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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.01.2012

Kurz und kritisch

Alexander Pschera: "800 Millionen - Apologie der sozialen Medien"; Christian Goeschel: "Selbstmord im Dritten Reich"; Jörg Koch: "Joseph Süß Oppenheimer, genannt 'Jud Süß': Seine Geschichte in Literat

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Google+ und facebook als Medien, auf die "Gott herablächelt"? So sieht es Buchautor Peschra (picture alliance / dpa /  Julian Stratenschulte)
Google+ und facebook als Medien, auf die "Gott herablächelt"? So sieht es Buchautor Peschra (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Heute geht es um das soziale Netz als "magisches Medium", eine Analyse der hohen Selbstmordrate im Dritten Reich und eine neue historische Untersuchung zu "Jud Süß".

Buchcover Alexander Pschera: "800 Millionen - Apologie der sozialen Medien" (Verlag Matthes und Seitz)Buchcover Alexander Pschera: "800 Millionen - Apologie der sozialen Medien" (Verlag Matthes und Seitz)

800 Millionen - Apologie der sozialen Medien

von Alexander Pschera ist im Verlag Matthes & Seitz erschienen

Die Jüngeren nutzen die Online-Dienste Facebook, Google Plus & Co., die Älteren versuchen nur, sie zu begreifen. "Das soziale Netz", schreibt Alexander Pschera, "ist in Wahrheit ein magisches Medium, ein Medium sogar, auf das Gott herablächelt." Gott? In der Tat! Nichts weniger als eine metaphysisch begründete Apologie sozialer Netzwerke unternimmt der Essay "800 Millionen" (gemeint sind 800 Millionen Teilnehmer). "Die Ankunft ganz großer Zahlen ist immer ein Menetekel", mahnt der Autor. Facebook & Co. dürfe man nicht als vergängliche Mode abtun, sondern müsse sie als "Zeichen von Veränderung, ja von Gefährdung" sehen. So legt Pschera das neue Face-Buch, das kein Buch mehr ist, mit dem gleichen Ernst aus, mit dem man sich ehemals theologischen Schriften näherte. Heraus kommt ein manchmal verstiegener, immer interessanter und stellenweise brillanter Text, der die gängige Internet-Publizistik weit hinter sich lässt. Und das Resümee? Zitat: "Eine Selbstdefinition als Opfer kapitalistischer Machenschaften, die auf das Sammeln von Daten und das Ausbeuten von Communities angelegt ist, ist kein Weg in die Freiheit." Chapeau!


Buchcover Christian Goeschel: "Selbstmord im Dritten Reich" (Suhrkamp Verlag)Buchcover Christian Goeschel: "Selbstmord im Dritten Reich" (Suhrkamp Verlag)

Selbstmord im Dritten Reich

Christian Goeschels Analyse erschien im Suhrkamp Verlag

Vor knapp drei Jahren hat er schon einmal einen Blick in die düstere Vergangenheit geworfen: der deutsche Historiker Christian Goeschel, der in London Neuere Geschichte lehrt. Jetzt ist seine Analyse der Suizide im Dritten Reich auch in seiner Muttersprache erschienen, und offenbart Erstaunliches: Selbstmord war seit der Weimarer Republik eine irritierend häufige Todesart. Die deutsche Selbstmordquote war fast doppelt so hoch wie in Frankreich oder im Vereinigten Königreich. Warum? Die Schmach der Niederlage, die wirtschaftliche Lage, die Verfolgung in der Nazizeit. Mancher Widerstandskämpfer opferte nach der Entdeckung das eigene Leben - aus Sorge, Freunde und Helfer zu verraten. Und viele Juden töteten sich selbst, um einem noch schlimmeren Schicksal zu entgehen. Goeschel beschreibt regelrechte Selbstmord-Epidemien, er untersucht verschiedene Erklärungsversuche, und er gibt den Toten ihre Stimme wieder, indem er aus Abschiedsbriefen zitiert. Angesichts der Judenvernichtung und all der Kriegstoten mögen die Selbstmorde ein Randphänomen sein. Doch Goeschels Analyse ist sozial aufschlussreich und vorzüglich lesbar.

Buchcover Jörg Koch: "Joseph Süß Oppenheimer, genannt 'Jud Süß'" (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)Buchcover Jörg Koch: "Joseph Süß Oppenheimer, genannt 'Jud Süß'" (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)

Joseph Süß Oppenheimer, genannt 'Jud Süß': Seine Geschichte in Literatur, Film und Theater

Jörg Kochs Studie wurde von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft veröffentlicht

Und noch eine historische Untersuchung, im Mittelpunkt Joseph Süß Oppenheimer, genannt "Jud Süß".

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde er vom Württemberger Herzog berufen, die ruinierten Finanzen des absolutistischen Fürstentums zu sanieren. Die daraus folgenden politischen und sozialen Konflikte machten den Frankfurter Juden zum antisemitischen Hassobjekt.

Er endete am Galgen - ein klarer Justizmord. Aus der historischen Figur wurde eine literarische: einmal in Wilhelm Hauffs tiefgründiger Novelle, dann in Veit Harlans Film "Jud Süß", dem antisemitischen Film des Dritten Reiches schlechthin. Der Judenhass als Blitzableiter für Minderwertigkeitsgefühle hat nicht nur zum Justizmord an Oppenheimer geführt, sondern letztlich auch zum Holocaust. Bei den Nazis avancierte der Antisemitismus zum wesentlichen Baustein ihrer totalitären Ideologie. Doch das war kein schrecklicher Schlusspunkt, denn mit den Legenden angeblich jüdischen Verhaltens haben wir bis heute zu tun. Und genau daraus ergibt sich die Aktualität der Studie.

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