Kurz und kritisch

Rezensiert von Rachel Gehlhoff |
Wie viel Wissen passt in den Kopf? - Dieser Frage geht Wolfgang Frühwald in dem Buch "Wie viel Wissen brauchen wir?" nach. Peter Hartls Buch "Belogen, betrogen und umerzogen" erzählt die Geschichte verschleppter Waisenkinder. Zum Streifzug durch ein anderes, "Rebellisches Barcelona" lädt das Autorenkollektiv um Manel Aisa ein
Kurz und kritisch - Buch Nr. 1
Wolfgang Frühwald: "Wie viel Wissen brauchen wir? Politik, Geld und Bildung"
Berlin university press

Mindestlohn - auch für Geisteswissenschaftler? - das hat der deutsche Kulturrat gefordert. Mindestwissen - für alle? Und wenn ja‚ welches Wissen? Wolfgang Frühwald, Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, forscht im Kosmos post-moderner Industrienationen danach, wie viel Wissen wir ertragen und wie viel Wissen wir sinnvoll verarbeiten können. Schule und Universität, Stoffe und Inhalte wandeln sich. Akademische Ideale und inhaltliche Höhenflüge landen immer wieder bei dem Satz: Erforscht wird, was bezahlt wird. Es ist ein Satz, der die Wissenschafts-Landschaft treffend charakterisiert. Frühwalds Perspektive ist literarisch. Die üblichen Verdächtigen von Thomas Mann bis Jürgen Habermas bevölkern seine Essays. Er schreibt leicht, verständlich und anregend, er beleuchtet die Ethik von Texten - und die Irrealität des Guten. Alles fließt - Frühwalds Fragen und die Grenzen der Wissenschaft. Den Autor kann das nicht irritieren. Und seine Leser folgen ihm gern, auch wenn die letzten Antworten ausbleiben.


Kurz und kritisch - Buch Nr. 2
Peter Hartl: "Belogen, betrogen und umerzogen. Kinderschicksale aus dem 20igsten Jahrhundert"
dtv premium

Immer mehr Zeit geht ins Land, aber niemand scheint uns zu vermissen, sagt Kafina Sinskamp. Sie kam als Waisenkind nach dem Zweiten Weltkrieg aus Brandenburg nach Russland. Ihre Familienwurzeln sind abgeschnitten - ein Verlust, der sie bis heute schmerzt. In ihrem neuen, russischen Leben fühlt sie sich zwar zugehörig, aber auch fremd. Belogen, betrogen, umerzogen - plakativer Titel eines Buches von Peter Hartl. Kinderschicksale: Der unerlaubte Hitlerjunge, die verschleppten Schwestern, das Wolfskind. Wer sind meine Eltern? Und wer bin ich? - Erst nach dem Untergang der Diktaturen zeigt sich bei den längst Erwachsenen die Last eines Lebens mit verlorener oder gespaltener Identität. Heute, lange nach den Ereignissen‚ können sie darüber sprechen. Hätte Peter Hartl ihnen mehr Raum gegeben, und sich selbst mehr Zwischentöne zugestanden, es wäre ein eindrucksvolles Buch geworden.


Kurz und kritisch - Buch Nr. 3
Autorenkollektiv: "Rebellisches Barcelona"
edition nautilus

"Rebellisches Barcelona" - wer mit diesem Reiseführer losziehen will in die Hauptstadt Kataloniens, der sollte sie schon kennen und er sollte sie politisch sehen wollen. Das Autorenkollektiv um Manel Aisa öffnet uns den Gang durch Fabriken, Hinrichtungsstätten, Katakomben - eben die ganze revolutionäre Stadtgeschichte. Das Buch zeigt uns Orte, an denen die Menschen ihre Kämpfe ausgetragen haben, um Gerechtigkeit und Freiheit. Das Schwimmen im politisch-rebellischen Sog der Stadt ist der Gegenentwurf zum touristischen, Gaudí-geprägten Barcelona, das wir kennen. Dafür aber müssen wir uns durch 170 Seiten ideologisch versetzter Sprache kämpfen und den Kontext samt Abbildungen revolutionär dechiffrieren. Inspirierend, aber verwirrend: ein Buch für wahre und geduldige Barcelona-Liebhaber, denen auch im Untergrund nicht kalt wird.