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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 21.02.2018

KunstgeschichteNeuer Blick auf Kunst im Kalten Krieg

Von Natalie Kreisz

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Ein Teil des Wandmosaiks "Produktion im Frieden" aus dem Jahr 1965 von Walter Womacka. Es wurde 2013 in der Lindenallee im Zentrum von Eisenhüttenstadt (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)
Ein Beispiel für sozialistischen Realismus: Ausschnitt aus dem Wandmosaik "Produktion im Frieden" von 1965 von Walter Womacka in Eisenhüttenstadt (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)

Kosmopolitische Moderne oder sozialistischer Realismus? Es gab mehr als diese beiden Lager in der Nachkriegskunst der 40er- und 50er-Jahre. Ein Tübinger Forschungsprojekt zeigt: Die Situation nach der "Stunde Null" ist viel offener gewesen.

"Der Kalte Krieg hat die Künste in hohem Maße funktionalisiert, indem Oppositionen aufgebaut worden sind, die dann sehr, sehr stark vereinfacht haben. Kunst auf stilistische Aspekte zu reduzieren ist natürlich eine sehr arme Kunstgeschichte, die dann auch gar nicht an die Fragestellung herankommt, was kann Kunst? Warum hat sie so eine wichtige Rolle in der Gesellschaft? Und sie basiert auf falschen Voraussetzungen, weil es überhaupt nicht abdeckt, was an künstlerischer Praxis existierte."

... sagt die Tübinger Kunsthistorikerin Barbara Lange.

"Die Idee, die hinter dem Forschungsprojekt 'Europa nach dem Krieg, das Potential der Künste in den 1940er und 1950er-Jahren' steht, war, dass wir momentan Gefahr laufen, dass wir ein kulturelles Erbe aus dieser Zeit aus dem Blick verlieren. Dass wir eine Diskussion brauchen: Woran wollen wir uns erinnern?" 

Eklat auf dem Architekten-Kongress

1949 gab es auf dem internationalen Kongress der modernen Architektur im italienischen Bergamo einen Eklat, der die Verengung des Blicks auf die Denkmuster des Kalten Krieges markiert.

Die polnische Architektin Helena Syrkus, die bis dahin als Verfechterin einer kosmopolitischen Moderne aufgetreten war, schwor dieser plötzlich ab und vertrat einen sozialistischen Realismus. Damit löste sie einen Spaltungsprozess unter den Architekten aus, der der Frontenbildung des Kalten Kriegs entsprach. Dabei waren die unterschiedlichen Positionen der Architekten eigentlich nicht in zwei Lager zu teilen. Viele westliche Architekten befürworteten Ideen, die die sozialistischen Realisten für sich reklamierten und nahmen sie in ihre Entwürfe auf – als Weiterentwicklung der Moderne unter den Umständen der europaweiten Zerstörung durch den Krieg. Die Aufteilung in zwei Lager hat nicht nur das politische Denken, sondern auch den intellektuellen Rahmen für Architektur und Kunst verengt. Die Situation war eigentlich offener und komplexer angesichts der Notwendigkeiten nach der sogenannten "Stunde Null" 1945. 

Das Materielle stand im Vordergrund

"Stunde null heißt: Wir wenden uns anderen Dingen zu, wir bauen eine neue Gesellschaft auf, wir reparieren die Häuser, die kriegen wieder Fensterscheiben und die Heizung läuft usw. Das ganze Materielle steht im Vordergrund." 

... sagt Christian Fuhrmeister vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. Eine neue Gesellschaft aufbauen: das war die Losung der SED für die DDR, aber: auch im Westen Deutschlands war die radikale Abkehr von den Vorgaben der NS-Vergangenheit notwendig.

Christian Fuhrmeister: "Wenn man das zusammennimmt, was 1945 passiert, dann werden die Vorzeichen gewechselt. Das, was vorher im Nationalsozialismus als gut, richtig, wichtig und teuer galt, ist auf einmal wertlos. Das was diffamiert und als entartet klassifiziert wurde, ist auf einmal wertvoll. Das Bezugssystem, 'the frame of reference', bleibt bestehen, nur die Vorzeichen werden umgeändert. Und diese Umänderung hat eigentlich bis heute unser Wertesystem geprägt. Weswegen die ungeheure moralische Aufladung der Kunst nach `45 nur eigentlich erklärbar ist, weil die Künstler und die Kunst steht für das andere, für das bessere Deutschland. Und diese Bedeutungszuweisung an die moderne Kunst ist sozusagen in der genetischen Disposition der jungen Bundesrepublik angelegt und läuft bis heute fort." 

