Kurz und kritisch
Rolf-Dieter Müller beschreibt die Zusammensetzung der Wehrmacht im Dritten Reich. Ulrich Schiller bewertet die jugoslawischen Kriege Anfang der 90er-Jahre. Und das Tagebuch des Pariser Bürgers Célestin Guittard, das während der Französischen Revolution entstand, wird erstmals veröffentlicht.
Rolf-Dieter Müller: An der Seite der Wehrmacht
Verlag S.Fischer
Nicht nur in der britischen Presse, auch in der hiesigen wird selten differenziert, wenn es um die Wehrmacht geht - alle Soldaten waren Nazis und die waren alle Deutsche. Punkt. Das ist bequem, aber faktenfern. Offenbar möchte man nur ungern wahrhaben, dass bemerkenswert viele Europäer aus freien Stücken mit den Nationalsozialisten in den Kampf zogen: Finnen, Ungarn, Rumänen, Italiener, Slowaken, Kroaten, Spanier, Franzosen, Belgier, Holländer, Dänen, Norweger, Esten, Letten, Litauer, Polen, Russen, Ukrainer und Kaukasier, die sich freiwillig zur Wehrmacht, oft sogar zur SS gemeldet hatten.
Nicht nur einzelne Soldaten, auch ganze Armeen, darunter die des russischen Generals Wlassow, kämpften als Freiwillige an der Seite der Deutschen. Auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges bestand immerhin ein gutes Drittel der deutschen Armee aus Ausländern. Solche und andere gern verdrängte, aber unabweisbare Tatsachen hat der Militärexperte Rolf-Dieter Müller in einer gut recherchierten Untersuchung erstmals systematisch zusammengestellt, die jetzt auch als Taschenbuch erscheint. Und er meint: Wir sollten uns fragen, ob wir uns nicht bislang eine allzu einseitige Betrachtung des deutsch-sowjetischen Krieges geleistet haben.
Ulrich Schiller: Deutschland und "seine" Kroaten
Donat Verlag
Wenn sich einer mit dem Balkan auskennt, dann ist es Ulrich Schiller. Der Journalist und ehemalige Korrespondent beobachtet seit bald 50 Jahren die dortigen Konflikte, insbesondere den serbisch-kroatischen. Sein Buch beginnt in der Herzegowina, wohin er 1953 als Slawistik-Student reist. Schiller schildert eindrücklich seine Erlebnisse in einer Region, in der schwere politische Verwerfungen bis heute nachwirken.
Die jugoslawischen Kriege Anfang der 90er-Jahre wertet er als eine Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs in Kroatien. Er spricht von verhängnisvollen Fehlern bei der Bewältigung der Jugoslawienkrise und benennt die Verantwortlichen. Es gelingt ihm, die Hintergründe der Balkan-Tragödie deutlich zu machen, zugleich möchte er einseitigen Schuldzuweisungen an Serbien den Boden zu entziehen, indem er Fakten liefert. Schillers Plädoyer: Kroatien muss seine Vergangenheit aufarbeiten und die Europäer dürfen Südosteuropa nicht vergessen. Es braucht gezielte Unterstützung - im Sinne des geeinten Europa. Ein schmaler Band mit viel Substanz.
Célestin Guittard: Auf Pantoffeln durch den Terror
Eichborn Verlag
Der kleine Alltag und das epochale Ereignis ergeben in der Wahrnehmung von Geschichte sehr verschiedene Wirklichkeiten. Wer sich an archäologischen Fundstücken orientiert, wird über Ideologie und Religion einer Gesellschaft nur indirekt Auskunft geben können. Wer hingegen nur die großen philosophischen und religiösen Texte liest, wird den Alltag nicht immer erfassen können. Mit dem Aufstieg der kulturellen Anthropologie - für die unter anderen der Deutsche Franz Boas und der Franzose Claude Lévy Strauss stehen – gibt es den Versuch, beide Denkmuster zusammenzuführen. Vor allem bei der Untersuchung von historischen Umbrüchen hat sich das bewährt.
Eines der großen Ereignisse der europäischen Geschichte, die Französische Revolution, wird zunehmend, gewissermaßen von oben und unten, erfasst. 2007 erschien das saloppe Pariser Tagebuch des württembergischen Gesandten Wilhelm von Wolzogen, kurz darauf das amüsante Journal des letzten Coiffeurs der armen Marie-Antoinette, Léonard Autié. Der jüngste Protagonist nun, der sich dem Alltags-Geschehen jener Zeit widmet, geht in Pantoffeln durch den Terror: Célestin Guittard. Selten wurde ein so friedliches, so banales Paris gezeigt, in dem zugleich unablässig Robespierres Guillotine fällt. Der Autor, ein wahrer Pedant, registriert punktgenau das tosende Ende einer Epoche – und merkt es nicht mal. Auch daran erkennt man die Struktur der Französischen Revolution. Ein Essay von Volker Ullrich bietet die wissenschaftliche Einordnung, ein Register fehlt zwar, aber dafür ist das blau-weiß-rot gebundene Buch ein haptischer und optischer Genuss.
