Donnerstag, 29.10.2020
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 22.02.2019

Kunsthistoriker über bedrohte Künstlerquartiere"Historisch ein altes Problem"

Wolfgang Ruppert im Gespräch mit Dieter Kassel

Beitrag hören Podcast abonnieren
In Berlin-charlottenburg protestiert das Künstlerkollektiv Reflektor gegen Gentrifizierung. Lebensgroße, weiß angemalte Figuren erzählen Geschichten von Menschen, die wegen steigender Mieten ihre Wohnungen verlassen mussten. (imago stock&people)
Kunstaktion "Die Verdrängten gegen Gentrifizierung" des Künstlerkollektivs Reflektor am Berliner Kurfürstendamm. (imago stock&people)

Wo die Mieten steigen, müssen Künstler oft aus Vierteln wegziehen, die sie erst attraktiv gemacht haben. Das wird als eine Folge der Gentrifizierung gesehen. Doch das Ganze habe zwei Seiten, gibt der Kulturhistoriker Wolfgang Ruppert zu bedenken.

Ob Hamburg-Altona, Köln-Ehrenfeld oder Berlin-Wedding: Künstlerkollektive sehen sich bedroht, weil sie sich die teils horrenden Mieten in den ehemals günstigen Stadtvierteln nicht mehr leisten können. Diese Entwicklung, die besonders seit den 80er-Jahren zu beobachten sei als ehemalige Fabrikgebäude neu verwendet wurden, sei historisch ein altes Problem und habe zwei Seiten, erklärt Kulturhistoriker Wolfgang Ruppert im Deutschlandfunk Kultur:

"Das nahmen manche Projektentwickler als Chance, das Grundstück, die Immobilie aufzuwerten und zu anderen Preisen zu verkaufen. Aber andererseits ist es für ein Jahrzehnt oder für eine bestimmte Zeit auch eine Chance, auf einem solchen Gelände etwas machen zu können, wozu es sonst keinen öffentlichen Raum gibt."

Künstler brauchen besondere soziale Räume

Auf diese Weise würden die Künstler allerdings auch selbst ihre Quartiere aufwerten - ein Prozess, der "immanent im Kapitalismus angelegt" sei, wie der Professor an der Berliner Universität der Künste es ausdrückt. Historisch gesehen sei das ein altes Problem. So habe München-Schwabing um 1900 herum einen besonderen Ruf entwickelt, weil es die Szene für die damalige Moderne-Bewegung war. Grundsätzlich brauchten Künstler besondere soziale Räume, um Kreativität entwickeln zu können, sagt Ruppert: eine Gemeinschaft - und die Konzentration des Einzelnen auf ein Werk. 

(bth) 

Wolfgang Ruppert: "Künstler!: Kreativität zwischen Mythos, Habitus und Profession"
Böhlau Köln Verlag, 2018, 38 Euro

Mehr zum Thema

Christian Arndt: "Electronic Germany" - "Frankfurt war die erste Techno-Hauptstadt"
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 12.02.2019)

Kluft zwischen Arm und Reich - Der Wunsch nach einem gerechteren Deutschland
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 04.02.2019)

Praga in Warschau - Szeneviertel mit Charme und sozialen Kontrasten
(Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 14.10.2018)

Interview

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur