Kunst, Schweiß und Pohoda

In diesem Jahr sind Oulu und Trenčín die europäischen Kulturhauptstädte. In Finnland steht unter anderem das einzige indigene Volk auf dem Gebiet der EU im Mittelpunkt, in der Slowakei will man Neugier wecken und setzt auf Burgen.
In Oulu wirkt manches skurril: etwa die jährlich stattfindende Luftgitarren-Weltmeisterschaft oder der Männerchor „Mieskuoro Huutajat“, dessen Mitglieder nicht singen, sondern schreien. Dagegen erscheinen die vielen Saunen in der nördlichsten Großstadt der EU schon fast langweilig.
Inhalt
Ebenso entspannt wie beim finnischen Schwitzen geht es in Trenčín zu. „Pohoda“, das slowakische Wort für Wohlbefinden, ist nicht nur der Name eines Festivals, sondern beschreibt auch das Lebensgefühl in der 56.000-Einwohner-Stadt. Oulu und Trenčín sind die neuen europäischen Kulturhauptstädte - im vergangenen Jahr waren es Chemnitz sowie Nova Gorica/Gorizia.
Was zeichnet Trenčín aus?
Trenčín ist eine grüne Stadt am Ufer der Waag, überragt von einer Burg auf einem Berg. Sie wurde im 11. Jahrhundert erstmals erwähnt, als ein steinernes Gebäude auf dem Felsen errichtet wurde. Später widerstand die Burg den Mongolen. Im 14. Jahrhundert erreichte die Festung ihre heutige Größe.
Die Burg ist nicht nur ein Wahrzeichen, sondern auch ein Ort für kulturelle Veranstaltungen. Heute ist Trenčín nicht mehr nur Festungsstadt: Rüstungsunternehmen prägen die Industrie und sorgen für Steuereinnahmen und Arbeitsplätze.
Das slowakische Heer hat seinen Hauptsitz in Trenčín. Es besitzt das „Haus der Armee“ im Stadtzentrum, einen Koloss aus sozialistischer Zeit, der als Kulturhaus der Streitkräfte konzipiert wurde. Dort tritt regelmäßig das Stadttheater auf.
Während des Realsozialismus waren neben dem Militär auch die Textil- und Modeindustrie wichtige Wirtschaftszweige. Heute setzt die Stadt auf Kultur und Weltoffenheit. Dazu trägt der parteilose Bürgermeister Richard Rybníček bei, der seit 15 Jahren regiert und die Idee der Kulturhauptstadt vorangetrieben hat.
Was bietet Trenčín 2026?
Das Motto des Kulturhauptstadtjahres 2026 in Trenčín lautet „Cultivating Curiosity“ – Neugier wecken. Ungenutzte Räume sollen belebt werden. Ein Beispiel ist die „Fiesta-Brücke“: Die stillgelegte Eisenbahnbrücke über der Waag wird für zehn Millionen Euro zu einer modernen Kulturstätte mit Ateliers und Veranstaltungsräumen umgebaut.
Ein weiterer zentraler Ort ist das umgestaltete ehemalige Kino „Stern“, und in der renovierten Synagoge wird das jüdische Erbe der Stadt wieder sichtbar. Ein Lichtkunstfestival betont den modernen Anspruch. Auch die ikonische Burg von Trenčín sowie zahlreiche Burgen in der Region werden Schauplätze des Kulturhauptstadtjahres.
Man erhoffe sich eine Transformation der Region, sagt Stanislav Krajči, Direktor des Kulturhauptstadtjahres und Leiter des eigens gegründeten Kreativ Instituts Trenčín. Bei den Projekten geht es vor allem um Nachbarschaft und Nachhaltigkeit. Die lokale Bevölkerung soll aktiv teilnehmen. Geplant sind monatliche Schwerpunkte. Internationale Stars werden indes nicht eingeflogen.
Auf dem Gelände des ehemaligen Militärflughafens findet das „Pohoda“, das größte Musikfestival des Landes, statt. Auch in diesem Jahr werden Tausende Besucher erwartet, die Musik und Raum für politisches Engagement suchen. Dazu gehört auch das Projekt „Sounds of Democracy“, ein Statement gegen die autoritäre und nationalistische Politik der Regierung von Robert Fico.
Was zeichnet Oulu aus?
Oulu mit rund 220.000 Einwohnern liegt an der finnischen Westküste am Bottnischen Meerbusen, etwa 600 Kilometer nördlich von Helsinki, und gilt als nördlichste Großstadt der EU. In der Innenstadt stehen viele schlichte Gebäude aus den 1950er- und 1960er-Jahren, aber auch der gelbe Dom und eine alte Markthalle aus rotem Backstein. Es gibt viel Wasser und eine vorgelagerte Insel mit Stadttheater und einer großen Bibliothek aus Beton und Glas.
Wie viele andere Orte in Finnland hat auch Oulu im vergangenen Jahrhundert eine starke Urbanisierung erlebt. Mitte der 1980er-Jahre lebten dort rund 100.000 Menschen, doch IT-Unternehmen und die zweitgrößte Universität des Landes ließen die Bevölkerung wachsen.
Die Region um Oulu ist geprägt von rauem Klima. Unter dem Motto „Kultureller Klimawandel“ schlägt das Programm des Kulturhauptstadtjahres den Bogen zur Witterung: Schneeskulpturen, Eisschwimmen und Lichtinstallationen auf gefrorenen Seen sollen dem Jahr seinen Stempel aufdrücken.
In der Kälte spielt die Sauna eine große Rolle – auch im Programm. So ist im Herbst ein internationales Saunaseminar geplant, und am Strand entsteht eine öffentliche Sauna.
Oulu ist eine Fahrradstadt: Das 950 Kilometer lange Radwegenetz verläuft größtenteils getrennt vom Autoverkehr und wird im Winter vor den Straßen geräumt. Deshalb radeln die Menschen ganzjährig. Im Sommer entfallen über 20 Prozent aller Fahrten auf das Fahrrad, im Winter über zehn Prozent.
Was bietet Oulu 2026?
Ein Highlight des im Februar beginnenden Kulturhauptstadtjahres ist eine große Multimediainstallation im Rathaus. Das Werk thematisiert Frieden. Noch ist vieles hinter Gerüsten und schwarzen Tüchern verborgen, doch Bildschirme mit Tausenden weißen Punkten sind bereits erkennbar.
„Wir eröffnen ein neues Museum und ein Kulturzentrum für Kinder in der Bibliothek“, kündigt Programmdirektor Samu Forsblom an. Ziel sei, „dass Kreativität überall sichtbar wird“. Deshalb werde es Kunst und Kultur auch in Räumen geben, „die normalerweise nicht dafür vorgesehen sind“.

Stadt am Wasser: Das Theater von Oulu hat eine traumhafte Lage.© IMAGO / Depositphotos / Dudlajzov
600 größere Projekte sind geplant, darunter ein Technofestival auf dem gefrorenen Meer und ein Essen an einem kilometerlangen Gemeinschaftstisch. Mit Konzerten und kleineren Ausstellungen gebe es insgesamt über 3000 Veranstaltungen, sagt Forsblom.
Mehr über die Sámi erfahren
Der rote Faden des Programms ist die Natur, ein Schwerpunkt die samische Kultur. Die Sámi sind das einzige indigene Volk auf dem Gebiet der EU. Sie leben in den nordischen Ländern und auf der russischen Kola-Halbinsel. In Oulu befindet sich die größte samische Gemeinde außerhalb von Sápmi, dem ursprünglichen Siedlungsgebiet. Das Giellagas-Institut an der Universität Oulu ist der einzige Ort in Finnland, an dem man samische Kultur und Sprachen auf Muttersprachenniveau studieren kann.
Im Programm des Kulturhauptstadtjahres gibt es unter anderem eine samische Oper sowie eine große Ausstellung mit samischen Künstlerinnen und Künstlern im Kunstmuseum Oulu und das Dálvemánnu-Festival rund um den samischen Nationalfeiertag in der ersten Februarwoche, berichtet Marco Jouste, Professor für samische Kultur an der Universität Oulu. „Hoffentlich erfahren die Menschen, die 2026 hierherkommen, mehr über die Sámi und ihre Kultur“, sagt Jouste erwartungsvoll.
Jana Sinram, Marianne Allweiss, rzr

