Verlag S.Fischer
Nicht nur in der britischen Presse, auch in der hiesigen wird selten differenziert, wenn es um die Wehrmacht geht - alle Soldaten waren Nazis und die waren alle Deutsche. Punkt. Das ist bequem, aber faktenfern. Offenbar möchte man nur ungern wahrhaben, dass bemerkenswert viele Europäer aus freien Stücken mit den Nationalsozialisten in den Kampf zogen: Finnen, Ungarn, Rumänen, Italiener, Slowaken, Kroaten, Spanier, Franzosen, Belgier, Holländer, Dänen, Norweger, Esten, Letten, Litauer, Polen, Russen, Ukrainer und Kaukasier, die sich freiwillig zur Wehrmacht, oft sogar zur SS gemeldet hatten.
Nicht nur einzelne Soldaten, auch ganze Armeen, darunter die des russischen Generals Wlassow, kämpften als Freiwillige an der Seite der Deutschen. Auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges bestand immerhin ein gutes Drittel der deutschen Armee aus Ausländern. Solche und andere gern verdrängte, aber unabweisbare Tatsachen hat der Militärexperte Rolf-Dieter Müller in einer gut recherchierten Untersuchung erstmals systematisch zusammengestellt, die jetzt auch als Taschenbuch erscheint. Und er meint: Wir sollten uns fragen, ob wir uns nicht bislang eine allzu einseitige Betrachtung des deutsch-sowjetischen Krieges geleistet haben.
Ulrich Schiller: Deutschland und "seine" Kroaten
Donat Verlag
Wenn sich einer mit dem Balkan auskennt, dann ist es Ulrich Schiller. Der Journalist und ehemalige Korrespondent beobachtet seit bald 50 Jahren die dortigen Konflikte, insbesondere den serbisch-kroatischen. Sein Buch beginnt in der Herzegowina, wohin er 1953 als Slawistik-Student reist. Schiller schildert eindrücklich seine Erlebnisse in einer Region, in der schwere politische Verwerfungen bis heute nachwirken.
Die jugoslawischen Kriege Anfang der 90er-Jahre wertet er als eine Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs in Kroatien. Er spricht von verhängnisvollen Fehlern bei der Bewältigung der Jugoslawienkrise und benennt die Verantwortlichen. Es gelingt ihm, die Hintergründe der Balkan-Tragödie deutlich zu machen, zugleich möchte er einseitigen Schuldzuweisungen an Serbien den Boden zu entziehen, indem er Fakten liefert. Schillers Plädoyer: Kroatien muss seine Vergangenheit aufarbeiten und die Europäer dürfen Südosteuropa nicht vergessen. Es braucht gezielte Unterstützung - im Sinne des geeinten Europa. Ein schmaler Band mit viel Substanz.
Célestin Guittard: Auf Pantoffeln durch den Terror
Eichborn Verlag
Der kleine Alltag und das epochale Ereignis ergeben in der Wahrnehmung von Geschichte sehr verschiedene Wirklichkeiten. Wer sich an archäologischen Fundstücken orientiert, wird über Ideologie und Religion einer Gesellschaft nur indirekt Auskunft geben können. Wer hingegen nur die großen philosophischen und religiösen Texte liest, wird den Alltag nicht immer erfassen können. Mit dem Aufstieg der kulturellen Anthropologie - für die unter anderen der Deutsche Franz Boas und der Franzose Claude Lévy Strauss stehen – gibt es den Versuch, beide Denkmuster zusammenzuführen. Vor allem bei der Untersuchung von historischen Umbrüchen hat sich das bewährt.
Eines der großen Ereignisse der europäischen Geschichte, die Französische Revolution, wird zunehmend, gewissermaßen von oben und unten, erfasst. 2007 erschien das saloppe Pariser Tagebuch des württembergischen Gesandten Wilhelm von Wolzogen, kurz darauf das amüsante Journal des letzten Coiffeurs der armen Marie-Antoinette, Léonard Autié. Der jüngste Protagonist nun, der sich dem Alltags-Geschehen jener Zeit widmet, geht in Pantoffeln durch den Terror: Célestin Guittard. Selten wurde ein so friedliches, so banales Paris gezeigt, in dem zugleich unablässig Robespierres Guillotine fällt. Der Autor, ein wahrer Pedant, registriert punktgenau das tosende Ende einer Epoche – und merkt es nicht mal. Auch daran erkennt man die Struktur der Französischen Revolution. Ein Essay von Volker Ullrich bietet die wissenschaftliche Einordnung, ein Register fehlt zwar, aber dafür ist das blau-weiß-rot gebundene Buch ein haptischer und optischer Genuss.
