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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.12.2015

"Kunst der Gastlichkeit" von Erwin SeitzDieses Buch ist nichts für Vegetarier

Von Hannah Bethke

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Festtagsessen: Gebratene Pute zum vierten Advent (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)
Erwin Seitz kritisiert den Fitnesswahn und kann Verzicht und Askese wenig abgewinnen. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)

Gastlichkeit, Genuss und gutes Essen - davon erzählt Erwin Seitz in dieser Kulturgeschichte. Der Autor erweist sich als wahrer Connaisseur, der für den heutigen Zeitgeist, wie etwa den Verzicht auf Fleisch, wenig übrig hat.

Wenn sich die Festtage nähern, wird viel und gerne über gutes Essen gesprochen. Zu Weihnachten wird nachgeholt, wofür im Alltag keine Zeit und Muße bleibt: Ein aufwendiges Festmahl wird vorbereitet, der Tisch gedeckt, Gäste geladen. Doch was hat es mit dieser Art von Gastlichkeit eigentlich auf sich? Warum mögen wir das so gerne? Der Gastronomiekritiker Erwin Seitz findet darauf eine klare Antwort: Gastlichkeit sei "ein Laboratorium des Guten und Menschlichen". "Gast wie Gastgeber", erfahren wir von ihm, "erleben wonnige Momente, Freimütigkeit, Geborgenheit. Jeder fühlt sich irgendwie verwandelt und kann sagen: Hier darf ich Mensch sein." Obgleich Seitz darin eine anthropologische Dimension erkennt, die sich nicht auf eine bestimmte Nation beschränkt, interessiert ihn vor allem die deutsche Kulturgeschichte der Gastlichkeit, die er mit einer "Lehre von gutem Essen und Trinken" zu verbinden sucht.

Seitz holt dabei weit aus: Von der Steinzeit bis heute findet er reichlich Material, an dem sich eindrücklich die Gepflogenheiten der Gastlichkeit und Rituale des Essens ablesen lassen. Bereits mit der Erfindung des Feuers entstanden Sitten, denen der Autor viel abgewinnen kann: Gastmahle, Feste, Tanz, Vergnügen, Luxus, Muße, Rausch. Für Seitz drückt sich darin eine Lebensbejahung aus, mehr noch: ein "gesteigertes Menschsein", eine Kultivierung "menschlicher Selbstachtung und Würde".

Hier schreibt ein Gourmet

Er erzählt von den wachsenden Möglichkeiten der Essenszubereitung und den Wandlungen der Essgewohnheiten, von den Bräuchen der Germanen und Kelten – die zum Beispiel auch schon Bratwurst und Bier gekannt haben sollen – und den Einflüssen der Römer und Griechen, von Stadtgeschichten und deutscher Gemütlichkeit, von geschmückten Speisesälen, Staatsbanketts und Fürstenherbergen, vom gedeckten Tisch und von den Regeln des Tischgesprächs.

Die ausführlichen Beschreibungen der unendlichen Vielfalt an Speisen und Gerichten, ihrer Zubereitung und vor allem der damit verknüpften komplexen Sensorik des Geschmacks gehören zu den Glanzstücken des Buches. Hier schreibt ein Gourmet, ein "Connaisseur" und Genießer, dessen Huldigungen der Gastlichkeit amüsieren und erfreuen. Und so überrascht es auch kaum, dass Seitz für eine freiwillige Haltung des Verzichts und der Askese nicht viel übrig hat. Diese Haltung glaubt er vor allem im Protestantismus vorzufinden, dem er stark genuss- und lebensfeindliche Züge unterstellt. Dabei allerdings vergaloppiert sich Seitz mitunter, auch durch seine scharfe Kritik an Martin Luther, die theologisch ebenso unhaltbar wie argumentativ einseitig ist.

Erwin Seitz vermisst das Rausch- und Sündhafte

Zwar spart Seitz auch nicht mit Kritik am heutigen Zeitgeist, in dem er Muße, Entschleunigung, "das Rausch- und Sündhafte" vermisst. Die Schattenseiten eines Luxuslebens im Überfluss, wie es die westlichen Gesellschaften ja trotz ihres von Seitz bemängelten Fitness- und Rationalitätswahns führen, finden in seiner Darstellung jedoch kaum Berücksichtigung. Dass die Ressourcen in dieser Welt begrenzt sind und es dringende Gründe für den Verzicht gibt, die mit Genussfeindlichkeit gar nichts zu tun haben, blendet Seitz in seiner Ablehnung der (protestantisch geprägten) "Moralisten" aus.

Doch auch wenn sein Buch wohl eher nichts für Vegetarier ist und bei Protestanten einen schweren Stand haben dürfte, gelingt es Seitz über diese Grenzen hinaus, dem Leser die magischen Dimensionen der Gastlichkeit und ihrer Bedeutung für das menschliche Miteinander zu vermitteln. Gelungene Gastlichkeit, so ist von Seitz zu lernen, bringt "nichts Geringeres fertig, als aus dem Fremden oder Feind einen Freund zu machen". Eine wichtigere Botschaft kann es für die heutige Zeit wohl kaum geben.

Erwin Seitz: Kunst der Gastlichkeit
22 Anregungen aus der deutschen Geschichte und Gegenwart
Insel Verlag, Berlin 2015
251 Seiten, 22,95 Euro

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