Kunstmarkt und Corona

    Neue Wege der Kunstvermittlung

    29:51 Minuten
    Kristian Jarmuschek spricht im Anzug in zwei Mikrofone.
    Kunstmessen werden regionaler werden, sagt Kristian Jarmuschek, Vorsitzender des deutschen Kunsthändlerverbandes. © picture alliance / Horst Galuschka
    Kristian Jarmuschek im Gespräch mit Thorsten Jantschek · 21.08.2021
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    Mit Kunstmessen und einer Auktion versucht der Kunstmarkt in Berlin, verlorenes Terrain zurückerobern. Kunstsammeln funktioniert nicht nur per Mausklick, sondern braucht echte Begegnungen, sagt der Vorsitzende des deutschen Kunsthändlerverbandes.
    Es waren alarmierende Signale, die der "Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler" (BVDG) Mitte des letzten Jahres vermeldete: Eine repräsentative Umfrage unter den 700 in Deutschland professionell arbeitenden Galerien prognostizierte für das Corona-Jahr eine Umsatzeinbuße von 40 Prozent.
    Das hätte den Kunstmarkt in Deutschland mit seinem Umsatzvolumen von 2,2 Milliarden Euro schwer erschüttert, nicht nur die rund 3000 direkt in Galerien Beschäftigten, oder die 14 000 Künstlerinnen und Künstler, die von deutschen Galerien vertreten werden, sondern es hätte auch Auswirkungen auf alle um den Kunstmarkt herumgebauten Gewerke wie Rahmen- und Messebauer oder Transportunternehmen.

    Ein Verlustjahr, aber nicht wie befürchtet

    Ganz so schlimm ist es nicht gekommen, so der Vorsitzende des BVDG, Kristian Jarmuschek. Man sei am Ende mit 20 Prozent Einbußen aus dem Jahr gegangen, in dem es kaum öffentliche Ausstellungen gab. Viele Menschen hätten das Bedürfnis nach Kunst deutlich gespürt und wären direkt auf die Galerien zugekommen. "Man merkte richtig, wie dieser Effekt, man verliebt sich in ein Bild und es muss dann dieses Bild sein, ganz oft passiert ist. Das war die Endjahresstimmung."
    Also alles wieder gut im Kunsthandel? – Nein, sagt Kristian Jarmuschek und konstatiert zum Beispiel für den Kunstmarkt der Hauptstadt, der etwa 40 Prozent des Volumens in Deutschland ausmacht, aber wesentlich von internationalen Kunstsammlern abhängig ist, einen Strukturwandel.
    Sicher, es werde weiter die großen Kunstmessen wie die Art Basel geben, aber Messen – so erwartet der Galerist – werden insgesamt regionaler werden, weil Messen auch unabhängig von der Pandemie unter Druck geraten sind.

    Mit der Straßenbahn zur Messe

    "Das mag international nicht fancy klingen", so Jarmuschek, "aber in der heutigen Zeit ist das total gut, dass es eben nicht die Frage einer Flugreise ist, um auf die Art Cologne oder auf die Art Karlsruhe zu gehen, sondern da ist die Entscheidung: Setze ich mich in die Straßenbahn oder laufe ich mal zur Messe rüber?"
    Und – so der Kunsthändler, der gerade einen Stand auf der derzeit stattfindenden kleinen Berliner Messe "paper positions" gemietet hat – kleinere Messeformate bieten die Möglichkeiten, sich zu spezialisieren. "So etwas wie die "paper position" ist ein relativ kleines Format, eher ein Salonformat, maximal 40 TeilnehmerInnen. Da ist die Möglichkeit, dass man daraus eine Art Besuchsformat macht. Das heißt, dass eine Messe an einen Ort kommt und die Galerien einlädt, mit ihnen und vielleicht noch ein paar Gastgalerien dort ein bestimmtes Thema, zum Beispiel das Thema "Kunst auf, durch und in Papier" zu realisieren.
    Dem in der Coronazeit zu beobachtenden Trend, den Handel ins Internet zu verlagern, steht Jarumschek skeptisch gegenüber. "Ich rede gerne über Digitalisierung. Nur das, was ich im Moment sehe, funktioniert nicht." 15 Prozent des Umsatzes werde durch Verkäufe im Internet erzielt, weist die "Galerienstudie 2020" vom Institut für Strategieentwicklung aus, Tendenz steigend.

    Wird der Kunsthandel digital?

    "Zukunft braucht Nachwuchs", konstatiert Jarmuschek: "Was die Digitalplattformen alle nicht tun, was auch die Spannung zwischen Galerien und Auktionshäusern war, ist, den künstlerischen Nachwuchs zu fördern. Das Problem an diesen Digitalplattformen ist, dass es den Suchbegriff 'unbekannter verheißungsvoller Künstler/ Künstlerin' nicht gibt."
    Nur fünf bis acht Prozent der in Deutschland lebenden und arbeitenden bildenden Künstlerinnen und Künstler werden von einer Galerie vertreten und so im Kunstmarkt etabliert und aufgebaut. Durch das analoge Geschäft, Ausstellungen zu machen und nicht Viewing Rooms zu gestalten, sondern Kunstbetrachtern ein sinnliches und kommunikatives Erlebnis zu ermöglichen, übernehmen die Galerien bislang eine für das Kunstsystem insgesamt wichtige Filterfunktion.

    "Direkte Auktion" für Künstler

    Diese Funktion sieht der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler auch nicht bedroht, wenn jetzt – wie zum zweiten Mal in Berlin – eine sogenannte "Direkte Auktion" stattfindet, bei der die Organisatoren rund um den Initiator Holm Friebe Kuratorenteams direkt in die Ateliers schicken und für viele Künstler – egal, ob die von Galerien vertreten werden oder nicht – einen Zugang zum Kunstmarkt stiften. Zum Sekundärmarkt der Auktionshäuser, wo normalerweise Sammlerinnen an Sammler verkaufen. Hier jedoch profitieren vor allem die Künstlerinnen und Künstler selbst. Wobei die Galerien und Kunsthändler offenbar keine Rolle spielen.
    "Ich würde schon sagen", so Jarmuschek, "eine solche Auffächerung bedroht den galeristischen Kunstmarkt in keiner Weise. Es ist nur gut, wenn mehr Künstler von ihrer Kunst leben können und ich eben auch mehr Künstlerinnen und Künstler vielleicht durch diese Aktion entdecken kann. Dann sage ich: Super. Danke Holm, dass du diese Initiative hattest."
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