Kurz und kritisch

Rezensiert von Ernst Rommeney |
Mischa Gabowitsch widmet sich der heutigen russischen Protestkultur und hofft, dass sie einen langen Atem hat. Arthur Koestler reiste schon 1931 in die Sowjetunion und notierte, wie die Revolution die Menschen veränderte. Lena Muchina war ein Teenager, als die Deutschen im Weltkrieg Leningrad aushungerten - sie schrieb Tagebuch im Angesicht des Todes.
Putin sei nicht kaputt, auch nicht sein Regierungsstil, von oben nach unten Russlands Gesellschaft autoritär zu steuern und den Bürger privat gewähren zu lassen, solange er sich nicht öffentlich einmischt. Nicht kaputt, wohl aber irritiert zeigten sich Putin und seine Statthalter entlang der Machtvertikale über den öffentlichen Protest quer durchs ganze Land.

Mischa Gabowitsch spielt auf ein provokant-ironisches Musikvideo an, das mit "Putin kaputt" den Siegesruf über Deutschland "Gitler kaput" abgewandelt hat. Nur vordergründig richte sich der Protest gegen die Person Wladimir Putin. Vielmehr beobachtet der Soziologe und Historiker am Einstein-Forum Potsdam eine Art bürgerlicher Notwehr gegen die Kultur des Zynismus und der Gleichgültigkeit, gegen die Lügen und die Angst.

Und darum seien die jüngsten Wahlfälschungen zu einem emotionalen Weckruf geworden, der die russische Protestkultur verändert habe. Auf einmal hätten sich die vielen lokalen Aktionsbündnisse mit durchaus unterschiedlichen Anliegen selbst bewiesen, dass sie gemeinsam als Netzwerk große Resonanz erzielen könnten.

Nun komme es darauf an, meint der Autor, der selbst in Moskau geboren wurde, ob sie den langen Atem hätten, unter der Elite und in den Institutionen einen Wertewandel einzuleiten. Putin ließe sich zwar zum Schlagabtausch herausfordern, auch Politik und Behörden würden reagieren, jedoch erst einmal vor allem mit Repression.

Buchcover: "Putin kaputt!?" von Mischa Gabowitsch
Buchcover: "Putin kaputt!?" von Mischa Gabowitsch© Suhrkamp Verlag
Mischa Gabowitsch: Putin kaputt!? - Russlands neue Protestkultur
Suhrkamp Verlag Berlin, 438 Seiten, 16,00 Euro


Als Journalist fuhr er 1931 im Luftschiff Zeppelin über die Sowjetunion hinweg in die Arktis und anschließend reiste er durch die Sowjetunion nach Mittelasien. Dazwischen gab Arthur Koestler seinen Job beim Berliner Ullstein-Verlag auf und trat dem Bund Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller bei.

Zuvor hatte der Industriellensohn aus Budapest bereits als Zionist in Israel gelebt, später ging er noch als Berichterstatter in den Spanischen Bürgerkrieg, bevor er angesichts des Staatsterrors Stalins mit dem Kommunismus brach und jenseits der Politik ein geschätzter, nunmehr englischsprachiger Schriftsteller wurde.

Aus der Sowjetunion der dreißiger Jahre brachte er zwölf Reportagen aus Eriwan, Baku, Aschrabat und Buchara mit, in denen er notierte, welchen Erfolg die Revolution im Ringen mit der Tradition erreicht habe – beispielsweise, dass turkmenische Frauen zwar das Wahlrecht besaßen, aber nicht mit ihren Männern am öffentlichen Leben teilnahmen.

Außerdem missfielen ihm die dogmatischen Bräuche einer Gesellschaft, die sich nicht positiv von persisch-arabischer oder islamischer Kultur habe beeinflussen lassen.

Buchcover: "Von weißen Nächten und roten Tagen" von Arthur Koestler
Buchcover: "Von weißen Nächten und roten Tagen" von Arthur Koestler© Promedia Verlag
Arthur Koestler: Von weißen Nächten und roten Tagen - Zwölf Reportagen aus der Sowjetunion
Promedia Verlag Wien, 176 Seiten, 17,90 Euro


Irgendwann konnte Lena Muchina Leningrad nicht mehr ertragen, wollte nur noch evakuiert werden, nur noch raus aus der Stadt, in der sie so viel Leid ertragen musste, zur Vollwaisen wurde und einsam zurückblieb, wo sie das Tagebuch, das sie schrieb, zu ihrem einzigen Freund machte, der überleben und von ihr berichten sollte.

Und diesen Wunsch kann es jetzt erfüllen, da es jetzt übersetzt und als Buch herausgegeben wurde - von Gero Fedtke und Lena Gorelik. Die Schriftstellerin stammt selbst aus St. Petersburg, dem früheren Leningrad, und erinnerte sich beim Lesen an das Schicksal der eigenen Großmutter, welche die Blockade der Stadt von 1941 bis 1944 ebenfalls überlebt hatte.

Von diesem Überleben schreibt auch Lena, vom Kampf gegen Hunger, Kälte und Tod, der sich mischt mit den Liebes- und Schulgeschichten einer 16-Jährigen. Und sie schreibt von ihrem Hass auf den deutschen Feind, dem es zu aufwendig war, Leningrad zu erobern, weshalb er die Stadtbewohner aushungerte und tötete. Das ferne Elend der anderen hinter der Front, das die Deutschen lange Zeit nicht interessiert hat, bringen diese Aufzeichnungen ganz nah.

Buchcover: "Lenas Tagebuch" von Lena Muchina
Buchcover: "Lenas Tagebuch" von Lena Muchina© Graf Verlag
Lena Muchina: Lenas Tagebuch
Übersetzt von Lena Gorelik und Gero Fedtke
Graf Verlag München, 384 Seiten, 18 Euro