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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.04.2014

KunstHumanist und Rebell

Eine Schau zum Lebenswerk Oskar Kokoschkas in Wolfsburg

Von Volkhard App

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Oskar Kokoschka: "Dresden Neustadt VII", 1922Hamburger Kunsthalle, Geschenk der Firma H. F. und Ph. F. ReemtsmaFondation Oskar Kokoschka / VG Bild-Kunst, Bonn 2009  (bpk / Hamburger Kunsthalle / Elke Walford)
Oskar Kokoschka: "Dresden Neustadt VII", 1922 (bpk / Hamburger Kunsthalle / Elke Walford)

Welche Stränge der Kunstgeschichte das Kunstmuseum Wolfsburg verfolgt, illustriert jetzt eine Schau mit Arbeiten Oskar Kokoschkas. Mit rund 150 Arbeiten und vielen Dokumenten illustriert das Haus die Entwicklung seiner Porträt-Malerei.

Einen "Seelenaufschlitzer" nannte der Schriftsteller Albert Ehrenstein den Maler Oskar Kokoschka. Walter Hasenclever wiederum teilte mit, er bemühe sich noch immer, seinem vor 14 Jahren entstandenen Porträt ähnlich zu werden. "Nervenirrsinnig - so bezeichnete Kokoschka selber seine expressiven Bildnisse.

Mit heftigen Pinselstrichen und grob gemalten Flächen versuchte er, die menschliche Natur vor Augen zu führen. Ein gespenstisch entrückt wirkender Karl Kraus mit ausladender Geste entstand da neben einem vergeistigten, jedoch energisch auftretenden Herwarth Walden.

Sich akkurat an die Oberfläche der Wirklichkeit zu halten, genügte gerade im Zeitalter von Freud und Einstein nicht mehr. Beatrice von Bormann, die Gastkuratorin:

"Nein, Kokoschka schuf ein inneres Bild des Menschen, eine Art Erinnerungsbild, wie er sagte. Es ging ihm nicht um die äußere Ähnlichkeit, sondern darum, auch die seelischen Abgründe des Menschen darzustellen."

Als Humanist, der nach dem Menschlichen suchte, und als Rebell wird Kokoschka im Titel der opulenten Ausstellung ausgewiesen. Ein Rebell war er vor allem künstlerisch:

"Kokoschka war Rebell, weil er sich immer gegen die Kunstmoden seiner Zeit gestemmt hat. Das gilt sowohl für die Anfänge, als er sich gegen den Jugendstil gerichtet hat, als auch für seine Spätzeit, als er figurativ gemalt hat, obwohl die abstrakte Kunst schon sehr beliebt war. Auch Humanist war Kokoschka von Anfang an: er hat sich immer wieder engagiert, sein Honorar für gute Zwecke gespendet, hat Bilder zur Politik und zu den Ereignissen seiner Zeit geschaffen und z.B. schon vor dem Ersten Weltkrieg Arbeiterkinder gemalt. Das spielt also in seinem ganzen Werk eine Rolle."

Der Besucher wird chronologisch in das Ouevre eingeführt, sieht sich bald aber thematisch geprägten Räumen gegenüber. Der unglücklichen Liebe zu Alma Mahler ist eines dieser Kabinette gewidmet - mit einem der höchst seltenen Doppelporträts Kokoschka-Mahler.

Vielfältige Inspirationen

Gesondert gezeigt werden auch die Kinderporträts: 1914 malte der Künstler hoffnungslose Proletarierkinder in fahlen Farben, dann hellte sich seine Palette spürbar auf. Die späten Kinderbilder aus den siebziger Jahren sind dann im Strich geradezu entfesselt, die Farben schreien: die "jungen Wilden" hatten an diesem Altmeister ihre Freude.

Kokoschka, das will uns diese Schau mitteilen, hat sich mit seinen Porträts immer wieder neu erfunden. Stellen frühe Bilder noch eine Gemengelage aus wüsten Flächen, spontanen Pinselstrichen und aus Kratzspuren dar, so sind andere Werke buntscheckig aus leuchtenden Farbpartien zusammengesetzt. Vielfältig waren auch Kokoschkas Inspirationsquellen:

Von Johann Sebastian Bach ließ er sich anregen, von Beethoven und von Mozart. Allegorisch verdichtet ist diese Leidenschaft auf dem farbstarken, 1920 geschaffenen Gemälde "Die Macht der Musik".

Ganz vom Zeitgeschehen bestimmt sind dagegen die Porträts der Großen und Mächtigen. So brachte der Exilant Kokoschka in den frühen vierziger Jahren den sowjetischen Botschafter in London auf die Leinwand, im Hintergrund ein Globus und eine schemenhafte Lenin-Figur. Kurze Zeit hatte der Maler auch mit dem Gedanken gespielt, Stalin zu porträtieren:

"Es ging ihm vielleicht auch darum, als großer Porträtist dazustehen. Da war auch ein Stück Selbstherrlichkeit mit dabei. Das war kein reiner Idealismus."

Das wohl berühmteste Politikerporträt - mit dem unverwüstlichen Adenauer - hängt allerdings nicht in Wolfsburg, sondern bei Frau Merkel im Büro.

Vielleicht am überraschendsten im Kontext dieser Ausstellung sind die vielen Tierbildnisse des Künstlers. Henning Schaper, Interimsdirektor des Wolfsburger Kunstmuseums:

"Wenn man genau schaut, mag man erkennen, dass er auch versucht hat, den Gemütszustand der Tiere in den Porträts darzustellen - genauso, wie er versucht hat, die Seele eines Menschen zu zeigen. Bei einem Affenporträt hat er sehr lange vor dem Käfig gesessen, hat tagelang beobachtet und dann versucht, die Seele dieses Affen wiederzugeben."

Ein Specht plustert sich auf, als wäre er ein Adler, Riesen-Schildkröten erobern als urzeitliche Monstren die Bildfläche, Katzen erscheinen als gefährliche Räuber.

Lange schon hat keine Kokoschka-Präsentation mehr eine solche Fülle und Vielfalt an Werken geboten, mit einer Zeitspanne von 1905 - 77. Manches wurde noch nie gezeigt, anderes höchst selten. Soll man da wirklich auf einzelne Werke verweisen, die man vermisst - wie das Selbstbildnis als "entarteter Künstler" von 1937? Vertreten ist das letzte Selbstporträt von 1971/72: eine dunkle Gestalt öffnet dem Künstler die Tür ins Jenseits. Diese Ausstellung ist zweifellos ein Höhepunkt in der 20-jährigen Geschichte des Wolfsburger Kunstmuseums.

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