Hitler. Todfeindschaft und totaler Krieg
Verlag Ferdinand Schöningh

Dass Hitler die Ikone des Bösen war, hat sich schon herumgesprochen. Und dass Roosevelt eine Ikone des Guten gewesen sein soll, ist genauso bekannt, wenn auch nicht allgemein akzeptiert. Der Autor Ronald Gerste erhebt den Anspruch, objektiv und informativ, also wissenschaftlich zu sein. Sein Buch liest sich aber eher wie eine SED-Broschüre. Dabei weiß man längst, dass es verschiedene National-Sozialismen und verschiedene Leitfiguren gab - und dass die Grenzen zwischen ihnen schillernd und fließend waren. In der Literaturliste des Buches erscheint ein berühmter Text von Wolfgang Schivelbusch, Titel: "Entfernte Verwandtschaft".

Darin zeigt Schivelbusch, dass Hitler und Roosevelt keineswegs Antipoden, sondern eher Zwillinge waren, beide mit ähnlichen Problemen konfrontiert und auf der Suche nach ähnlichen politischen Lösungen. Könnte es sein, dass Gerste diesen von ihm als Quelle zitierten Text - dessen Publikationsdatum anders als von ihm angegeben 2005 lautet - gar nicht gelesen hat? Wir wissen es nicht. Fest steht aber: Es gibt längst zahlreiche Bücher, Filme, Dokumente, die ein differenziertes, wissenschaftliches Bild der Protagonisten zeichnen.


Buchcover: "Arnold Gehlen“ von Heike Delitz (UVK Verlagsgesellschaft)Cover: "Arnold Gehlen“ von Heike Delitz (UVK Verlagsgesellschaft)Heike Delitz: Arnold Gehlen
Verlag UVK.

Gab es nach 1945 eine Wiedergeburt deutschen Geistes? Wir hatten zwar die Frankfurter Schule, die Kölner Schule und die Gruppe 47. Doch das waren alles Relikte, durch und durch epigonal. Anders die beiden Erratiker, die sich nicht einpassen wollten: Hannah Arendt und Arnold Gehlen - diese wirklich kreativen, wirklich politischen Denker im deutschen Geistesleben nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch sie hatten Erben, nicht viele allerdings. Einer dieser Erben war der geniale Niklas Luhmann.

Auch andere waren irgendwie jemandes Erben: Habermas und Noelle-Neumann, Schelsky und Schily und Mahler und der eigenartige Dutschke. Das Ganze ist ein weites und ein wüstes Feld, zu dem letztlich auch die RAF gehört als ein historisches Missverständnis. Wie passt das alles zusammen? Heike Delitz, Mitarbeiterin am Bamberger Lehrstuhl für Soziologie, widmet sich Arnold Gehlen als der zentralen Figur dieses nie offen ausformulierten ideologischen Konflikts auf kluge Weise. Eine faszinierende und längst fällige Suche nach der Aufklärung im modernen Deutschland aus der Reihe ‚Klassiker der Wissenssoziologie’.


Cover: "Axel Honneth: Das Recht der Freiheit" (Suhrkamp Verlag)Cover: "Axel Honneth: Das Recht der Freiheit" (Suhrkamp Verlag)Axel Honneth: Das Recht der Freiheit. Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit
Suhrkamp Verlag

Denken kann verwegen sein, auch in der Wissenschaft. Da schreibt einer ein Buch, das den "Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit" schaffen soll – und stützt sich dabei auf einen zeitgenössischen Philosophen, dessen demokratische Sittlichkeit gelegentlich bezweifelt wird. In seinem Buch verweist der Sozialphilosoph Axel Honneth, sehr zu Recht, auf die kategoriale Lücke, die zwischen Struktur und Sittlichkeit besteht – aber er füllt sie nicht. Das ist bezeichnend. Es wimmelt hierzulande nämlich von Autoren und Theorien, die sich an dieser Lücke abarbeiten - allerdings allzu sorglos.

Die gut eingeführten Begriffe "Ideologie" oder "Institution" leben schon lange und sehr gut von diesem Bemühen. Honneth versucht wie viele andere, Hegel für die politische Linke zu mobilisieren, als gäbe es nicht Interessantere: Scheler, Nietzsche, Plessner, Wittgenstein und Lévi-Strauss. Die Lektüre ähnelt einem Stöbern im philosophischen Antiquariat. Erstaunlicherweise enthält der Band keine Literaturliste, dafür ein fahriges Register, für ein wissenschaftliches Buch eher unüblich.

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