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Studio 9 | Beitrag vom 07.04.2020

Kunst in der QuarantäneChagall und Klimt im Wohnzimmer nachbauen

Von Magdalena Neubig

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Screenshot des Instagram Profils von tussenkunstenquarantaine. (Screenshot: Instagram / tussenkunstenquarantaine)
Mit erkennbarem Spaß haben Follower der Niederländerin Anneloes Officer berühmte Kunstwerke nachgestellt. (Screenshot: Instagram / tussenkunstenquarantaine)

Langeweile in der Coronakrise treibt die Follower der Niederländerin Anneloes Officer auf Instagram zu kreativer Höchstform. Sie stellen Kunstwerke von van Gogh oder Vermeer zu Hause nach - mit Wischtüchern, Klopapier und anderen Accessoires.

Das erste Foto, was Anneloes Officer auf ihrem Instagram-Account gepostet hat, ist eine Adaption des Gemäldes "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" des niederländischen Malers Jan Vermeer.

Statt des blauen Turbans auf dem Original trägt die 31-jährige Niederländerin ein Küchentuch um den Kopf. Anstelle des braunen Mantels hat sie sich ein Platzdeckchen über die Schulter gelegt. Und den Perlohrring hat sie durch eine Knoblauchknolle ersetzt.

Eine Idee geht viral

Ein Zeitvertreib für sich und ihre Freunde im Homeoffice: "Man ist zu Hause. Jeden Tag, innerhalb der gleichen vier Wände, mit den gleichen Leuten. Da möchte man doch einfach irgendetwas machen. Etwas, das Spaß macht. Für manche Menschen ist die Situation zurzeit sehr hart. Wo kann man also etwas Leichtigkeit finden?"

Coronavirus-NewsletterDiese Leichtigkeit in der Kunst zu suchen, diese Idee fand in der Coronakrise schnell viele Nachahmer. Inzwischen folgen dem "Zwischen Kunst und Quarantäne"-Channel (tussenkunstenquarantaine) mehr als 140 000 Menschen.

Am beliebtesten: Frida Kahlo und van Gogh

Hunderte neue Bilder bekommt Officier jeden Tag, die Besten davon veröffentlicht sie auf ihrem Account – zusammen mit dem Original.

Es finden sich dort unter anderem kreative Kopien von Werken von Piet Mondrian, Gustav Klimt oder auch Caspar David Friedrich. Der berühmte "Wanderer über dem Nebelmeer" schaut nun allerdings nicht mehr versonnen über Nebelschwaden, sondern steht stattdessen staatsmännisch auf einer Balkonbrüstung und schaut über die Dächer einer Stadt.

"Frida Kahlo ist am beliebtesten. Und Männer mögen vor allem Porträts von van Gogh", erzählt Anneloes Officier.

Eine, die ebenfalls schon ein Gemälde von Frida Kahlo nachgestellt hat, ist Kat Dietl. Die Österreicherin lebt in Berlin und gehört zu den Menschen, die ihren Job leider nicht so ohne Weiteres von zu Hause aus machen können.

"Ich arbeite gerade gar nicht, weil ich Filmschaffende bin", erzählt sie. "Also ich bin Regieassistenz, mein Projekt wurde abgebrochen und so wie alle anderen warte ich darauf, was jetzt eigentlich passiert in nächster Zeit. Und ich werde auch definitiv im April nicht arbeiten können. Und dadurch wollte ich meine kreative Energie natürlich trotzdem nutzen und nicht nur gelangweilt in der Wohnung rumsitzen. Und ja, jetzt mache ich das."

Tag für Tag ein anderes Kunstwerk nachstellen

Jeden Tag stellt sie ein Kunstwerk nach und versucht dabei zwischen verschiedenen Stilrichtungen und Kunstepochen zu variieren.

Solche Fans gibt es inzwischen auf der ganzen Welt. Spätestens seitdem auch Museen wie das Louvre in Paris oder das New Yorker Metropolitan Museum auf die Aktion aufmerksam gemacht haben.

Anneloes Officer ist vom Erfolg ihres Accounts immer noch sehr überrascht. "Es ist verrückt, wie das Menschen auf der ganzen Welt verbindet. Wirklich jeder kann mitmachen. Das sollte auch die Botschaft sein: Es muss nicht schön aussehen. Du musst kein Fotograf sein. Du musst noch nicht mal etwas von Kunst verstehen. Genieße einfach die Zeit zu Hause so gut wie möglich."

Krise als Chance für die Kunst

Regieassistentin Kat Dietl geht in normalen Zeiten gerne ins Museum. Sie hofft, dass in der gegenwärtigen Krise auch andere Menschen wieder mehr zur Kunst finden.

"Ich glaube, dass die Krise auch eine kleine Chance für die Kunst sein kann", sagt sie. "Also ich hoffe es. Ich will es zumindest glauben. Dass man eben jetzt auch mehr von Kunst mitbekommt. Es gibt viele Museen, die virtuelle Führungen anbieten. Man kriegt Gratiskonzerte von Künstlern aus dem Homeoffice. Es gibt die Möglichkeit, recht einfach Zugang zu haben zu Kunst in verschiedenster Form. Und ich hoffe, dass das dann auch so bleibt, wenn die Krise vorbei ist. Wenn die Theater und Museen und Opernhäuser wieder aufmachen. Dass dann wieder mehr konsumiert wird. Das ist meine Hoffnung so ein bisschen."

Für den Moment ist der Instagram-Account vor allem gute Unterhaltung und lenkt ab von den schlechten Nachrichten in der Welt außerhalb der eigenen vier Wände, sagt Anneloes Officer:

"Menschen schicken mir supernette Nachrichten und schreiben mir, wie sehr ihnen die Bilder gefallen und dass sie ein wenig lachen konnten nach einem harten Tag und deshalb sehr dankbar sind. Dabei war das ja ursprünglich nur so eine Spaßidee in unserer WG. Aber dass es die Leute richtig zum Lachen bringt, gefällt mir natürlich sehr."

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