Wobei die Umpolung der künstlerischen Ausrichtung in den Institutionen der Bundesrepublik zum Teil durch dieselben Leute geleitet wurde, die zuvor die NS-Ideologie vertreten hatten. In dieser Situation vereinfachte der Ost-West-Konflikt mit seiner moralischen Aufladung die eigene Orientierung.

Die alten Experten waren auch die neuen 

Christian Fuhrmeister: "Wir haben gleichzeitig viele Prozesse und Entwicklungen, wo die früheren Experten auch gleichzeitig wieder die neuen Experten sind. Jemand wie Ernst Buchner, der Direktor der Bayerischen Gemäldesammlung '33 – '45 war. Was passiert mit dem in den 1950er-Jahren? Er wird wieder Direktor der Gemäldesammlung '53 – '57, viele, viele Beispiele. Die Beschäftigung mit der Moderne ist für die deutschen Kunsthistoriker sich selbst rückwirkend auch noch einmal zu entlasten, weil man damit eine Distanz zum NS markiert, die man während des NS nicht hatte. Aber in den 50er-Jahren ist man in der breiten Strömung und allerseits gibt es nur Zuspruch und Unterstützung."

Mehr als anderswo in Europa führte in der Bundesrepublik der Kalte Krieg dazu, dass auch das künstlerische Schaffen im Osten ignoriert wurde – mit der Konsequenz, dass sich die deutsche Kunstgeschichte vieles hat entgehen lassen.

Die eigene Perspektive reflektieren

Liliana Kolesnik: "I can understand the problem of the collegues from Germany ... the problem that they didn't know anything about art in the East. We on the contrary knew everything about art in the West, in Germany as well." 

Liliana Kolesnik, Kunsthistorikerin vom Institute of Art History in Zagreb, zeigt Verständnis für die Kolleginnen aus Deutschland, die sich mit der Kunst im sogenannten "Ostblock" wenig befasst haben, wohingegen man beispielsweise im ehemaligen Jugoslawien alles verfolgt habe und in regem Austausch stand mit dem, was sich im Rest der Welt entwickelte.

Heute ist es eine Aufgabe für die Kunstgeschichte, die Verengung der Wahrnehmung im Kalten Krieg zu überwinden, resümiert Barbara Lange:

"Ich bin auf jeden Fall noch einmal aufmerksamer geworden, dass wir mit der Praxis der Kunstgeschichte, also der wissenschaftlichen Betrachtung, Selektionen vornehmen. Also wir legen generelle Strukturen an. Und jetzt hier bei der Tagung ist mir aufgefallen, wie sehr wir momentan die Rolle des Sozialismus aus dem Blick verlieren, der einfach ein historisches Faktum gewesen ist. Also wir haben nicht mehr nur das bürgerliche Verständnis von Kunst. Kunst findet auch nicht nur statt im Kunstmuseum und in der Ausstellung, sondern Kunst findet jetzt auf einmal auch statt auf dem Jugendfestival und bei der Arbeiterbrigade in der Kantine. Und da ist natürlich ein ganz anderer Kontext aufgemacht, sowohl was die Arbeiten und Lebensrealitäten angeht." 

Das bedeutet nicht, dass die Kunst überall frei gewesen wäre, schon gar nicht im sowjetischen Einflussbereich oder in den Nachkriegsdiktaturen Westeuropas. Ein Kunstwerk kann indes völlig gegensätzlichen Argumentationen dienen. Darum ist es wichtig, die Kunstschaffenden in ihren historischen Bedingungen zu erforschen und die eigene Perspektive darauf zu reflektieren. Das ist vielleicht der wichtigste Impuls in den Debatten der Kunsthistoriker der letzten Jahre: Perspektivwechsel und Selbstreflexion ermöglichen eine andere Sicht nicht nur auf künstlerisches Schaffen im Kalten Krieg.

Barbara Lange: "Also wir reden in der Kunstgeschichte im vergangenen Jahrzehnt sehr viel darüber, dass wir die Kunstgeschichte der Welt im Blick haben müssen, dass es nicht nur Kunst in Europa und Nord-Amerika gegeben hat, und das ist auch gut so, dass wir da diese Weitung haben. Aber wir müssen gleichzeitig auch gucken, was hat das für Konsequenzen für die Betrachtung von Europa."

Europa neu verorten – auch da geht es um die Erweiterung des Blicks auf das künstlerische Schaffen weltweit, das man nicht einfach durch die alte postkoloniale Brille betrachten kann.

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